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mmix.xxvi

January 6th, 2010

Paul Auster: Oracle Night
Faber and Faber, London 2004

beg, bee: 30.12.2009, 05.01.2010

243 Seiten, Festeinband
engl.-sprachig
Roman, Literatur, Postmoderne, Vereinigte Staaten

mmix.xxv

January 6th, 2010

Titus Arnu (Hrsg.): Übelsetzungen - Sprachpannen aus aller Welt
Langenscheidt, Berlin / München et al. 2007
3. Auflage 2008

beg, bee: 27.12.2009, 28.12.2009

Wohl kaum ein Buch zu nennen, ergeht sich dies unverkennbar deutsche Printprodukt, ohne jeglichen Hintersinn, in Schadenfreude und Häme und läßt so neben wohlfeilem Feixen für Sprachwitz oder humorvolle Sprachkritik keinen Raum. Montiert und redigiert qua wahllosem Cut & Paste und beliebiger Bebilderung, entpuppt es sich so in für einen Verlag wie Langenscheidt beschämender Weise als billige Fließbandware, welche die Leser mit eigenen Schnappschüssen und Fundstücken zu ergänzen aufgefordert sind im als Anschreiben verfaßten Kolophon. דרעק: Drek auf dem teller.

128 Seiten, Broschur
dt.-sprachig
Bildband, Sprachkritik, Deutschland

mmix.xxiv

January 6th, 2010

Paul Auster: Man in the Dark
Faber and Faber, London 2008
3. Auflage 2009

beg, bee: 18.12.2009, 26.12.2009

180 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Roman, Literatur, Postmoderne, Vereinigte Staaten

mmix.xxiii

January 6th, 2010

James Baldwin: The Fire Next Time
Penguin Books in association with Michael Joseph, Harmondsworth / Ringwood 1963, 1964
7. Auflage 1971

beg, bee: 08/2009, 11/2009

96 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Essays, Literatur, Rassenpolitik, Vereinigte Staaten

mmix.xxii

August 22nd, 2009

Oscar Ogg: The 26 Letters
Thomas Y. Crowell Company, New York 1961, 1948
8. Auflage 1962

beg, bee: 31.07.2009-02.08.2009 u. 18.-19.08.2009

“The reason that the letter forms of many early designers are superior to their modern counterparts is that the modern letterers have attempted to arrive at the conclusions of the early designers without first having become acquainted with the sources of their results.” (Oscar Ogg, zitiert in: Leslie Cabarga: Logo, Font & Lettering Bible, S. 78)

Der Liebe zum Schreiben entspringt dieses Buch, nicht im Sinne des literarischen Vollzugs, sondern als Ausführung und Gestaltung der Schrift zum eigenständigen Objekt von Kunstfertigkeit und Zeugnis des Schönen; und sein Autor, Oscar Ogg (1908-1971), gilt neben Paul A. Bennett und Warren Chappell als einer der herausragenden US-amerikanischen Schriftentwerfer, Graphiker und Illustratoren Mitte des 20. Jahrhunderts. The 26 Letters erschien erstmalig 1946 in kleiner, bibliophiler Auflage in New York, im gleichen Jahr, als Ogg dort die kalligraphische Abteilung an der Columbia-Universität begründete, und nimmt den Leser mit auf eine Reise von den vorgeschichtlichen Ursprüngen der Schrift in Skulptur und Höhlenmalerei bis zu dem uns vertrauten, in einer langen Entwicklungskette ausgeformten lateinischen Alphabet mit seinen 26 Buchstaben. Kursorisch folgt Ogg in sieben von neun Kapiteln der Geschichte des Abc mit einer Übersicht der konkurrierenden Schriftsysteme der alten Ägypter (hieroglyphisch, hieratisch, demotisch) und einem faszinierenden Exkurs über die (kolonial verwickelte, kollateral durch Napoleons Feldzug bedingte) Entdeckung und Entzifferung des Steins von Rosetta, beschreibt die Herausbildung des ersten wahren, des phönizischen Alphabets mit seiner Vermengung kretisch-minoischer und ägyptischer Einflüsse mit den Cuneiform der Völker Mesopotamiens (Assyrer, Babylonier, Hethiter) und zeichnet die Überführung der Schrift vom griechisch-römischen Zeitalter bis hin zur Moderne nach. Der karolingische Beitrag um die Minuskeln, die Sonderformen der Halbunziale auf den britischen Inseln und in der frühchristlichen Literatur Irlands, die stilistische Virtuosität der Manuskripte mönchischer Skribenten des Hochmittelalters finden ebenso Erwähnung wie, eingehend und archetypisch, die formvollendete Inschrift der im Jahr 113 in Rom errichteten Trajanssäule als erstem Höhepunkt europäischer Hochschriftkultur.

