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mmix.xxii

August 22nd, 2009

Oscar Ogg: The 26 Letters
Thomas Y. Crowell Company, New York 1961, 1948
8. Auflage 1962

beg, bee: 31.07.2009-02.08.2009 u. 18.-19.08.2009

“The reason that the letter forms of many early designers are superior to their modern counterparts is that the modern letterers have attempted to arrive at the conclusions of the early designers without first having become acquainted with the sources of their results.” (Oscar Ogg, zitiert in: Leslie Cabarga: Logo, Font & Lettering Bible, S. 78)

Der Liebe zum Schreiben entspringt dieses Buch, nicht im Sinne des literarischen Vollzugs, sondern als Ausführung und Gestaltung der Schrift zum eigenständigen Objekt von Kunstfertigkeit und Zeugnis des Schönen; und sein Autor, Oscar Ogg (1908-1971), gilt neben Paul A. Bennett und Warren Chappell als einer der herausragenden US-amerikanischen Schriftentwerfer, Graphiker und Illustratoren Mitte des 20. Jahrhunderts. The 26 Letters erschien erstmalig 1946 in kleiner, bibliophiler Auflage in New York, im gleichen Jahr, als Ogg dort die kalligraphische Abteilung an der Columbia-Universität begründete, und nimmt den Leser mit auf eine Reise von den vorgeschichtlichen Ursprüngen der Schrift in Skulptur und Höhlenmalerei bis zu dem uns vertrauten, in einer langen Entwicklungskette ausgeformten lateinischen Alphabet mit seinen 26 Buchstaben. Kursorisch folgt Ogg in sieben von neun Kapiteln der Geschichte des Abc mit einer Übersicht der konkurrierenden Schriftsysteme der alten Ägypter (hieroglyphisch, hieratisch, demotisch) und einem faszinierenden Exkurs über die (kolonial verwickelte, kollateral durch Napoleons Feldzug bedingte) Entdeckung und Entzifferung des Steins von Rosetta, beschreibt die Herausbildung des ersten wahren, des phönizischen Alphabets mit seiner Vermengung kretisch-minoischer und ägyptischer Einflüsse mit den Cuneiform der Völker Mesopotamiens (Assyrer, Babylonier, Hethiter) und zeichnet die Überführung der Schrift vom griechisch-römischen Zeitalter bis hin zur Moderne nach. Der karolingische Beitrag um die Minuskeln, die Sonderformen der Halbunziale auf den britischen Inseln und in der frühchristlichen Literatur Irlands, die stilistische Virtuosität der Manuskripte mönchischer Skribenten des Hochmittelalters finden ebenso Erwähnung wie, eingehend und archetypisch, die formvollendete Inschrift der im Jahr 113 in Rom errichteten Trajanssäule als erstem Höhepunkt europäischer Hochschriftkultur.

