Tag: Berlin


Schwarmbilder

Juli 18th, 2014 — 12:53pm

Der Begriff des Schwärmens versammelt in sich so Gegensätzliches wie militärischen Drill und das Erratische des Insektenflugs, die doppelte Bewegung von Individuum und Vielzahl respektive Kollektiv, das Schlingern mikroskopisch kleiner Elektronen in der Atomphysik (wiewohl Abstraktion) wie auch – in kosmischer Dimension – nach Georg Heym “das dunkle Volk der flatternden Plejaden” und andere offene Sternenhaufen, verstanden als Materie in Raum in Bewegung. Schon im Buch Hiob heißt es: “Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen? [...] Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?”

Plantes au lait 1 (Mai 2014) Etymologisch eng verwandt ist dem Schwarm das Schwirren, lautmalerisch: Sirren, worunter sowohl Flügelschlag als auch das helle Summen der Mücke fallen, beides tönende Bewegung im Hin und Her; ebenso: das statische Rauschen des Fernsehsignals zur Mitternacht wie auch der tonlose Tanz von vom Wind verwirbelten, aufgestobenen Schneeflocken, dies “weiße, wirbelnde Nichts”, das den Hans Castorp mit “hexagonaler Regelmäßigkeit” herumirren läßt und zaubrisch zuzudecken droht: Weh und wehe! Inmitten des Schneetreibens nimmt die Schwärmerei totalitäre Züge an, bringt den jungen Protagonisten an seine Grenzen.

Denn auch das flackernde Irrlichtern individueller Zuneigung, die Begeisterung und Tollheit, fiebrige Verzückung und hellichte Entzündung des Phantasten tragen alle das Schwärmerische in sich, das Grenzgängerisch-Flanierende, den Drahtseilakt, sei es in der schwärmerischen Ekstase der Liebe, die das Gegenüber sehnsüchtig überzeichnet und erhebt, sei es in religiöser Erinnerlichkeit und Raserei, die den einzelnen Schwärmer teilhaftig werden läßt am gemeinschaftlichen Bekenntnis, rauschhaft aufgehen in Körper und Lobpreis der Gemeinde: Apotheose (Metamorphose) anstelle methodologischen (ideologischen?) Individualismus. In der Schwärmerei artikuliert sich sowohl Besinnungslosigkeit als auch sinnlich-korporaler Akt: je die vereinzelte menschliche Conditio transzendierende Bewegungen.

Wie George Steiner aufweist, ist unser Denken, dieser “Kern unserer Einzigartigkeit, [das] innerste, privateste, verschlossenste Besitztum”, das wir eignen – unsere Wesensbestimmung schlechthin – paradoxerweise zugleich “milliardenfacher Gemeinplatz”, eine Chiffre menschlicher Existenz, derer Begriffe und Erfahrungen wir intimst-universell miteinander teilen. Dabei sind unsere “Denkprozesse [...] in überwältigendem Maße diffus, ziellos, zerstreut, versprengt und unbeobachtet. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, ‘überall’, was in Wendungen wie ‘kopflos sein’, ‘den Kopf verlieren’ seinen Ausdruck findet.” Sind wir in Form und Gehalt also nur ineinander vermengtes schwärmerisches Moment?

Entsprechende Überlegungen leiten technologische Visionen, soziologische Konstrukte, Dys- und Utopien. Schwarmintelligenz als individuelle Geworfenheit und Kontingenz ablösende Zweckbestimmung menschlicher Erfahrung: durch Steuerung und Ordnung (altgr. táxis) gelenkte Kohärenz. Diesem positivistischen Erbe gehorcht auch das Credo der Komplexitätsreduzierung durch Arbeitsteiligkeit, Fortschritt von Wissenschaft und Gesellschaft durch kumulative (endliche) Beiträge, die Überwindung des horror vacui durch ein Postulat des Postindividuellen: Synthese und Einfriedung bergen das Grundrauschen ein; mit Michel Serres gesprochen, vervielfältigt sich das System hin auf einen “Binnenraum, [der] homogen, isotrop, [frei davon]” ist. (Wird doch dem Schwärmerischen stets ein Pathologisches, zu Zivilisierendes, Domestizierendes beigedacht.) Der Schwarm, als Organon, schließt die Unordnung ein – und damit aus.

