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mmix.vi

March 13th, 2009

Thomas Hammarberg: Human Rights in Europe: No Ground for Complacency
Viewpoints by the Council of Europe Commissioner for Human Rights
Council of Europe, Strasbourg 2008

beg, bee: 10.03.2009, 13.03.2009

Streitbar ist Thomas Hammarberg, Menschenrechtskommissar des Europarats, entschieden tritt er für Grundsätze und Überzeugungen ein, wie das europäische System der Menschenrechte fortentwickelt werden soll, und benennt, was noch im Argen liegt und Beachtung verdient. Obschon in den nunmehr 47 Mitgliedsländern viel erreicht ist mit der anno 1953 in Kraft getretenen Europäischen Menschenrechtskonvention und der Einsetzung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, gibt es nach Ansicht Hammarbergs keinen Grund, nachzulassen im Kampf für die Menschenrechte. So führt er zurecht die fortdauernde, quasi-systematische Benachteiligung der Roma in Europa als “shameful history of repression and violent atrocities” (S. 129) und “an embarrassing failure” (S. 8) an, geißelt die Rechtsvergessenheit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, in dessen Rahmen an unzählige bürgerliche Freiheitsrechte gerührt wird, und weist beharrlich auf die noch immer weitverbreitete Mißhandlung von Frauen und Kindern hin (s. zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland z.B. [Tabelle 2004][Studie 2008]):

“The problem is deep and serious. As part of their daily lives, children across Europe and the world continue to be spanked, slapped, hit, smacked, shaken, kicked, pinched, punched, caned, flogged, belted, beaten and battered in the name of ‘discipline’, mainly by adults whom they depend upon.” (S. 107)

An der Publikation besticht die entschiedene Haltung Hammarbergs und sein unzweideutiges Bekenntnis zu den Menschenrechten, Auffassungen, die er präzise und prägnant formuliert. Hierbei muß man ihm nicht notwendig beipflichten - die Position des Schweden zu Fragen der Sicherungsverwahrung und lebenslänglichen Freiheitsstrafen mutet naiv an, ebenso seine Vorschläge zur partizipativen Einbindung von Kindern ins politische System, seine Kritik an der Abschiebungspraxis “irregulärer Migranten” stellt staatliche Souveränitätsaspekte unbotmäßig hinter Menschenrechtsüberlegungen zurück -, aber die Reibungspunkte erlauben und stoßen eine notwendige Diskussion an, in der sich der Leser Rechenschaft geben kann über die ihm im Alltag so selbstverständlichen Freiheiten und Rechte. Eine zuweilen bewußt einseitig humanitäre Argumentation beflügelt die Idee der Menschenrechte in der Auseinandersetzung mit legalen, kulturell und ökonomisch motivierten Prinzipien.

Der Band versammelt Aufsätze, die Hammarberg zwischen April 2007 und März 2008 im Laufe seines zweiten Amtsjahrs als Kommissar für Menschenrechte verfaßt und alle zwei Wochen als Standpunkte (”Viewpoints”) ins Internet eingestellt hat. Er verleiht den Menschenrechten eine wichtige, trotz ihrer Besonnenheit klar und deutlich vernehmbare Stimme und stellt sie dorthin, wohin sie gehören: in den öffentlichen Diskurs. Unter dem Menüpunkt “Viewpoints” sind auf seiner Seite weitere Aufsätze des streitbaren Europarat-Menschenrechtskommissars zu finden.

“A united European voice is all the more important now that the United States have lost their moral authority as a result of their human rights violations in the so called ‘war on terror’. I have been disappointed by the lack of a clear European governmental position on these violations. [...] The near silence of Europe on these issues is embarrassing and undermines our credibility in other parts of the world.” (S. 9)