Ogg illustriert sein zentrales Argument, die Gestaltung der Buchstaben des Alphabets folge aus dem Werkzeug, das der jeweiligen Kultur zum Schreiben zur Verfügung stehe, ein ums andere Mal, wenn er die Keilschrift wortwörtlich nimmt, in deren Bezeichnung selbiger Zusammenhang genuin eingefaßt ist, wenn er die gerade Strichführung (früher) altgriechischer Buchstaben ableitet aus der Verwendung von Wachstafeln, in welche Notizen mit einem Griffel eingekratzt wurden, während die Nutzung von Papyrus und (später) auch Papier und Pergament schon der klassischen Antike weichere, geschwungenere Formen erlaubte, und wenn er die Beschriftungen griechischer Reliefs und Plastiken vergleicht mit der Blüte trajanscher Kapitalien, derer erstere noch mit geradem Schlag mit dem Meißel dem Stein abgerungen sind, während letztere zunächst aufgemalt und hernach in ihren Rundungen und Wölbungen vom Steinmetz raffiniert herausgearbeitet wurden, wobei die Römer, durch ihre Meißeltechnik genötigt, die Serifen herausbildeten. “The tool governs the form again [and again]“ (S. 213), konstatiert Ogg, und so bleibt die Bedeutung von Material und Instrumentarium für die Kulturtechnik des Schreibens auch Leitmotiv der zwei abschließenden Kapitel zur Geschichte des frühen Buchdrucks, welcher rasch die Entwicklung standardisierter Schrift-Lettern bedingte. Waren die ersten Vertreter des Druckhandwerks noch orientiert an mittelalterlichen Handschriften und regionalen Varianten des lateinischen Alphabets, gewannen binnen eines Jahrhunderts die zwei Formen Vorrang, die bis heute idealtypisch unseren Schriftzeichen unterliegen: Die gebrochenen Schriften, auch Gotische genannt (Fraktur, Schwabacher, Rotunda), die, da sie aufgrund ihres starken Strichs und ihrer gedrängten Gestalt die Buchseiten eng und dicht bedruckt erscheinen ließen: in Schwarz getaucht, im Englischen als Black-Letters bezeichnet werden, und die aus der Kombination humanistischer Minuskeln mit altrömischen Versalien entwickelten Antiquaschriften, letztere bereichert und erweitert durch die Italienische (Italic, echte Kursivschrift) des Aldus Manutius, des Meisters des venezianischen Renaissancebuchdrucks. (Einzig im deutschsprachigen Raum behauptete sich die Gotische bis ins 20. Jh. und fand, als Schreibschrift, in den deutschen Kurrentschriften (z.B. Sütterlin) ihre idiosynkratische Entsprechung.)

