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54stories: Klingen

Dezember 21st, 2014 — 4:09am

Soho Grand 1201: Birds in the Mirror Freunde haben einen von der Zeit und dem ARD-Morgenmagazin hochgelobten literarischen Adventskalender ersonnen und ins Netz gestellt, und ich darf mittlerweile auch ein Kalenderblatt mein eigen nennen (Nr. XX), bin somit nicht ganz unvoreingenommen.

Die Lektüre von Kurzprosa und einzelnen Gedichten junger deutschsprachiger, in aller Regel veröffentlichter Autoren sei dennoch ans Herz gelegt; Kann denn auch ein Adventsmorgen schöner beginnen, als Fabuliertes im Sonnenschein im rechten Licht zu besehen und ein ums andere Mal der literarischen Verführung, Eskapade, dem Eskapismus nachzugeben?

54stories.de wird auch über den Heiligabend hinaus Stimmen sammeln; zunächst aber sei es ein frohes Fest der Literatur zum Hohen Fest.

Ich bin mit einem sprachlich nicht ganz der Berliner / Leipziger / Hildesheimer Schule verschriebenen Text vertreten; an die Stelle von Parataxe und Plot tritt… nun ja: Der Leser urteile selbst. Es ist eine mir in die Jahre geratene Stimme, nicht ganz so bemessen wie heutigentags, die 2005 zu Papier gebracht jetzt neu erwacht. Ein Erinnern und Ruf.

Text: Klingen, die sich kreuzen… (PDF-Dokument)

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Schwarmbilder

Juli 18th, 2014 — 12:53pm

Der Begriff des Schwärmens versammelt in sich so Gegensätzliches wie militärischen Drill und das Erratische des Insektenflugs, die doppelte Bewegung von Individuum und Vielzahl respektive Kollektiv, das Schlingern mikroskopisch kleiner Elektronen in der Atomphysik (wiewohl Abstraktion) wie auch – in kosmischer Dimension – nach Georg Heym “das dunkle Volk der flatternden Plejaden” und andere offene Sternenhaufen, verstanden als Materie in Raum in Bewegung. Schon im Buch Hiob heißt es: “Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen? [...] Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?”

Plantes au lait 1 (Mai 2014) Etymologisch eng verwandt ist dem Schwarm das Schwirren, lautmalerisch: Sirren, worunter sowohl Flügelschlag als auch das helle Summen der Mücke fallen, beides tönende Bewegung im Hin und Her; ebenso: das statische Rauschen des Fernsehsignals zur Mitternacht wie auch der tonlose Tanz von vom Wind verwirbelten, aufgestobenen Schneeflocken, dies “weiße, wirbelnde Nichts”, das den Hans Castorp mit “hexagonaler Regelmäßigkeit” herumirren läßt und zaubrisch zuzudecken droht: Weh und wehe! Inmitten des Schneetreibens nimmt die Schwärmerei totalitäre Züge an, bringt den jungen Protagonisten an seine Grenzen.

Denn auch das flackernde Irrlichtern individueller Zuneigung, die Begeisterung und Tollheit, fiebrige Verzückung und hellichte Entzündung des Phantasten tragen alle das Schwärmerische in sich, das Grenzgängerisch-Flanierende, den Drahtseilakt, sei es in der schwärmerischen Ekstase der Liebe, die das Gegenüber sehnsüchtig überzeichnet und erhebt, sei es in religiöser Erinnerlichkeit und Raserei, die den einzelnen Schwärmer teilhaftig werden läßt am gemeinschaftlichen Bekenntnis, rauschhaft aufgehen in Körper und Lobpreis der Gemeinde: Apotheose (Metamorphose) anstelle methodologischen (ideologischen?) Individualismus. In der Schwärmerei artikuliert sich sowohl Besinnungslosigkeit als auch sinnlich-korporaler Akt: je die vereinzelte menschliche Conditio transzendierende Bewegungen.