134 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Menschenrechte, Diskriminierung, Europarat, Europa

mmix.v

March 8th, 2009

Rainer Stephan: Gebrauchsanweisung für das Elsaß
Piper Verlag, München 2004
2. Auflage 2007

beg, bee: 05.03.2009, 08.03.2009

Elsaß-Lothringen, das ist ein Fokalpunkt europäischer Geschichte, deutsch-französischer Erbfeindschaft und Nachkriegsfreundschaft, das Elsaß eine Region, die die Kultur des Savoir-vivre mit deutscher Gemütlich- und Bodenständigkeit fruchtbar amalgamiert, ein “Dreyeckland” zwischen Basel, Freiburg und Straßburg, das seine Eigenständigkeit gegenüber dem nachbarschaftlichen Übergewicht der “Schwoben” einerseits und Pariser Zentralismus andererseits behauptet und gewahrt hat. Pfleglich gehegte Provinzialität erwies sich als Keimzelle, gelebte Interkulturalität (stets zwischen allen Stühlen) als Ausdruck wenn nicht ausgesprochen pro-, so doch paneuropäischer Gesinnung, ein Regionalismus mit unverwechselbaren Zügen charmanter Renitenz.

Rainer Stephans über weite Strecken vergnüglich abgefaßte Gebrauchsanweisung, erschienen in Pipers reizvoller Reihe literarischer Regionalportraits abseits von Reiseführern und Urlaubsplanern, eröffnet dem Leser ein humorvolles Elsaßpanorama mit kulinarischen Reflexionen über saures choucroûte royal (das in Ungarn besser schmeckt) und erklecklicher Sommelier- und Gourmetkunde (wie ein bunter Hund scheint er bekannt mit allerorten Dreisterneköchen): so firmiert der Pinot Gris im Elsässischen unter “Grauclevner” (und wurde als Tokai d’Alsace vor dreihundert Jahren aus Ungarn importiert), mit einer Entourage seitab touristischer Routen und Urlaubsnepp und erquicklichen Einsichten in das schwierige Verhältnis des Elsässers zum Deutschen. Darin spart er nicht mit Sticheleien gegen Anrainer beiderseits des Rheins.

Matthias Grünewalds “Isenheimer Altar”, der Pfifferdaj, der alljährlich in Ribeauvillé an die Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit der deutschen Grafen von Rappoltstein im damaligen Rappoltsweiler über Gaukler und fahrende Spielleute erinnert, der Sechseimerbrunnen, das Obertor und die Künstlerkolonie von Boersch - in Stephans Buch gibt es für den deutschen Leser viel zu entdecken über das Elsaß, wie z.B. die von Adalbert von Chamisso noch besungene Burg Niedeck oder ein zur Waldwirtschaft umfunktioniertes altes Forsthaus im Elmerforst und auch einen ostwärts (gen Deutschland: als Mahnung?) gerichteten Panzer in Kientzheim. Straßburg, die alte freie Reichsstadt, Präfektur (nebst Colmar) der Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin (die zusammen die in der französischen politischen Terminologie ausgesparte Region Elsaß bilden), behandelt der Autor facettenreich und erschöpfend - und doch wird der Leser angehalten, weiter nachzuforschen.

Der Zusammenhang zwischen Straßburgs malerischem, von der Vaubanwehr eingefaßten Gerberviertel Petite France und der Syphilis, beispielsweise, findet sich nicht im Buch. Dazu schwingt im Autoren vielleicht zuviel Lokalpatriotismus mit. Die Sprache Stephans ist kurzweilig, die Kapitelübergänge beredt, und auch wenn ein großer Erzählbogen ausbleibt, sind die Exkursionen, Hakenschläge und Detours in diesem anregenden Kultur- und Historienreigen lehrreich und bildhaft, ohne das Gris en gris des modernen Elsaß und seiner Vorstädte in Mulhouse (Mühlhausen), Straßburg und Schlettstadt (Sélestat) - und damit Frankreichs - zu verschweigen. “[D]ie altmodische Kunst des Bücherlesens läßt einen auch heute noch persönliche Abenteuer erleben, die andere nur aus dem Kino kennen” (S. 107), so resümiert Stephan die phantastische Begebenheit um Stanislas Gosse, dem Arsène Lupin d’Alsace, und er läßt den Leser teilhaben an filmreifer, bibliophil motivierter Kleptomanie, wie sie vielleicht nur noch im Elsaß zu finden ist.