Ogg, ein meisterlich geschulter Kalligraph, hat sein Buch mit einer Vielzahl teils kolorierter Schriftbeispiele und Abbildungen versehen, die die mühevolle Geschichte von Schriftwerdung und -erzeugung anschaulich illustrieren; und auch jüngere Leser mögen dem Gedankengang Oggs in seiner einfachen, klar strukturierten Sprache trefflich folgen, nicht zuletzt weil im Erzählton sich die Begeisterung des Autors für das Phänomen des Schreibens vermittelt. Daß er, typographisch-typophil, den Schriftsatz Old Face William Caslons für den vorliegenden Text wählt: “No type of any time, however, has ever made a more attractive and readable page than the original type of Caslon [designed about 1724], [of which] you have an example of a modern redrawing of [...] his honest, handsome letters before you now as you read this book” (S. 239), belegt, wie sehr dem Verfasser die Schreibkunst eine ars amandi war. Was sagte wohl dieser bibliophile Traditionalist zu den heutigen Schriftarten, wie sie moderne Dokumente, ergonomisches Online-Publishing prägen? So bestätigt er sich angesichts PC-gestütztem Schriftdesigns fände in seiner These: Form qua Funktion und Werkmaterial, hieße er sie vielleicht serifen-, charakter- und seelenlos? Produkte tachogener Weltfremdheit? Im nahezu unerschöpflichen Variantenreichtum rechnerbasierter Alphabete finden sich nur wenige, die dadurch bestechen, wie ausgewogen, formschön und elegant sie gestaltet sind. Und so faßt das vorangestellte Zitat, kolportiert vom Fontdesigner Leslie Cabarga, die Arbeitsethik und -technik des Oscar Ogg vielleicht am treffendsten: Nur das Nachvollziehen der Geschichte des Schreibens lehrt das Schreiben selbst.

(7), 262 Seiten, Festeinband
engl.-sprachig
Buchdruck, Typographie, Europa

mmix.xxi

August 11th, 2009

Theodor Heuss: Dank und Bekenntnis
Gedenkrede zum 20. Juli 1944
Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1954

beg, bee: 07.08.2009, 07.08.2009

Der Text kann hier als PDF-Dokument online nachgelesen werden.

16 Seiten, Heft
dt.-sprachig
Politik, Drittes Reich, Deutschland

mmix.xx

August 11th, 2009

Arnold Zweig: Der Spiegel des großen Kaisers
Verlag der Nation, Berlin 1964

beg, bee: 15.07.2009, 24.07.2009

148 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Novelle, Literatur, Deutschland

mmix.xix

July 25th, 2009

N.N. (= Wilhelm Schölermann (Hrsg.)): Vlaemische Dichtung
Eine Auswahl im Urtext und in Übersetzung
Eugen Diederichs, Jena 1916

beg, bee: 20.07.2009, 21.07.2009

Belgien, das ist eine parlamentarische Monarchie im Herzen Europas, Benelux-Staat und Stammsitz europäischer Institutionen; ein Land mit deftig-rustikaler Küche und Haut cuisine, einem Faible für Pommes frites und mehr als 1000 verschiedenen Starkbieren, darunter das fruchtige Kriek, das dunkle Oud Bruin und das bernsteinfarbene Tripel der Trappisten von Chimay; Belgien, schließlich, das ist die Heimat von Tim & Struppi (oder wie Hergé sie nannte: Tintin et Milou), der Schlümpfe und des wortkargen Revolverhelden Lucky Luke und seines getreuen Begleiters Jolly Jumper. Belgien ist aber auch, seit es sich in der “belgischen Revolution” von 1830 vom Vereinigten Königreich der Niederlande lossagte, von Anfang an ein Land des Sprachenstreits, des Gegensatzes zwischen der frankophonen wallonischen Minderheit im Süden und den niederländischsprachigen Bewohnern Flanderns. Dieser Konflikt, der seit dem 19. Jahrhundert schwelt und der den nach fünf Reformen in den letzten 40 Jahren reichlich föderalen Staat regelmäßig an den Rand der Auflösung bringt, hat ökonomische, kulturelle und auch politische Gründe, die das Land besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch immer wieder zum Spielball ausländischer Interessen werden ließen. 1914, mit Beginn des 1. Weltkrieges, marschierten deutsche Truppen unter Mißachtung belgischer Neutralität ein, um den französischen Feind von Norden her zu umklammern. Dieser 1905 entwickelte, wenn auch von Moltke adaptierte Schlieffen-Plan provozierte den Kriegseintritt Großbritanniens und die Katastrophe des großen europäischen Krieges.