Ogg illustriert sein zentrales Argument, die Gestaltung der Buchstaben des Alphabets folge aus dem Werkzeug, das der jeweiligen Kultur zum Schreiben zur Verfügung stehe, ein ums andere Mal, wenn er die Keilschrift wortwörtlich nimmt, in deren Bezeichnung selbiger Zusammenhang genuin eingefaßt ist, wenn er die gerade Strichführung (früher) altgriechischer Buchstaben ableitet aus der Verwendung von Wachstafeln, in welche Notizen mit einem Griffel eingekratzt wurden, während die Nutzung von Papyrus und (später) auch Papier und Pergament schon der klassischen Antike weichere, geschwungenere Formen erlaubte, und wenn er die Beschriftungen griechischer Reliefs und Plastiken vergleicht mit der Blüte trajanscher Kapitalien, derer erstere noch mit geradem Schlag mit dem Meißel dem Stein abgerungen sind, während letztere zunächst aufgemalt und hernach in ihren Rundungen und Wölbungen vom Steinmetz raffiniert herausgearbeitet wurden, wobei die Römer, durch ihre Meißeltechnik genötigt, die Serifen herausbildeten. “The tool governs the form again [and again]“ (S. 213), konstatiert Ogg, und so bleibt die Bedeutung von Material und Instrumentarium für die Kulturtechnik des Schreibens auch Leitmotiv der zwei abschließenden Kapitel zur Geschichte des frühen Buchdrucks, welcher rasch die Entwicklung standardisierter Schrift-Lettern bedingte. Waren die ersten Vertreter des Druckhandwerks noch orientiert an mittelalterlichen Handschriften und regionalen Varianten des lateinischen Alphabets, gewannen binnen eines Jahrhunderts die zwei Formen Vorrang, die bis heute idealtypisch unseren Schriftzeichen unterliegen: Die gebrochenen Schriften, auch Gotische genannt (Fraktur, Schwabacher, Rotunda), die, da sie aufgrund ihres starken Strichs und ihrer gedrängten Gestalt die Buchseiten eng und dicht bedruckt erscheinen ließen: in Schwarz getaucht, im Englischen als Black-Letters bezeichnet werden, und die aus der Kombination humanistischer Minuskeln mit altrömischen Versalien entwickelten Antiquaschriften, letztere bereichert und erweitert durch die Italienische (Italic, echte Kursivschrift) des Aldus Manutius, des Meisters des venezianischen Renaissancebuchdrucks. (Einzig im deutschsprachigen Raum behauptete sich die Gotische bis ins 20. Jh. und fand, als Schreibschrift, in den deutschen Kurrentschriften (z.B. Sütterlin) ihre idiosynkratische Entsprechung.)

Ogg, ein meisterlich geschulter Kalligraph, hat sein Buch mit einer Vielzahl teils kolorierter Schriftbeispiele und Abbildungen versehen, die die mühevolle Geschichte von Schriftwerdung und -erzeugung anschaulich illustrieren; und auch jüngere Leser mögen dem Gedankengang Oggs in seiner einfachen, klar strukturierten Sprache trefflich folgen, nicht zuletzt weil im Erzählton sich die Begeisterung des Autors für das Phänomen des Schreibens vermittelt. Daß er, typographisch-typophil, den Schriftsatz Old Face William Caslons für den vorliegenden Text wählt: “No type of any time, however, has ever made a more attractive and readable page than the original type of Caslon [designed about 1724], [of which] you have an example of a modern redrawing of [...] his honest, handsome letters before you now as you read this book” (S. 239), belegt, wie sehr dem Verfasser die Schreibkunst eine ars amandi war. Was sagte wohl dieser bibliophile Traditionalist zu den heutigen Schriftarten, wie sie moderne Dokumente, ergonomisches Online-Publishing prägen? So bestätigt er sich angesichts PC-gestütztem Schriftdesigns fände in seiner These: Form qua Funktion und Werkmaterial, hieße er sie vielleicht serifen-, charakter- und seelenlos? Produkte tachogener Weltfremdheit? Im nahezu unerschöpflichen Variantenreichtum rechnerbasierter Alphabete finden sich nur wenige, die dadurch bestechen, wie ausgewogen, formschön und elegant sie gestaltet sind. Und so faßt das vorangestellte Zitat, kolportiert vom Fontdesigner Leslie Cabarga, die Arbeitsethik und -technik des Oscar Ogg vielleicht am treffendsten: Nur das Nachvollziehen der Geschichte des Schreibens lehrt das Schreiben selbst.

(7), 262 Seiten, Festeinband
engl.-sprachig
Buchdruck, Typographie, Europa

mmix.xxi

August 11th, 2009

Theodor Heuss: Dank und Bekenntnis
Gedenkrede zum 20. Juli 1944
Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1954

beg, bee: 07.08.2009, 07.08.2009

Der Text kann hier als PDF-Dokument online nachgelesen werden.