191 Seiten, Broschur
dt.-sprachig
Reiseliteratur, Region Alsace-Lorraine, Frankreich

mmix.iv

March 4th, 2009

Leo N. Tolstoj: Die Kreutzersonate / Der Teufel
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek b. Hamburg 1961

beg, bee: 24.02.2009, 04.03.2009

antimodernistisch, christliche Morallehre

160 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig (Ü: Alexander Eliasberg, Svetlana Geier)
Prosa, Literatur, Rußland

mmix.iii

February 23rd, 2009

Deborah Mathieu: Preventing Prenatal Harm - Should the State Intervene?
(Second Edition)
Georgetown University Press, Washington D.C. 1996

beg, bee: 04.02.2009, 23.02.2009

Review by Heather Draper (PDF)

viii, 188 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Bioethik, Medizin, Recht, Nordamerika

mmix.ii

February 3rd, 2009

Don DeLillo: White Noise
Picador, London 1999
21. Auflage 2006

beg, bee: 20.01.2009, 02.02.2009

“The power of the dead is that we think they see us all the time. The dead have a presence. Is there a level of energy composed solely of the dead? They are also in the ground, of course, asleep and crumbling. Perhaps we are what they dream.
May the days be aimless. Let the seasons drift. Do not advance the action according to a plan.” (p. 98)

326 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Roman, Literatur, Postmoderne, Nordamerika

mmix.i

January 18th, 2009

Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1987
4. Auflage 1997

beg, bee: 09.01.2009, 18.01.2009

180 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig
Prosa, Literatur, Deutschland, Österreich

mmviii.xvi

January 5th, 2009

Georges Perec: W oder die Erinnerung an die Kindheit
Verlag Volk und Welt, Berlin 1978

beg, bee: 13.12.2008, 03.01.2009

Erstausgabe

“Ich weiß nicht, ob ich nichts zu sagen habe; ich weiß nicht, ob, was ich etwa zu sagen hätte, nicht gesagt wird, weil es unsagbar ist (das Unsagbare verbirgt sich nicht im Geschriebenen, es ist vielmehr jenes Etwas, was lange zuvor zu seinem Entstehen geführt hat); ich weiß, daß meine Aussage leer, neutral ist, sie ist ein endgültiges Zeichen einer endgültigen Vernichtung.
Das eben ist es, was ich sage, was ich schreibe, und das allein findet sich in den Worten, die ich setze, in den von diesen Worten gebildeten Zeilen, in den leeren Räumen zwischen den Zeilen…
Ich schreibe nicht, um auszusagen, daß ich nichts sagen werde, ich schreibe nicht, um darzutun, daß ich nichts zu sagen habe. Darum schreibe ich: weil wir miteinander gelebt haben, weil ich einer von ihnen war, ein Schatten inmitten ihrer Schatten, ein Körper nahe ihren Körpern; ich schreibe, weil sie mir ihre unauslöschliche Spur hinterlassen haben, die in dem von mir Geschriebenen zutage tritt: Die Erinnerung an sie läßt sich nicht schriftlich erfassen; wenn ich schreibe, so geschieht es, um ihres Todes zu gedenken und um zu bekräftigen, daß ich lebe.” (S. 51f.)

191 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig (Ü: Thorgerd Schücker)
Erzählung, Autobiographie, Frankreich

mmviii.xv

December 27th, 2008

Don DeLillo: Mao II
Vintage U.K., London 1992
12. Auflage 2004

beg, bee: 09.12.2008, 26.12.2008

“[T]he withheld work of art is the only eloquence left.” (p. 67)

“Beckett is the last writer to shape the way we think and see. After him, the major work involves midair explosions and crumbling buildings. This is the new tragic narrative.” (p. 157)

250 Seiten, Taschenbuch
engl.-sprachig
Roman, Literatur, Postmoderne, Nordamerika

mmviii.xiv

December 14th, 2008

Thomas Bernhard: Ereignisse
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1994
2. Auflage 1997

beg, bee: 13.12.2008, 13.12.2008

72 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig
Prosa, Literatur, Deutschland, Österreich

mmviii.xiii

December 11th, 2008

Anna Katterfeld: Die Stadt der Barmherzigkeit
Anker-Verlag, Bremen 1930

beg, bee: 10/2008, 04.12.2008

Anrührend schildert die Anna Katterfeld Bilder aus Vater Bodelschwinghs Leben und Lebenswerk, wie der Untertitel das Buch faßt… baltische Erzieherin…

224 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Biographie, Bethel, Christentum