Flankiert wurden die militärischen Operationen an der Westfront im Deutschen Reich durch die sogenannte Flamenpolitik, den Versuch, Unterstützung durch ein deutschfreundliches Flandern zu gewinnen, indem das gemeinsame “geistige Band zwischen Deutschtum und Vlamentum” (Stockey) betont und die flämische Sprache und Literatur als der deutschen eng verwandt neuentdeckt wurde. Daß jene im jungen belgischen Staat der französischen Amtssprache nachgeordnet war, wurde als Beleg des Herrschafts- und Vormachtsanspruchs der “Welschen”, d.h. der Wallonen, angeführt. Unter diesem Vorzeichen verlegte der Jenaer Eugen Diederichs Verlag anno 1916 die vorliegende zweisprachige Anthologie in einem schmucken Pappband mit einer Umschlagzeichnung des Posener Illustrators Fritz Helmuth Ehmcke. Es finden sich darin mit Emmanuel Hiel, Albrecht Rodenbach und Theodoor Sevens kämpferische, nationalistische Stimmen, deren Dichtung ein ums andre Mal den flämischen Gründungsmythos beschwört: die Goldene Sporenschlacht bei Kortrijk, als 1302 ein flämisches Infanterieheer aus Bauern und Zunfthandwerkern die französische Kavallerie unter Robert Graf von Artois vernichtend schlug. Neben solch flämisch-nationalen Anklängen spiegelt die Gedichtsammlung die stilistische Bandbreite des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts wider mit der Naturlyrik eines Guido Gezelles, den historisierenden Versen Willem Gijssels und der naiven Poesie Pol de Monts. Die Mehrzahl der ausgewählten Texte zeichnet sich durch sprachliche Einfachheit aus, die den Herausgeber an “Kinderlaut und Naturton” gemahnt, was nicht einzig dem Klang geschuldet ist. Hymnus und Pathos dieser Kriegsgesänge stoßen dem Leser nachgeborener Generation sauer auf und wirken eingedenk der zwei großen, durch Nationalismus befeuerten Kriege seltsam schal und unzeitgemäß. Aus den Strophen spricht zu uns gestriger Geist, den wir hoffen wollen, in Europa überwunden zu haben. Die Dilletantismen eines August Oscar Vermeiren, der holdes Kindesglück sich zum Thema wählt, oder eines Lambrecht Lambrechts, der Mutter und Oheim sprachlich hilflos ehrt, sind leider charakteristisch für die Qualität der Auswahl; nur vereinzelt können Verse bestechen wie das zaubrische, literarisch versierte Exzerpt aus Prosper van Langendoncks Der Wald, in welchem mit dem Symbolismus die Moderne anklingt. Dem Gros der Texte, selbst dem als Sonett verfaßten Dorfidyll des Niederländers Jacques Perk, unterliegt ein überraschend dunkler Grundton - vielleicht Zeugnis des geschichtlichen Bewußtseins ob ihrer Sujets. Die Übertragungen ins Deutsche, vorgenommen durch den Herausgeber sowie Hjerm Holling, sind angemessen und erreichen das selbstgesteckte Ziel, dem aufmerksamen Leser die Nähe der Sprachen vor Augen zu führen.