16 Seiten, Heft
dt.-sprachig
Politik, Drittes Reich, Deutschland

mmix.xx

August 11th, 2009

Arnold Zweig: Der Spiegel des großen Kaisers
Verlag der Nation, Berlin 1964

beg, bee: 15.07.2009, 24.07.2009

148 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Novelle, Literatur, Deutschland

Könige und Chronisten (Konungar och krönikörer)

August 9th, 2009

Vos qui transitis…

Ebenso wie Geschichte sich verliert zum Anfang hin und zu Vergangenem wird, so auch ihre Chronisten; welche, ihrer Berufung folgend, ihr Mark ihr anheften und einschreiben und doch uns Künftigen oft nur noch dem Namen nach bekannt sind. Dem Gedächtnis weitgehend entschwunden sind Leben und Ruf des Jacobus Gislonis (†1490), 1481 Rektor der Universität Leipzig, später Domkanonikus in Uppsala und ebendort von 1488 an Universitätsrektor und Professor der Theologie, von dessen Werk auch um die Geschichtsschreibung Schwedens nur wenig noch uns erhellt (und erhalten ist) aus den Schriften der nordischen Humanisten: So zitiert beispielsweise Loccenius seine Chronologia regum sueciae als Beleg der frühsten schwedischen Könige.

Fuimos quandoque, quod estis.

Text: Jacobi Gislonis Chronologia regum sueciae:
Abschrift (108 kB) (PDF-Dokument)

Odins 15 Namen oder Schwedische Geschichtsschreibung

August 8th, 2009

Von der Mythologie her leiten die Völker ihre frühste Geschichte ab und bis in die Neuzeit die (politische) Geschichtsschreibung Herkunft und Anspruch des Herrscherhauses.1 Nicht anders verfuhr als Stammvater der schwedischen Historiographie der Linköpinger Geistliche und spätere Erzbischof von Uppsala, Johannes Magnus, als er in seinem 1554 postum veröffentlichten Hauptwerk Historia de omnibus gothorum sueonumque regibus in einem großen fiktionalen Wurf die Folge der Könige von Schweden erzählte: mehr Konstruktion denn Rekonstruktion der Vergangenheit; angelegt im spätantiken Text der Gotensaga und den mittelalterlichen Schriften des Saxo Grammaticus und hypothetisch überformt; angereichert - im Gefolge des schwedischen Bruchs mit der Kalmarer Union anno 1523 - mit ostentativem Abgrenzungsbewußtsein allem Dänischen gegenüber, der im 16. Jh. rivalisierenden Macht in Skandinavien.

Gut ein Jahrhundert später hatte sich Schwedens Vorherrschaft etabliert; und die Geschichtsschreibung Skandinaviens vollzog sich mit Notwendigkeit als jene der schwedischen Hegemonialmacht. Der Rechtsgelehrte und Historiker Johannes Loccenius, 1598 in Itzehoe in Holstein geboren, Skytte-Professor an der Universität Uppsala, war bemüht, diesem Anliegen zu folgen, und verfaßte, in späthumanistischer Tradition an der antiken Historiographie orientiert, mit den Antiquitatum sveo-gothicarum libri tres (1647) die seinerzeit bedeutsamste Darstellung der frühen Geschichte Skandinaviens. Von ihm 1654 wiederaufgelegt, verband er diese mit der Herausgabe der mehrheitlich Eric Olai zugeschriebenen Rerum svecicarum historia, welche ein Werk von bestechender Detailfülle und Zitierfreude und zugleich überbordender mythologischer Reverenz und Referenz darstellt.