Plantes au lait 2 (Mai 2014) Die Metapher des Schwarms vereint so das Ausschwärmen einer militärischen Einheit in zielgerichteter Weise wie auch Phänomene der Interferenz von Information und physikalischer Energie; sie evoziert den Bienenschwarm (Vogelschwarm) als potentiell bedrohliche Angriffsformation in seiner Wechselbalgigkeit, den in der Jagd von der Meute zerrissenen Akteion und molekulare Nanotechnologie, ambivalenter, als Art chic oder auch apokalyptisches Grey-goo-Szenario; den Fischschwarm in seiner ökonomischen Verwertungslogik sowie als Metonymie menschlichen Raubfischkapitalismus’: Ihnen allen eignet eine die je unmittelbare Asymmetrie und Dynamik gestaltende begriffliche Fixierung auf den Schwarm als menschliche Grunderfahrung.

Franziska Beilfuss‘ Bilder greifen die Topologie des Schwarms prima facie über ihre räumliche Gestaltung auf, über ihr Wechselspiel aus Licht und Schatten, Farbe und Monochromatik, und eröffnen über spielerisch-modularisierbare Collagen aus Teilelementen, nicht unähnlich Permutationen in der mathematischen Kombinatorik, einen assoziativen Raum, der im Wind tänzelnde Blattreigen ebenso aufruft wie informationstechnologische Dual-Bit-Logiken, wie sie dem modernen Individuum, bewußt, vorbewußt, unbewußt, alltäglich unterliegen. Schwärme folgen Bewegungen von Anmut und strenger Gesetzlichkeit; – und nicht zuletzt hierin findet sich der Mensch als Mensch auch wieder.

Franziska Beilfuss: Schwarmbilder
Ausstellung im Rahmen des UdK-Rundgangs
Hardenbergstr. 33, Universität der Künste, Berlin
17.-20. Juli 2014

Ausstellungsbeitext (PDF)

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Allumé: Berlin über die Zeit

Februar 27th, 2014 — 5:54am
1-3: Berlin im Wandel

1-3: Berlin im Wandel

1: Café Sidney
Winterfeldtstr. 40 1000 Berlin 30
Unterkante: 20 Zünder – “Westglas” Berlin
Abb. u. Schrift: schwarz auf weiß
schwarze Holzstifte m. gelbem Zündkopf
2: Hotel Savigny
Brandenburgische Straße 21
10707 Berlin-Wilmersdorf
Unterkante: Hellma 158.865
Abb. u. Schrift: schwarz auf grün
Holzstifte m. rotem Zündkopf
3: Kollberg 35 Café Food Bar
Wörther Straße 35 10435 Berlin
Vorderseite: JSP John Player Special
Logo u. weiße Schrift auf schwarz
Holzstifte m. rotem Zündkopf
2 verso: B-Wilmersdorf

2 verso: B-Wilmersdorf

1: An gleicher Stelle findet sich heute das Restaurant Amrit und wartet mit indischer Küche auf.

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Roaring Twenties

November 10th, 2013 — 10:04am

Siste gang jeg gikk til søndagskonserten ble jeg sammen med ei norsk studentkollegaen. Hun visste ikke akkurat hva som vi skulle gjøre og høre på, men allikevel bestemte hun seg å komme med da jeg foreslo å møtes sammen ved Clärchens Ballhaus som er en velkjent og gammel dansklubb i Berlin. Det fins den såkalte speilsalen der, og hver søndag spiller der klassiske eller jazz-grupper i en hyggelig og litt gammelmodig omgivelse.

