Archive for September 2010


Harlem: SOB(s)

September 15th, 2010 — 8:30am

We [..] turn with relief to an institution clothed from the outset with convenience and dignity. The outer door, in bronze and glass, is placed centrally in a symmetrical facade. Polished shoes glide quietly over shining rubber to the glittering and silent elevator…

163 W 125th St (Martin Luther King, Jr. Boulevard), Harlem

163 W 125th St (Martin Luther King, Jr. Boulevard), Harlem

… und verlassen die windige Plaza vor dem Adam Clayton Powell Jr. State Office Building mit ihren fliegenden Händlern, die selbstgebrannte CDrs und DJ-Mixe verkaufen mit R&B-, Soul- und Funk-Musik oder heftig gepanschte ätherische Öle, Parfüme, Duftkerzen und Räucherstäbchen feilbieten oder farbenfrohe Beimengungen einer augenfällig vor- und ausgestellten afrikanischen Diaspora, Kaftans, Schmucksteine, eingelegte Früchte und allerlei Tand und Tinneff, danebst allgegenwärtige Glaubens- und Verehrungsartikel mit den Portraits Malcom X und Martin Luther Kings, Schriften der Nation of Islam und Frederick Douglass’ und Kassetten mit den panafrikanischen Thesen und Reden Marcus Garveys; wir passieren Rastafari mit seligem Lächeln und flinken Augen in dem ihnen eigenen Grasdunst und Iyaric und Geschäftsmänner in feinem Tuch, sekundiert von Pochette oder Ascot, die an ihrem Bluetooth-Headset nesteln oder den Manschettenknöpfen, lauschen Buspassagieren an der Haltestelle in stummen Gesprächen, mit gedämpfter Stimme, müdem Blick, die klebrige Burger mampfen oder zerfahren durch die Tageszeitung blättern, derweil über uns schattig und hoch wie ein unwirklicher Gigant im Abendlicht die in Stahltrosse, Blendglas und Béton brut gegossene Stadtverwaltung thront und architektonisch ihren Herrschaftsanspruch manifestiert und administrativen Zugriff auf die Pieds noirs Harlems…

Heureux de voir les ministres en lutte constante avec quatre cents petits esprits, avec dix ou douze têtes ambitieuses et de mauvaise foi, les Bureaux se hâtèrent de se rendre indispensables en se substituant à l’action vivante par l’action écrite, et ils créèrent une puissance d’inertie.

x = (2*k^m+l) / n

La bureaucratie, pouvoir gigantesque mis en mouvement par des nains, est née ainsi.
(Honoré de Balzac: Les Employés)

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Downtown: Orient

September 13th, 2010 — 7:24am

Will in Bädern und in Schenken, / Heil’ger Hafis, dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet, / Schüttelnd Ambralocken düftet.
Ja, des Dichters Liebesflüstern / Mache selbst die Huris lüstern.

Madison St, Chinatown

Madison St, Chinatown

Am südöstlichen Ende Manhattans sind Orient und Okzident nicht mehr zu trennen und geben dem Besucher Einblick ins geschäftige Treiben Chinatowns mit seinen offenen Fleisch- und Fischmärkten, Schmuckwarenhändlern und Elektronikramschläden. Mit Little India in Jackson Heights, entlang der Roosevelt Avenue um die 74. Straße, und Koreatown am Northern Boulevard in Flushing, beides in Queens gelegen, sind auch andere Stadtteile südostasiatischer Prägung – schwanger mit den intensiven Aromen und schweren Düften, Muskat, Ingwer, Gelbwurz, Tamarind, der Küche eines ganzen Subkontinents, wo die Passanten umworben werden mit Saris, Sternendeutern und Spas, flankiert von islamischen Glaubenszentren und koreanischen Baptisten, übertönt von heulenden Motoren tiefgelegter Cabrios hispanischer Provenienz und Mara-Hip-Hop, die von Rhythmus und Monotonie, Kriminalität und Machismo künden, in einem Singsang von bengalischen und dravidischen Stimmen eingefaßt, wo Tamil, Hindi, Sanskrit und Urdu Laut annehmen und wieder eingehen ins babylonische Sprachgewirr, wo pakistanische Topis und Punjabi-Kurtas wechseln und Sikhs ihre Bärte zwirbeln auf der Straße und ihre Turbane tragen voller Stolz und Bescheidenheit in eins. In Chinatown hingegen bestimmen Mandarin und Hànrén das Straßenbild, und eine jede Flucht sammelt und strukturiert sich entlang eines Wirtschaftszweiges: Mulberry St an der Ostflanke des Columbus Parks versammelt Bestattungsunternehmen, Kapellen und Floristen in sich, Madison St im Süden hingegen reiht Schönheitssalon an Schönheitssalon, zwischen denen hie und da ein Spa aufblitzt und dort eine Body- oder Rub-Massage Erholung verspricht. Wohin die Kellereingänge dunkel führen? Verschmitzte Dirnen, vielleicht, oder auch ein Sweatshop, Geldverleiher oder eine Manufaktur chinesischer Arznei. Selten findet sich ein Hinweis inmitten dieser mystischen Zungen, und die Worte geh’n vorüber.

Locken, haltet mich gefangen / In dem Kreise des Gesichts!
(Goethe: West-östlicher Diwan)

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8th Ave, bet 54 & 55 Str

September 8th, 2010 — 3:45pm

Wolauff / lasst vns Ziegel streichen vnd brennen
Vnd [sie] namen ziegel zu stein / vnd thon zu kalck / vnd sprachen
Wolauff / Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen / des spitze bis an den Himel reiche.

(1. Mose 11, 3-4)

Die neue Stadt, an neuer Statt

Die neue Stadt, an neuer Statt

Alt und Neu bestehen in dieser Stadt nebeneinander, Gestriges und Künftiges, Destitut und Mangel, ein goldenes Kalb, und halten die Erzählung eines Ortes vor, der im beständigen Wandel einzig sich selbst unterworfen bleibt in schöpferischer Zerstörung, in Wiedererweckung gleichwohl und nimmerwachem Taumel das Versprechen an das Morgen Tag auf Tag neu beschwört.

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