In dieser Erstausgabe bleibt der Herausgeber ungenannt: Wilhelm Schölermann, geboren 1865, tätig als Kunsthistoriker, Maler und Schriftsteller, war eine prägende und zutiefst ambivalente Figur des wilhelminischen Geisteslebens um die Jahrhundertwende und trat einerseits, als Übersetzer der Grashalme Walt Whitmans, der Architekturtheorie John Ruskins und der Essays Ralph Waldo Emersons, mit bedeutenden Beiträgen zur Vermittlung britischer und amerikanischer Literatur im kaiserlichen Deutschland in Erscheinung. Auf der anderen Seite nahm er rege teil am antisemitischen und rassischen Diskurs seiner Zeit und veröffentlichte u.a. in Theodor Fritschs deutsch-nationaler Zeitschrift Hammer wie auch in den Deutschbundblättern zu Fragen der Volkshygiene und zur “Judenfrage”. In seinen Schlußbemerkungen zum vorliegenden Band, im Nachwort wird eben dieser nationalistische Charakter Wilhelm Schölermanns unverkennbar, wenn er eingedenk des “stammverwandten Volkes” der Flamen auf das hinweist, “was blutsverwandte Rassen einander geben und nehmen, was sie wechselseitig schenken und empfangen können: ein Fühlen und Denken, ein Hoffen, Leiden und Singen, einen Sprachenstamm”. 100 Jahre später sind es immer noch die Sprachen, die uns scheiden - aber das wechselseitige Annehmen in der Verschiedenheit, vielleicht zeichnet sich darin der Erfolg des europäischen Projekts aus.

142, (2) Seiten, Festeinband
dt.-/ndl.-sprachig (Ü: Wilhelm Schölermann, Hjerm Holling)
Lyrik, Literatur, Flandern, Belgien

mmix.xviii

June 26th, 2009

N.N.: Die Geschichte des Königs Apollonius von Tyrus
Ein antiker Liebesroman nach dem Text der Gesta Romanorum
Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1987

beg, bee: 26.06.2009, 26.06.2009

Rasant wirbelt dieser hellenistische Roman durch das Geschick des Apollonius, König von Tyrus, und der Seinen, quer durch das östliche Mittelmeer und Nordafrika, und dekliniert im Parforceritt die Leidenschaften und Laster antiker Fürsten und ruchloser Kuppler, ehrbarer Dienstleute und Bürger durch. Mit einem Paukenschlag, dem frevelhaften Inzestverhältnis des Antiochus zu seiner Tochter1, eröffnet die Geschichte, und Apollonius, auf Brautschau in Antiochia, trifft so der Bannfluch des Königs: Sturm, Untergang und Verderben, bis nach vielerlei Irrungen und Wirrungen “zeitliches Trübsal sich schließlich in ewige Freude verwandelt”.

Dabei ist, für den heutigen Leser ungewohnt, diese spätantike Odyssee ungemein mit Pathos aufgeladen, wenn z.B. die Tochter des Altistrates (Archistrates) in fiebriger Verliebtheit dem schiffbrüchigen Apollonius anheimfällt und sich, in einer plenitudine amoris, nach ihm verzehrt:

“Interposito brevi temporis spatio, cum non posset puella ulla ratione vulnus amoris tolerare, in multa infirmitate membra prostravit fluxa, et coepit iacere imbecillis in toro. Rex ut vidit filiam suam subitaneam valitudinem incurrisse, sollicitus adhibet medicos, qui temptantes venas tangunt singulas corporis partes, nec omnino inveniunt aegritudinis causas.” (Cap. XVIII)

In der Übertragung Ilse und Johannes Schneiders:

“Danach wurde das Mädchen vor heißer Liebe zu dem Jüngling ganz krank. Wie nun der König sah, daß es seiner Tochter gar nicht gut ging, ließ er rasch die Ärzte holen. Diese befühlten ihre Adern und ihre einzelnen Körperteile, konnten aber keine Krankheit feststellen.” (S. 30, bemerkenswert hier als bekanntes Motiv die kursorische Einordnung, Prüfung und Zurückweisung der Liebessymptomatik als Erkrankung)

Der nüchterne Tonfall der deutschen Fassung, die das “volkstümlich erzählende Latein” der Gesta Romanorum “widerzuspiegeln [...] sich bemüht”, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, kontrastiert zuweilen stark mit den emotionalen Auf- und Abschwüngen der Protagonisten, die, noch im Gepräge der mythischen Tradition, wenn auch schon in bürgerlicher Erscheinung, typenhaft, holzschnittartig anmuten2; er dient aber, ohne sprachlichen Prunk, der Übertragung als modernem, belletristischem Pendant im Sinne mittelalterlicher Unterhaltungsliteratur. Und um dieselbe handelt es sich ja bei den Gesta Romanorum.