Det er som om man reiser tilbake til 20-årene, tiden da Berlin var senteret til det Europeiske bohème-miljøet med mange kunstnere og frigjestere i byen, en tid fylt av eventyr, eksess og dekadens ved siden av hverdagskultur og -arbeid. Samfunnet i dag er nesten som kosmopolitisk som i de Roaring Twenties, og uten tvil er det hedonistisk og hemmelighetsfylt på samme måten. En gjenlyd til lyst sinn, dansen rundt gullkalven, Josephine Baker som gjenganger.

Vanligvis fins det et piano midt i salen, men denne gangen ble det tatt bort fordi det spilte en fiolinkvartet og slik var det ikke nyttig. Musikerne ble alle fire hentet fra de Berliner Filharmonikerne, og det var åpenbart da de begynte å lage musikk fordi opptrinnet var nesten uten feil. Kollegaen min og jeg, vi drakk et glass rødvin hvert, og lyttet til visene. Omkring oss begeistring, glede allesteds, og programmet gav mye grunn for å bli entusiastisk.

Det begynte med Telemann i det 17-tallet, litt barokk og schwülstig, og ble fortsatt til vår tid med et utvalg av stykker fra flere polske komponister. Melodier og danser, en svak fornemmelsen ved det, bak det uro, mørket som reiste seg ett tiår senere, men først synger de om jomfruelig moro og nærværet i all dets enkelhet. Folkeviser motsatt de oppgryende skyggene, livslyst. Elskov som en sløset dans, hver natt en ilddåp før den siste brannen.

Den store glemselen, ødeleggelsen til sivilisasjon, bare et fåtall år senere. Jo visst, i natt påkaller blomstringstiden før, fiolinene kaster kyss inn i salen, lysene blinker mer levende og lysere, og tilskuerne brister ut i latter imot hverdagens hvisking. Det var flott! Konserten avsluttet med utdrag av Mozarts Tryllefløyte og karnevalen til Charles Dancla: une fantaisie brillante, leichtfüßig, lettsindig, svimlende. Et sansebedrag. Og deretter en marsj.

[Arkiv: Opprinnelig publisert på 24.01.2013.]

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Allumée: Volksbühne II

Oktober 8th, 2013 — 8:42am
1-3 verso: Volksbühne Berlin Website

1-3 verso: Volksbühne Berlin Website

1: Laufendes Rad
www.volksbuehne-berlin.de
Text u. Logo: tannengrün
LSD
2: Laufendes Rad
www.volksbuehne-berlin.de
Text u. Logo: grasgrün
LSD
3: Laufendes Rad
www.volksbuehne-berlin.de
Text u. Logo: lippenstiftrot
LSD
notabene: 1-3:
bestempelte Pappschachteln;
alle Stifte: Holz,
brauner Schwefelzündkopf
1-3 recte: Volksbühne Berlin Laufendes Rad

1-3 recte: Volksbühne Berlin Laufendes Rad

Programm der Volksbühne vermittels der Website.

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Allumés: Back and forth

Oktober 8th, 2013 — 6:30am
1-2: Diptycha

1-2: Diptycha

1: NYC Best Bars
generisches Heftchen einer Vielzahl Frat Bars,
u.a. Gin Mill und Jake’s Dilemma auf der UWS
Innenbeschriftung: “Having A Party? Eat, Drink & Be Merry privatepartyrooms.com”
Unterkante: Carretta Marketing
Logos u. Schrift: weiß auf schwarz
Pappstifte m. weißem Zündkopf
2: Lutter & Wegner, Berlin
Gendarmenmarkt, gegr. 1811
“E.T.A. Hoffmann und Ludwig Devrient in Berlin 1815 bei Lutter & Wegner”
Vorderseite: Newton Bar
Logo u. Schrift: schwarz auf gold (et vice versa)
Unterkante: Zündboxx
Holzstifte m. rotem Zündkopf

1: Die Website-Adresse im Inneren des Hefts ist falsch, es wird aber automatisch weitergeleitet.

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Allumons: Laßt uns tanzen!