Wie George Steiner aufweist, ist unser Denken, dieser “Kern unserer Einzigartigkeit, [das] innerste, privateste, verschlossenste Besitztum”, das wir eignen – unsere Wesensbestimmung schlechthin – paradoxerweise zugleich “milliardenfacher Gemeinplatz”, eine Chiffre menschlicher Existenz, derer Begriffe und Erfahrungen wir intimst-universell miteinander teilen. Dabei sind unsere “Denkprozesse [...] in überwältigendem Maße diffus, ziellos, zerstreut, versprengt und unbeobachtet. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, ‘überall’, was in Wendungen wie ‘kopflos sein’, ‘den Kopf verlieren’ seinen Ausdruck findet.” Sind wir in Form und Gehalt also nur ineinander vermengtes schwärmerisches Moment?

Entsprechende Überlegungen leiten technologische Visionen, soziologische Konstrukte, Dys- und Utopien. Schwarmintelligenz als individuelle Geworfenheit und Kontingenz ablösende Zweckbestimmung menschlicher Erfahrung: durch Steuerung und Ordnung (altgr. táxis) gelenkte Kohärenz. Diesem positivistischen Erbe gehorcht auch das Credo der Komplexitätsreduzierung durch Arbeitsteiligkeit, Fortschritt von Wissenschaft und Gesellschaft durch kumulative (endliche) Beiträge, die Überwindung des horror vacui durch ein Postulat des Postindividuellen: Synthese und Einfriedung bergen das Grundrauschen ein; mit Michel Serres gesprochen, vervielfältigt sich das System hin auf einen “Binnenraum, [der] homogen, isotrop, [frei davon]” ist. (Wird doch dem Schwärmerischen stets ein Pathologisches, zu Zivilisierendes, Domestizierendes beigedacht.) Der Schwarm, als Organon, schließt die Unordnung ein – und damit aus.

Plantes au lait 2 (Mai 2014) Die Metapher des Schwarms vereint so das Ausschwärmen einer militärischen Einheit in zielgerichteter Weise wie auch Phänomene der Interferenz von Information und physikalischer Energie; sie evoziert den Bienenschwarm (Vogelschwarm) als potentiell bedrohliche Angriffsformation in seiner Wechselbalgigkeit, den in der Jagd von der Meute zerrissenen Akteion und molekulare Nanotechnologie, ambivalenter, als Art chic oder auch apokalyptisches Grey-goo-Szenario; den Fischschwarm in seiner ökonomischen Verwertungslogik sowie als Metonymie menschlichen Raubfischkapitalismus’: Ihnen allen eignet eine die je unmittelbare Asymmetrie und Dynamik gestaltende begriffliche Fixierung auf den Schwarm als menschliche Grunderfahrung.

Franziska Beilfuss‘ Bilder greifen die Topologie des Schwarms prima facie über ihre räumliche Gestaltung auf, über ihr Wechselspiel aus Licht und Schatten, Farbe und Monochromatik, und eröffnen über spielerisch-modularisierbare Collagen aus Teilelementen, nicht unähnlich Permutationen in der mathematischen Kombinatorik, einen assoziativen Raum, der im Wind tänzelnde Blattreigen ebenso aufruft wie informationstechnologische Dual-Bit-Logiken, wie sie dem modernen Individuum, bewußt, vorbewußt, unbewußt, alltäglich unterliegen. Schwärme folgen Bewegungen von Anmut und strenger Gesetzlichkeit; – und nicht zuletzt hierin findet sich der Mensch als Mensch auch wieder.

Franziska Beilfuss: Schwarmbilder
Ausstellung im Rahmen des UdK-Rundgangs
Hardenbergstr. 33, Universität der Künste, Berlin
17.-20. Juli 2014

Ausstellungsbeitext (PDF)

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Mißglückte Werbung: Unerwidert

Juni 27th, 2014 — 2:39pm

Mir sind Online-Partnerbörsen suspekt, und dies nicht einzig aus pragmatischen Erwägungen, die das (schiefe) Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie auch Orientierungen betreffen oder die Motive der Betreiber (z.B. ebenjenes oftmals im Nebulösen zu belassen, obschon es doch als Erfolgsparameter nicht zu vernachlässigen ist, wenn die zugrundegelegte algorithmische Verkupplung schon nicht in Frage gestellt wird) wie auch die in der Konsequenz zumeist irreversiblen (soll heißen: versenkten) Opportunitätskosten, die der Nutzer, daheim vorm Rechner vom Leben und der zwischenmenschlichen Begegnung darin abgeheimst, auf die Suche nach einem Partner zeitlich (und finanziell) aufwendet, worin auch eine Gerechtigkeitsproblematik sich ausgestaltet, wenn der Betreiber durch einseitig (intransparent) kontrollierte Umgebungs- und Zugangsbedingungen den Nutzer im Dunklen läßt über die rechnerische Unwahrscheinlichkeit, sein eingesetztes (monetäres) Kapital zumindest sozial, wenn schon nicht symbolisch ummünzen zu können. (Hierbei sei davon abgesehen, daß die Verzinsung einer Kapitalsorte in ein Äquivalent einer anderen problematische Implikationen mit sich führt mit Blick auf die Verfügung und Verfügbarkeit über das (menschliche) Individuum.)