“‘Meister Apollonius, bist du nicht betrübt darüber, daß ich einem anderen verheiratet werden soll?’ Doch dieser erwiderte: ‘Nein, denn alles, was dir Ehre bringt, wird auch mein Glück sein.’ Darauf sprach das Mädchen: ‘Meister, wenn du mich liebtest, wärest du darüber betrübt.’” (S. 32)

Im Original:

“‘Magister Apolloni, ita tibi non dolet, quod ego nubam?’ Apollonius dixit: ‘Immo gratulor, quod habundantia horum studiorum docta et a me patefacta, deo volente et cui animus tuus desiderat, nubas.’ Cui puella ait: ‘Magister, si amares, utique doleres tuam doctrinam.’” (Cap. XX)

Die literaturwissenschaftlich motivierte Rekonstruktion der Genese des Apollonius-Textes im Anhang erläutert seine eminente Bedeutung für das europäische Mittelalter und die frühe Neuzeit; über die Renaissance hinaus bis zu Shakespeares Perikles (1607) war die Historia Apollonii so etwas wie “ein Stück Weltliteratur” und der Stoff, vielfach adaptiert und variiert, ungewöhnlich weit verbreitet als Teil europäischer Volksbücher. Dabei erfuhr die Geschichte, von ihrer mutmaßlichen Entstehung als spätantik-griechischer Text des ausklingenden 3. Jhs. bis zur Aufnahme in die Gesta Ende des 13. Jhs., einen enormen Wandel und amalgierte zusehends heidnische und christliche Topoi.

Diese eigentümliche Verbindung, die himmlische Prophetie und Engelsvision mit dem Dianatempel von Ephesos zusammenführt, die Fülle archaischer Motive: Rache, Lust, Inzest, und christliches Heilsversprechen, das schriftstellerische Ungestüm, das einen dramatischen Bogen spannt von lukullischen Hofszenen zu moralischer Einsicht zu Piraterie, Raub und Hurerei, all dies kann auch den heutigen Leser noch ansprechend unterhalten. Die vorliegende Prosafassung macht neugierig auf weitere Bearbeitungen des Stoffes.

1: Historisch inspiriert ist diese Begebenheit vielleicht durch den geschichtlichen Antiochos I., dessen Vater Seleukos I. ihm, seinem Sohn, die Stiefmutter Stratonike zur Frau gab. Ihre expositionelle Funktion im Ausgangspunkt der Handlung wird ergänzt durch das wiederholte Aufgreifen des Vater-Tochter-Motivs und den Kontrast der “natürlichen Vaterliebe” des Apollonii, Altistrati und auch Athenagorou (Gen., Athenagoras) zur “unnatürlichen Begehr” des Antiochi.
2: Apropos Holzschnitt: Der Band ist illustriert mit einer Vielzahl Radierungen Harry Jürgens’, welche orientalische und mittelalterliche Szenerien allegorisch und figürlich vorzüglich aufgreifen und, obschon im Tiefdruckverfahren verfertigt, Holzstichen augenscheinlich gleichen.

110 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig (Ü: Ilse und Johannes Schneider)
Roman, Literatur, Antike, Hellenismus

mmix.xvii

June 25th, 2009

Jack Harte: From under Gogol’s Nose. A Collection of Short Stories
Scotus Press, Dublin 2004

beg, bee: 23.06.2009, 24.06.2009

Author

207 Seiten, Broschur
engl.-sprachig
Erzählungen, Literatur, Irland