September 12th, 2013 — 11:10pm

“Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus.” – Horatii Carmina, I, 37

1-4: Nunc est bibendum

1-4: Nunc est bibendum

1: Zentrum Zoo, Club, Tübingen
Logo: schwarz u. grau auf weiß
Rückseite: Gauloises Blondes (bleu)
2: Maria am Ostbahnhof, Club, Berlin
Logo: schwarzes ‘M’ auf weiß
Rückseite: Marlboro (Pferd)
3: Kaffee Burger, Tanzwirtschaft, Berlin
Logo u. Schrift: schwarz auf weiß
Sponsor: Pilsner Urquell
4: Dachkammer, Bar / Café, Berlin
Abb.: Innenbereich des Lokals
Rückseite: West (red)

1: Der Zoo schloß im August 2012 seine Pforten.
2: Die Maria schloß im Mai 2011 und reinkarnierte wenig später als ADS und Magdalena.
1, 2, 4: Holzstifte m. rotem Zündkopf; 3: Holzstifte m. schwarzem Zündkopf.

“Bibamus et gaudeamus, moriendum est.” – ein korrumpiertes Seneca-Zitat

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Allumé: en voyageant çà et là

September 11th, 2013 — 1:13am
1-4: EatDrinkDance

1-4: EatDrinkDance

1: Wohnzimmer Cafe Bar Klub, Berlin
Schrift: braun auf ecru
Rückseite: Marlboro
Holzstifte m. schwarzem Zündkopf
2: Die Villa Restaurant & Hotel, Bad Nenndorf
Logo und Schrift: violett auf cremefarben
Rückseite: Inhaber Nicole u. Thomas Dietz
Holzstifte m. weißem Zündkopf
3: Intersoup (Bar, Lounge, Concerts), Berlin
Logo: schwarz u. rot auf weiß
Rückseite: Marlboro
Holzstifte m. schwarzem Zündkopf
4: Magnet Club (& Concerts), Berlin
Logo: discofarben u. weiß auf schwarz
Rückseite: Lucky Strike Straight Blue
Holzstifte m. rotem Zündkopf

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Literarische Grillen: Die Grisetterien Otto Erich Hartlebens

August 21st, 2013 — 9:41am

Otto Erich Hartleben: Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe
S. Fischer Verlag, Berlin 1901
9. und 10. Auflage (1. Auflage: 1893)

beg, bee: 12.-14.08.2013

Über Autoren und Werk geht die Zeit oft genug rasch und reuelos hinweg, und nur die wenigsten bleiben dem kulturellen Gedächtnis über den jeweiligen Gusto und Kanon hinaus bewahrt, als Fußnote, Ergänzung, Weiterung desselben. Otto Erich Hartleben, seinerzeit was man heute Bestseller nennt, vormals Publikumserfolg geheißen, galt zur Jahrhundertwende im deutschsprachigen Raum als einer der bekanntesten und populärsten Spötter und Dramatiker und errang unter Kollegen, Kritikern und Lesern gleichermaßen großen Zuspruch. Ins junge Verlagsprogramm des just begründeten Hauses Samuel Fischers aufgenommen, veröffentlichte Hartleben ein überschaubares, aber auflagenstarkes Œuvre an Bühnen- und lyrischer Dichtung sowie Kurzprosa, nicht selten charakterisiert durch dekadentistische und naturalistische Tendenzen in Verbindung mit humorvollen Spitzen; im eigentlichen Sinne Unterhaltungsliteratur, welche teils die moralische Ambivalenz modernen Großstadtlebens leichthin aufs Korn nahm, teils die gesellschaftlichen Umbrüche zum Fin de siècle treffsicher markierte.

Heutigentags ist Hartleben vergessen, ebenso wie Georg Engels, damals Theatermann ersten Ranges und internationalen Renommées, welchem der vorliegende Band, der in sich zwei Erzählungen vereint, dankbar zugedacht ist. Die Novelletten sind je für sich gelesen leichte Lektüre und flüchtige Skizze und wirken miteinander verknüpft wie zwei Kapitel eines Groschenromans, angesiedelt im berlinischen Studentenmilieu der Jahrhundertwende, deklariert als Rückbesinnung eines demselben entwachsenden Erzählers. Sowohl die titelgebende Geschichte vom abgerissenen Knopfe als auch das daran anknüpfende, halb so lange Stück Wie der Kleine zum Teufel wurde sind inszenatorisch schlicht gehaltene Schilderungen, wie der Erzähler im Abstand einiger Monate mit je einem Freunde zusammentraf und Zeuge wurde von deren jeweiliger amouröser Verwicklung mit “der Lore” – eine Berückung, die der Ich-Erzähler amüsiert und süffig-süffisant nachzeichnet, abhold aller tiefgründigen Erörterung.