Single love: Bedarf es einer Partnerbörse für unerwiderte Liebe?

Samt und sonders erhebt sich in mir aber Widerspruch ob der in solch kybernetisch organisierten Vermittlungsbörsen als Intermediärende (d.h. der Unmittelbarkeit und inhärenten Unabwägbarkeit der Begegnung Entgegenstehende und darein Zwischengeschaltete) waltenden Logik, welche in wirkmächtiger Analogie das betriebswirtschaftliche in ein partnerschaftsoptimierendes Kalkül übersetzt, sie beide als Homologien parallelführt und sich, genau besehen, als ein kryptonormativ verfaßtes Dispositiv erweist, dessen, mit Foucault gesprochen, Regelsysteme und interne Prozeduren die Zufälligkeit von Ereignissen bändigen sollen und somit ein heteronomes, beherrschtes Menschenbild einschreiben in die Partnerwahl. Dieselbe vollzieht sich parametrisch, wobei die dem Nutzer zugrundegelegten (expliziten) Kriterien gleichermaßen als (implizite) Steuerungsgrößen und (implizite) Skalarvariablen einzig regelgerecht (algorithmisch) verfahren und so das partnerschaftliche Desiderat in ein externen A-priori-Setzungen genügsames Optimum abbilden.

Eine Kriteriologie des Menschen wird aber immer das Gegenüber als Abbild des eigenen rekonstruieren und metrisieren, d.h. es in einem zweiten (narzißtischen) Schritt dem Nutzer genügen lassen (worin der Mensch als Gegenüber passiviert wird), und so den Blick verstellen auf das Kontingente, Überraschende, Transformative in der Begegnung mit einem anderen Menschen, der nicht doppelt domestiziert und reduziert auf den Zuruf von Datenbank und Suchendem hört, sondern diesen zu verstören, aufzurütteln, wachzurufen in eine neue Emanation von Selbst (und Selbstvergewisserung) in der Lage ist (anstelle einer Rekonfiguration) und jener die Freiheit des Anderen, Widergesetzlichen, Selbstbestimmten entgegensetzt. Eine Lyrik der Partnerschaft in all ihrer Ungewißheit und Konkretion, ist sie nicht dem Sirenenruf des Partners nach meinem Bilde vorzuziehen? Ist die Conditio humana nicht zuallererst eine Conditio imperfecta? Ist, in der Terminologie Heideggers, nicht der Mensch, der sich entmachtet im Gestell der Technik findet, funktional optimiert, – herabgewürdigt zum zu bestellenden Bestand? Und einzig, wenn in der Begegnung nahe anstatt durch raschen Zugriff verfügbar, Mensch?

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Le caractère de l’autre, est-il invariable?

Mai 12th, 2014 — 3:08pm

Il y a d’environ trois siècles, le linguiste et grammairien français Giovanni Veneroni nous a relaté les différents caractères nationaux européens; mais si l’on veut essayer de nouveau (évidemment par rétablir des stéréotypes nationaux contemporains et viscéraux et puis jouer avec eux), seraient-ils ses griffonnements encore valables et est-ce qu’on donc arrive à la même conclusion, ou puisse-on au moins les reconnaître?

Dans les Coutumes.

Le Français est courtois.
L’Allemand bienveillant.
L’Italien civil.
L’Espagnol dédaigneux.
L’Anglais hautain.

Au Repas.

Le Français est délicat.
L’Allemand buveur.
L’Italien sobre.
L’Espagnol chiche.
L’Anglais prodigue.

Dans les Humeurs.

Le Français est railleur.
L’Allemand affable.
L’Italien complaisant.
L’Espagnol grave.
L’Anglais inconstant.