Darin gerade gleicht Olai dem Johannes Magno, und seine Historia weist ebensolche quellenhistorisch problematische, partim unzuverlässige Qualitäten auf, wenn sie mit dem Sagenkönig Björn III. ansetzt und über den ersten gekrönten Herrscher Schwedens Erik X. hinaus bis zum Erben Gustavs I. Wasa eine Kontinuität suggeriert, welche mehr staatspolitischen Zwecken schuldig denn historischer Akkuratesse verpflichtet ist. Zumindest die späteren Abschnitte, über Olais Tod 1486 hinaus, sind von Loccenius kenntnisreich verfaßt - wieweit er ansonsten in den zugrundeliegenden Text Olais eingriff, ist strittig. Im folgenden werden die historio- und bibliographischen Anmerkungen und Ergänzungen des Loccenii zum Text Olais bereitgestellt: die Observationes historicae, welche textkritisch verfahren und ein Schlaglicht werfen auf wissenschaftliche Erkenntnismethodik und Quellenlage Mitte des 17. Jh.

1: Vgl. hierzu die Genealogie des mythischen Göttergeschlechts Odins im vorliegenden Text (S. 348ff.) und ihre Verquickung darin sowohl mit der Landeskunde (insbesondere Ulleråkers bei Uppsala) wie auch mit den (anfänglich sagenhaften) Regenten Schwedens.

Text: Johannis Loccenii Observationes historicae:
Abschrift (148 kB) (PDF-Dokument)

Dies iræ

April 15th, 2009

Aut hic errat (ait) nulla cum lege per ævum
Mundus, & incerto discurrunt sidera motu:
Aut, si fata movent, orbi, generíque paratur
Humano matura lues. terræ ne dehiscent,
Subsidentque urbes? an tollet fervidus aër
Temperiem? segetes tellus infida negabit?
Omnis an infusis miscebitur unda venenis?
Quod cladis genus, ô Superi? qua peste paratis
Sævitiam? extremi multorum tempus in unum
Convenêre dies.

(Liber I, Versus 642-651, p. 47)

ex:
Marcus Annæus Lucanus: De bello civili sive Pharsalia
cum Hug: Grotii, Farnabii notis integris & Variorum selectiß.
Accurante Corn: Schrevelio.
Officina Elzeviriana, Amstelodami [Amsterdam] 1658

mmix.v

March 8th, 2009

Rainer Stephan: Gebrauchsanweisung für das Elsaß
Piper Verlag, München 2004
2. Auflage 2007

beg, bee: 05.03.2009, 08.03.2009

Elsaß-Lothringen, das ist ein Fokalpunkt europäischer Geschichte, deutsch-französischer Erbfeindschaft und Nachkriegsfreundschaft, das Elsaß eine Region, die die Kultur des Savoir-vivre mit deutscher Gemütlich- und Bodenständigkeit fruchtbar amalgamiert, ein “Dreyeckland” zwischen Basel, Freiburg und Straßburg, das seine Eigenständigkeit gegenüber dem nachbarschaftlichen Übergewicht der “Schwoben” einerseits und Pariser Zentralismus andererseits behauptet und gewahrt hat. Pfleglich gehegte Provinzialität erwies sich als Keimzelle, gelebte Interkulturalität (stets zwischen allen Stühlen) als Ausdruck wenn nicht ausgesprochen pro-, so doch paneuropäischer Gesinnung, ein Regionalismus mit unverwechselbaren Zügen charmanter Renitenz.

Rainer Stephans über weite Strecken vergnüglich abgefaßte Gebrauchsanweisung, erschienen in Pipers reizvoller Reihe literarischer Regionalportraits abseits von Reiseführern und Urlaubsplanern, eröffnet dem Leser ein humorvolles Elsaßpanorama mit kulinarischen Reflexionen über saures choucroûte royal (das in Ungarn besser schmeckt) und erklecklicher Sommelier- und Gourmetkunde (wie ein bunter Hund scheint er bekannt mit allerorten Dreisterneköchen): so firmiert der Pinot Gris im Elsässischen unter “Grauclevner” (und wurde als Tokai d’Alsace vor dreihundert Jahren aus Ungarn importiert), mit einer Entourage seitab touristischer Routen und Urlaubsnepp und erquicklichen Einsichten in das schwierige Verhältnis des Elsässers zum Deutschen. Darin spart er nicht mit Sticheleien gegen Anrainer beiderseits des Rheins.