Die Begebenheiten und Begegnungen mit Lore, deren eigentlicher Name Bertha auf eine Herkunft in der Arbeiterschaft Berlins verweist und welche abenteuerlich-verwegen um Namen und Biographien nicht verlegen ist, die feineren Herren auf Brautschau für sich zu gewinnen, sind in Ton und Materie banal und taugen weder zu Charakter- noch Milieustudien; positiv gewendet versteht sich Hartleben auf stilistische Aussparung und das augenzwinkernde Portrait einer je fruchtlosen Liebelei, wobei seine Grisetterien wenig mehr hergeben als literarische Bêtisen. Die moralische Gratwanderung wird kaum angedeutet, geschweige denn verhandelt, und dem heutigen Leser werden mehr die Manierismen1 in Hartlebens Sprache aufstoßen als die Dekonstruktion philiströser Engstirnigkeit, wie sie der Text anhand der Figuren, absent jeder Introspektion, konturiert. Im sanften Innuendo bleibt sie folgenlos, wie auch einige stilistisch unglückliche Einsprengsel bildungsbürgerlichen Lateins nur Firnis sind und dem Text über seine trivialliterarische Qualität nicht hinweghelfen.

Bemerkenswert, und verstörend, sind die antisemitischen Entgleisungen2, die beide Erzählungen eignen, nimmt man sie als Beleg für den judenfeindlichen Geist im wilhelminischen Deutschland, so beiläufig wie sie fallen; und chauvinistische wie klassistische Elemente durchziehen beide Kapitel, wenn auch die Zeichnung der Figur der Lore überraschend emanzipative Züge trägt und Hartleben explizit und positiv auf die frühe Frauenrechtlerin (und Friedensaktivistin) Bertha von Suttner und die Bewegung der Suffragetten im weiteren Sinne Bezug nimmt. Lore kann so gleichermaßen als Grisette gelesen werden wie als Backfisch, ihre Widerständigkeit läßt sich nicht zähmen und nicht beheben wie ein abgerissener Knopf: Sie behauptet sich als eigenständige und selbstbewußte Frau, die sich dem Schicksal von Haus, Küche und Kindern, wie es Dora, eine im zweiten Stück gestreifte Jugendliebe, die Pfarrersfrau wird, ereilt, verweigert. Und doch scheint die zweite Geschichte in ihrem Urteil und Schluß merklich verhaltener und suggeriert entgegen der vorigen Lesart der Lore, ebenso wie ihrer Tändelei, ein tragisches, uneigenes Schicksal.

Vorliegende Ausgabe zeichnet sich durch einen schön gestalteten Leineneinband mit zweifarbiger Jugendstilornamentik und Umschlagprägung aus, als Staubschutz weist sie einen goldenen Kopfschnitt auf; typographisch bestechen Titel und Widmung durch eine schwungvolle Art-Nouveau-Letter wie auch der Text durch einen harmonischen Satzspiegel mit lebenden, von Seite zu Seite changierenden Kolumnentiteln, gesetzt durch die 1883 begründete Berliner Druckerei A. Seydel & Cie. Dem Titel gegenüber ziert das Frontispiz eine Vignette mit dem Portrait einer jungen Frau, mutmaßlich der Lore in ihrer Matrosentaille, um welche in der ersten Erzählung soviel Aufhebens gemacht wird; ein seidenes Lesebändchen schließt die hervorragende Ausstattung ab.