Dans la Beauté.

Le Français est bel homme.
L’Allemand ne lui cède pas.
L’Italien n’est ni beau ni laid.
L’Espagnol tire sur le laid.
L’Anglais approche des Anges.

Dans les Conseils.

Le Français n’est pas lent.
L’Allemand est plus tardif.
L’Italien est plus subtil.
L’Espagnol est prévoyant.
L’Anglais déterminé.

Dans l’Écriture.

Le Français parle bien, écrit mieux.
L’Allemand écrit beaucoup.
L’Italien avec solidité.
L’Espagnol peu et bon.
L’Anglais savamment.

Dans la Religion.

Le Français est zélé.
L’Allemand religieux.
L’Italien cérémonieux.
L’Espagnol superstitieux.
L’Anglais dévot.

Au Mariage.

Le Français est libre.
L’Allemand est maître.
L’Italien geolier.
L’Espagnol tyran.
L’Anglais serviteur.

Pour le Parler.

Charles-Quint disait qu’il parlerait Français à un ami.
Allemand à son cheval.
Italien à sa maîtresse.
Espagnol à Dieu.
Anglais aux oiseaux.

ex:
Maître italien ou Grammaire française et italienne de Vénéroni
Nouvelle édition, revue, corrigée et augmentée
Par le Citoyen [Giacinto] Barrère.
Paris, An X. Républicain [1801/02]

Dans le texte de Veneroni, on en trouve quelques surprises, mais aussi des traits bien connus et familiers. Les Anglais comme un peuple pépiant, peut-être; mais les Italiens qui méprisent du vin et ne sont pas du tout aux pieds légers? Je m’en doute! L’Allemand fastidieux (et sûrement pas seulement les enseignants et bureaucrates), hélas! oui. De même le Français conscient de son apparition et comportement, que c’est vrai; mais une maîtresse italienne? Ce n’est qu’une fantaisie obsolète. Or quel sort ait Dieu en Espagne, à leur écoute?

Mais en particulier se montre la tendance trop humaine (surtout parmi les auteurs) d’un argument (une observation) passé(e) juste pour sa beauté lui-même, et d’un écrivain qui est imbu de soi-même.

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Revolutionäre Killer

April 30th, 2014 — 11:33pm

Che Guevara ist nicht erst durch zahlreiche künstlerische Anverwandlungen des Guerrillero Heroico Alberto Kordas zu popkulturellem Gemeingut geworden; in keiner studentischen WG der vergangenen Jahrzehnte zierte nicht wenigstens eine Wand das Konterfei des “heldenhaften Freischärlers”, des argentinisch-kubanischen Revoluzzers, des marxistischen Aufrührers und Verführers mit messianischem Anspruch (und Märtyrerkomplex); man mochte ihn nicht missen, wenn Teilnehmer antikapitalistischer Demonstrationen skandierten, linksideologische Bewegungen theoretisierten (nostalgisierten), antikolonialistische Freiheitsbestrebungen sich Helden erkoren – in popmusikalischer Hommage und populärer Verklärung avancierte ein Schlächter zum marketinggerechten Objekt jugendlicher Schwärmerei. Es entbehrt nicht der Ironie, wenn nun eine Zigarettenmarke diese Ikone des Widerstands sich zum Idol wählt, ihr todbringendes Tabakprodukt an den Mann zu bringen:

q_che_revol

Die “Revolution fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu”. Ein ehrlicheres Zeugnis Ches und seines Vermächtnisses seit seinem gewaltsamen Leben und Ende anno 1967 hat es lange nicht gegeben.

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Roaring Twenties

November 10th, 2013 — 10:04am

Siste gang jeg gikk til søndagskonserten ble jeg sammen med ei norsk studentkollegaen. Hun visste ikke akkurat hva som vi skulle gjøre og høre på, men allikevel bestemte hun seg å komme med da jeg foreslo å møtes sammen ved Clärchens Ballhaus som er en velkjent og gammel dansklubb i Berlin. Det fins den såkalte speilsalen der, og hver søndag spiller der klassiske eller jazz-grupper i en hyggelig og litt gammelmodig omgivelse.

Det er som om man reiser tilbake til 20-årene, tiden da Berlin var senteret til det Europeiske bohème-miljøet med mange kunstnere og frigjestere i byen, en tid fylt av eventyr, eksess og dekadens ved siden av hverdagskultur og -arbeid. Samfunnet i dag er nesten som kosmopolitisk som i de Roaring Twenties, og uten tvil er det hedonistisk og hemmelighetsfylt på samme måten. En gjenlyd til lyst sinn, dansen rundt gullkalven, Josephine Baker som gjenganger.

Vanligvis fins det et piano midt i salen, men denne gangen ble det tatt bort fordi det spilte en fiolinkvartet og slik var det ikke nyttig. Musikerne ble alle fire hentet fra de Berliner Filharmonikerne, og det var åpenbart da de begynte å lage musikk fordi opptrinnet var nesten uten feil. Kollegaen min og jeg, vi drakk et glass rødvin hvert, og lyttet til visene. Omkring oss begeistring, glede allesteds, og programmet gav mye grunn for å bli entusiastisk.

Det begynte med Telemann i det 17-tallet, litt barokk og schwülstig, og ble fortsatt til vår tid med et utvalg av stykker fra flere polske komponister. Melodier og danser, en svak fornemmelsen ved det, bak det uro, mørket som reiste seg ett tiår senere, men først synger de om jomfruelig moro og nærværet i all dets enkelhet. Folkeviser motsatt de oppgryende skyggene, livslyst. Elskov som en sløset dans, hver natt en ilddåp før den siste brannen.

Den store glemselen, ødeleggelsen til sivilisasjon, bare et fåtall år senere. Jo visst, i natt påkaller blomstringstiden før, fiolinene kaster kyss inn i salen, lysene blinker mer levende og lysere, og tilskuerne brister ut i latter imot hverdagens hvisking. Det var flott! Konserten avsluttet med utdrag av Mozarts Tryllefløyte og karnevalen til Charles Dancla: une fantaisie brillante, leichtfüßig, lettsindig, svimlende. Et sansebedrag. Og deretter en marsj.

[Arkiv: Opprinnelig publisert på 24.01.2013.]

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Sprachpanscherei

September 18th, 2013 — 10:31am

Ökologischer Anbau und Bioprodukte haben die gesellschaftliche Mitte erreicht; Stadtviertel, deren Aufwertung und bauliche Instandsetzung einhergeht mit dem Zuzug junggebliebener bildungsbürgerlicher Patchworkfamilien in die innerstädtischen Quartiere, künden davon durch eine vernehmliche Änderung der Geschäfts- und Kleinhändlerstrukturen, sei es durch hochpreisige Café-Etablissements, in denen Medienbohémiens und Digital natives hinter ihren Macbooks und Tabletrechnern verschanzt herumlümmeln, strikt verpflichtet dem fair-gehandelten Flat white und der Misosuppe mit Tofuschmankerl, sei es durch das moderne Pendant des Naturkostfachgeschäfts, den Biosupermarkt, dessen Ausstattung farbpsychologisch versiert in Erd- und Grastönen den Modern urbanite seiner Naturverbundenheit versichert und der den sonntäglichen Wochenmarkt samt regional erzeugter, erntefrischer Lebensmittel ergänzt.

Hinzu kommt ein in höchst individuellen, dabei auch zeitgeistigen Ladengeschäften sprießendes Angebot nachhaltig produzierten Mobiliars in Vintage-Look und Retro-Chic und zertifizierte Upcycling-Designer-Fashion mit gesundheitsverträglichen Textilien (samt Coffee to-go); ganz zu schweigen vom Assortiment an Dienstleistungen, welche von ganzheitlichen Naturheilverfahren und Physio- und Aromatherapien über Fangobehandlungen, Yoga und Honigmassagen bis hin zu Naturkosmetik und Wasserkontor reichen; Wellness für den gestreßten Großstädter. Was darin verlorengeht? Die Moderne vergißt ihre sprachlichen Wurzeln und ihren emanzipatorischen Ausgangspunkt in den Volkssprachen, und panscht dabei im seichten Mittel: Gingerkekse oder Ingwercookies, der Bionade-Biedermeier scheint sich für nichts zu schade, sein kosmopolitisches Dandytum unter Beweis zu stellen, atmosfair, ganz ohne den Ruch des Easyjetsetdaseins.

Berlin is Tokyo is New York is Istanbul is … herkunfts- und besinnungs- und bindestrichlos.