1: Es finden sich aber auch eine Vielzahl heiterer, schrulliger, außergewöhnlicher und aus dem Gebrauch gefallener Begriffe wie z.B. Stearinlicht (vgl. norw. stearinlys, ndl. stearine kaars), Glacées, Meublement, Quartals-Bräutigam, Nilpferdvisage, Anulkung, Pertinenzen, Caffëinbacillen, Stiesel, bummlich. Auch Hartlebens juristischer Hintergrund schlägt sich nieder in Wendungen und stehenden Begriffen wie ne bis in idem, Pandecten, Emphyteusis und Superficies.
2: Auf S. 27 finden sich explizite und implizite Stereotypen: “Sie trug jetzt Stirnlocken, Ponnys. [...] Ach und dann hatte ihr da irgend so’n Pferdejude – als ‘Künstlerin’ verkehrte sie wahrscheinlich mit solchem Gesindel – der es sich nicht viel hatte kosten lassen wollen, ein Paar riesige silberne Steigbügel als Ohrringe verehrt. Pfui, wie gemein das aussah!”
S. 112 führt ‘Jude’ zumindest in einem pe­jo­ra­ti­ven Sinne auf: “Weisst Du – sagte er langsam – es [ist] doch richtig [...], nämlich – dass einen das Leben schlechter macht. Das Leben – und vor allem die Weiber. – Aber lieber Kleiner, das steht ja schon im alten Testament. Da wurde er patzig: – Das weiss ich nicht! Ich bin kein Jude! Darüber liess sich nicht streiten.”

Informationen zum Verfasser:
Armin Burkhardt: Otto Erich Hartleben, in: BraunsJbLG 77, 1996, S. 295-298: [1][2][3][4]
Literaturatlas Niedersachsen: Schulprojekt am Ernestinum Celle

126, (2) Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Erzählungen, Literatur, Berlin

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Nach dem Einsatz

August 11th, 2013 — 5:06am

Vor dem Geländer der Haltestelle, ein wenig abseits von den übrigen Fahrgästen, ein junger Mann, Anfang zwanzig, breitschultrig, ein wenig gedrungen, mit müdem Blick. Ich folge den Gleisen, lasse den Einkaufsbeutel rechter Hand schlenkern, die Trageriemen überkreuz über den Handrücken geführt, Fix- und Wiegepunkt. Frischer Blattsalat, der im Rhythmus der Schritte auf und ab wippt, Brot und Schinken, Feinkost für den sonntäglichen Brunch; ich trete auf die Halteinsel und gehe voran bis zur Stahlstrebe mit der elektronische Anzeigetafel, darauf aufgeführt: die nächsten beiden Fahrten, die M4 heimwärts, noch vier Minuten Zeit.

Die M5 Richtung Zingster Straße gleitet aus dem Halteport, taucht nach links ein unter den S-Bahnbogen, schwindet aus dem Sichtfeld. Mein Blick streift nach rechts, en passant, ich mustere ihn flüchtig. Trittfeste Stiefel, festgeschnürt, eine Hose in 3-Farb-Tarndruck, sandfarben, Wüstentarn, ein beiges T-Shirt als Teil des Feldanzugs, auf dem Rücken ein wuchtiger, camouflierter Armeerucksack, Flecktarn, schwer. An dieser Station kommen die Straßenbahnen erst am vorderen Ende der Bucht zum Stillstand, beim Wartehäuschen, ein schmuckloser Glasunterstand mit Sitzbank, Werbeträger, bebildert, davor eine Menschentraube. Das übliche, unbekümmerte Gewusel aus Erledigungen, Stadtbummel, Nachtschwärmern, die nach langer Tour der Schlaf ins heimische Bett treibt, ein früher Samstagnachmittag.