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Geschichtsvergessenheit & cool names, rich in history

August 14th, 2013 — 12:44pm

In his State of the Nation address in Parliament this year, [the Namibian] President Hifikepunye Pohamba said in response to questions from Ignatius Shixwameni and Usutuaije Maamberua about colonial names: “Who is Lüderitz in the first place? And we have a region called Caprivi. Something should be done and has to be done.”

Source: Jan Poolman: Namibia: Caprivi Renaming Raises Hackles (30.07.2012)
Comment by the Allgemeine Zeitung: Erwin Leuschner: Lachnummer im Ausland (14.08.2013)

Lüderitz: [Images 1] [Images 2]

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Nach dem Einsatz

August 11th, 2013 — 5:06am

Vor dem Geländer der Haltestelle, ein wenig abseits von den übrigen Fahrgästen, ein junger Mann, Anfang zwanzig, breitschultrig, ein wenig gedrungen, mit müdem Blick. Ich folge den Gleisen, lasse den Einkaufsbeutel rechter Hand schlenkern, die Trageriemen überkreuz über den Handrücken geführt, Fix- und Wiegepunkt. Frischer Blattsalat, der im Rhythmus der Schritte auf und ab wippt, Brot und Schinken, Feinkost für den sonntäglichen Brunch; ich trete auf die Halteinsel und gehe voran bis zur Stahlstrebe mit der elektronische Anzeigetafel, darauf aufgeführt: die nächsten beiden Fahrten, die M4 heimwärts, noch vier Minuten Zeit.

Die M5 Richtung Zingster Straße gleitet aus dem Halteport, taucht nach links ein unter den S-Bahnbogen, schwindet aus dem Sichtfeld. Mein Blick streift nach rechts, en passant, ich mustere ihn flüchtig. Trittfeste Stiefel, festgeschnürt, eine Hose in 3-Farb-Tarndruck, sandfarben, Wüstentarn, ein beiges T-Shirt als Teil des Feldanzugs, auf dem Rücken ein wuchtiger, camouflierter Armeerucksack, Flecktarn, schwer. An dieser Station kommen die Straßenbahnen erst am vorderen Ende der Bucht zum Stillstand, beim Wartehäuschen, ein schmuckloser Glasunterstand mit Sitzbank, Werbeträger, bebildert, davor eine Menschentraube. Das übliche, unbekümmerte Gewusel aus Erledigungen, Stadtbummel, Nachtschwärmern, die nach langer Tour der Schlaf ins heimische Bett treibt, ein früher Samstagnachmittag.

Die Haare sind ordentlich, kurz, schmutzigblond, Ohren und Nacken frei, eine Andeutung von Scheitel. Das Gesicht kantig, glatt rasiert, ein wenig derb; Brust und Kinn sind vorgeschoben, der Rücken durchgestreckt; die Augen niedergeschlagen. Wer am rückwärtigen Ende der Haltestelle wartet, der muß, wenn die Bahn einfährt und die Türen sich öffnen, aufschließen bis hin zum letzten Einstieg, anstehen, erneut warten. Limbus, Kunduz. Auf den Hemdsärmeln die deutschen Farben, das grüne Abzeichen vom ISAF-Einsatz in Afghanistan auf der Brust, Komak aw Hamkāri. Er tut einige unschlüssige Schritte vor und zurück, vielleicht sind die Beine ihm schwer.

Ich halte inne, besinne mich, kehre um und sage: Willkommen zurück. Wir nicken einander zu, seine Stimme klingt müde in dem hellen Einkaufssonnenschein, leise, Berlin-Mitte im Spätsommer 2013. Noch zwei Minuten ist die M4 fern, ich laufe wieder vor. Hintergrundgeplauder, links, rechts, ein einziges Sirren, Limbo; die Kleiderordnung hat sich im Gefolge der Temperaturen der letzten Wochen bis ins Zwanglose gelockert, die Menschen kreisen um sich und in sich, er bleibt für sich. Als die M4 einfährt, kommt er auf mich zu und sagt fast ins Unbestimmte: Danke. Ich sei einer der wenigen, die ihn willkommen heißen.

Ich steige ein und denke nur, auf dem Heimweg:
Sollte nicht ich, sollten nicht wir dankbar sein in diesem unserem Land?