Die Haare sind ordentlich, kurz, schmutzigblond, Ohren und Nacken frei, eine Andeutung von Scheitel. Das Gesicht kantig, glatt rasiert, ein wenig derb; Brust und Kinn sind vorgeschoben, der Rücken durchgestreckt; die Augen niedergeschlagen. Wer am rückwärtigen Ende der Haltestelle wartet, der muß, wenn die Bahn einfährt und die Türen sich öffnen, aufschließen bis hin zum letzten Einstieg, anstehen, erneut warten. Limbus, Kunduz. Auf den Hemdsärmeln die deutschen Farben, das grüne Abzeichen vom ISAF-Einsatz in Afghanistan auf der Brust, Komak aw Hamkāri. Er tut einige unschlüssige Schritte vor und zurück, vielleicht sind die Beine ihm schwer.

Ich halte inne, besinne mich, kehre um und sage: Willkommen zurück. Wir nicken einander zu, seine Stimme klingt müde in dem hellen Einkaufssonnenschein, leise, Berlin-Mitte im Spätsommer 2013. Noch zwei Minuten ist die M4 fern, ich laufe wieder vor. Hintergrundgeplauder, links, rechts, ein einziges Sirren, Limbo; die Kleiderordnung hat sich im Gefolge der Temperaturen der letzten Wochen bis ins Zwanglose gelockert, die Menschen kreisen um sich und in sich, er bleibt für sich. Als die M4 einfährt, kommt er auf mich zu und sagt fast ins Unbestimmte: Danke. Ich sei einer der wenigen, die ihn willkommen heißen.

Ich steige ein und denke nur, auf dem Heimweg:
Sollte nicht ich, sollten nicht wir dankbar sein in diesem unserem Land?

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Là-bas

Januar 20th, 2013 — 5:16am

Six morceaux de sucre, dispersés à côté du lit, jetés comme les dés; d’une nuance feuille-morte-citrouille, la douceur se trouve en route pour le repos, le sommeil, je dansote sur la pointe de pieds pour ne m’y enliser pas, aux pieds légers je me glisse à travers le champs de faux pas sans succomber à la tentation caramelisée, je résiste et ne perds pas pied, je me lance sur le lit et m’étends de tout mon long et cœur sur le matelas fidèle, m’enfonce dans le support malléable; il me plaît sub rosa, le miel m’inclut et me garde et me berce. L’ambre, miel de fortune, il me nourrit comme un agent dormant.

Là-bas je me trouve jeté par terre, terrassé par eux sans noms, sur un sol battu, goudronné, il s’en faut seulement les plumes pour compléter le supplice, je suis fini à moitié. Tout proche de moi il y a des lunettes anaglyphiques, rouge-cyan, collées au bitume, presque amalgamées et consumées malgré le temps qui n’apporte rien que la neige humide et autres formes de précipitation, toutes misérables, toutes lourdes quand la nuit tombe. C’est une cameradie par la vexation, contre la fureur à tous crins qui nous drape et nous donne désormais un souvenir du temps inamical, des coups de pied et la tache de sang, des écorchures et une déchirure superficielle. Je me trouve privé de ma fierté, il faut se recouvrir, se lécher les doigts contre cela, les circonstances contraignantes et désagréables.

Le dos martelé, abaissé, ils y dansent. Il est commode d’entretenir un rapport avec un compagnon d’infortune et de se batifoler en commun. Par un dépôt ambrifère on peut se préserver, ajouter foi aux promesses d’enfance, se reculer du feu, fer, bitume; les couleurs versées devant la porte d’école de l’Époque de Fondateurs, derrière l’église du Moyen Âge, parmi les factions contemporaines. Mis bout à bout, où sont les différences entre le gris pierre de l’institut de l’éducation et le son de sable de l’institution religieuse, tous les deux des maisons respectives d’un Dieu fâché et rigide, et la couleur jaune-brun foncée de la sécrétion par des conifères dont ils parlent si beaucoup?

Par une feuille cramoisie qui atteste de l’automne quand le ciel a pleuré des larmes de joie, un baiser d’oiseau, le revêtement du trottoir apparait ensoleillé et vif, presque souple pour pouvoir dormir. Il faut se tient en garde pour la beauté, la conquérir dans la vie, car elle n’y laisse simplement. L’oléorésine se durcit de même façon par vieillissement comme le jeune coude à coude avec le sucre.

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