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Im Fokus

März 31st, 2013 — 11:47pm

Elsaß-Lothringen, im Süden begrenzt von Vogesen und Jura, durch derer beider Massiv die Burgundische Pforte reicht und Schwarzwald und Rheinniederung miteinander verbindet – darin durch frühe Ingenieurleistung der Rhein-Rhône-Kanal das Tor durchschneidet –, eingefaßt von Mosel, Saar, Maas und dem Rhein als Scheidefurt im Osten, Saarbrücken, Luxemburg, Belgien nordwärts der oberrheinischen Tiefebene, Baden im Osten, Freiburg, Basel an der südöstlichen Flanke, Belfort, Nancy, Metz und dem Moselbecken als offener Handreichung nach Frankreich hin;

Elsaß-Lothringen, gelegen zwischen zwei großen mitteleuropäischen Mächten in Streit und Verbundenheit, Ausgangspunkt der Verheerung, die im Grauen Verduns gipfelte und noch immer diesen Namen führt, und Keimzelle der deutsch-französischen Aussöhnung und europäischen Einigung, wo die romanischen Langues d’oïl und das Französische sich den alemannischen, moselfränkischen und pfälzischen Mundarten anschmiegten und das Elsässerdeutsch gebaren, Bodenschätze und mildes Klimat in ihrer Mitte ein reiches Volk versammelten, zu Ackerbau, Raubrittertum, humanistischer Tradition;

mit Straßburg, der antiken Silberburg, Wiege des mittelalterlich-neuzeitlichen Warenaustausches, Handels- und Regierungszentrum bis in die jüngste Vergangenheit, als Inbegriff der wechselvollen Geschichte und Zugehörigkeit, wo deutsche Gemütlichkeit in Neudorf Ouest und Gründerbauarchitektur auf französische Pâtisseriekunst und Savoir-vivre treffen und eigentümlich miteinander verschmelzen, wo protestantischer Furor und katholisches Münster sich die Hand reichten, mit verschmitztem Lächeln die Reformer, die ihre Münze zählten in St. Thomas, jenem Amalgam aus spätromanischem Tor, Turm, gotischem Querhaus;

jenem Straßburg, Schnittpunkt von Politik, Wirtschaft, Kirche, Recht und Herrschaft, heimlicher subalterner Hauptstadt Europas mit Sitz des Parlaments und des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs, zahlreicher Hochschulen und Forschungseinrichtungen, der Straßburger Universität und des elsässischen Studentenhilfswerks im Gallia, ehemaligen Germania, mit der Haltestelle Brant Université für den 6er Bus, face à dem Wilhelminischen Hauptgebäude und dem Quartier allemand gegenüber und seiner in Stein gesetzten deutschen Großmannssucht, mit dem Elsässer Flammkuchen und bretonischen Crêpes salées;

diesem modernen und mittelgroßen Straßburg mit seinem wandelbaren und konservativen Geist, mit seiner gleichsam einer futuristischen Vision der 1960er entsprungenen Tramway der Compagnie des transports strasbourgeois (CTS) und deren verspielten, hell-akkordierten Durchsagen, dieser Stadt der halbhundert Muttersprachler und zweier Plattenläden an den entgegengesetzten Enden der Grand Rue, mit dem Netto dazwischen und dem Monoprix am Place Kléber und dem Hypermarché Leclerc im Rivetoile, der Esplanade, Vaubans Großer Schleuse, den lieblosen Halles; – dies alles, Straßburg und das Elsaß, wird in einem anderen, historischen Licht beschienen im Werk Gustav Schmollers,

des großen Nationalökonomen und Kathedersozialisten, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte interdisziplinär miteinander verknüpfte und historisch-psychologische und empirische Methoden in eins zusammenspann, im Methodenstreit gegen die Österreichische Schule und ihre Deduktion und Theorie vom Grenznutzen focht – und angesichts der heutigen fast vollständigen Metrisierung des Fachs wohl unterlag, jenes Mannes, der nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg und der Abtretung des Elsasses im Frieden von Frankfurt 1874 Rektor der Kaiser-Wilhelm-Universität wurde.

Text:
Gustav Schmollers Strassburgs Blüte und die volkswirthschaftliche Revolution im XIII. Jahrhundert (Abschrift: 216 kB) (PDF-Dokument)

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