Matthias Grünewalds “Isenheimer Altar”, der Pfifferdaj, der alljährlich in Ribeauvillé an die Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit der deutschen Grafen von Rappoltstein im damaligen Rappoltsweiler über Gaukler und fahrende Spielleute erinnert, der Sechseimerbrunnen, das Obertor und die Künstlerkolonie von Boersch - in Stephans Buch gibt es für den deutschen Leser viel zu entdecken über das Elsaß, wie z.B. die von Adalbert von Chamisso noch besungene Burg Niedeck oder ein zur Waldwirtschaft umfunktioniertes altes Forsthaus im Elmerforst und auch einen ostwärts (gen Deutschland: als Mahnung?) gerichteten Panzer in Kientzheim. Straßburg, die alte freie Reichsstadt, Präfektur (nebst Colmar) der Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin (die zusammen die in der französischen politischen Terminologie ausgesparte Region Elsaß bilden), behandelt der Autor facettenreich und erschöpfend - und doch wird der Leser angehalten, weiter nachzuforschen.

Der Zusammenhang zwischen Straßburgs malerischem, von der Vaubanwehr eingefaßten Gerberviertel Petite France und der Syphilis, beispielsweise, findet sich nicht im Buch. Dazu schwingt im Autoren vielleicht zuviel Lokalpatriotismus mit. Die Sprache Stephans ist kurzweilig, die Kapitelübergänge beredt, und auch wenn ein großer Erzählbogen ausbleibt, sind die Exkursionen, Hakenschläge und Detours in diesem anregenden Kultur- und Historienreigen lehrreich und bildhaft, ohne das Gris en gris des modernen Elsaß und seiner Vorstädte in Mulhouse (Mühlhausen), Straßburg und Schlettstadt (Sélestat) - und damit Frankreichs - zu verschweigen. “[D]ie altmodische Kunst des Bücherlesens läßt einen auch heute noch persönliche Abenteuer erleben, die andere nur aus dem Kino kennen” (S. 107), so resümiert Stephan die phantastische Begebenheit um Stanislas Gosse, dem Arsène Lupin d’Alsace, und er läßt den Leser teilhaben an filmreifer, bibliophil motivierter Kleptomanie, wie sie vielleicht nur noch im Elsaß zu finden ist.

191 Seiten, Broschur
dt.-sprachig
Reiseliteratur, Region Alsace-Lorraine, Frankreich

mmviii.xvi

January 5th, 2009

Georges Perec: W oder die Erinnerung an die Kindheit
Verlag Volk und Welt, Berlin 1978

beg, bee: 13.12.2008, 03.01.2009

Erstausgabe

“Ich weiß nicht, ob ich nichts zu sagen habe; ich weiß nicht, ob, was ich etwa zu sagen hätte, nicht gesagt wird, weil es unsagbar ist (das Unsagbare verbirgt sich nicht im Geschriebenen, es ist vielmehr jenes Etwas, was lange zuvor zu seinem Entstehen geführt hat); ich weiß, daß meine Aussage leer, neutral ist, sie ist ein endgültiges Zeichen einer endgültigen Vernichtung.
Das eben ist es, was ich sage, was ich schreibe, und das allein findet sich in den Worten, die ich setze, in den von diesen Worten gebildeten Zeilen, in den leeren Räumen zwischen den Zeilen…
Ich schreibe nicht, um auszusagen, daß ich nichts sagen werde, ich schreibe nicht, um darzutun, daß ich nichts zu sagen habe. Darum schreibe ich: weil wir miteinander gelebt haben, weil ich einer von ihnen war, ein Schatten inmitten ihrer Schatten, ein Körper nahe ihren Körpern; ich schreibe, weil sie mir ihre unauslöschliche Spur hinterlassen haben, die in dem von mir Geschriebenen zutage tritt: Die Erinnerung an sie läßt sich nicht schriftlich erfassen; wenn ich schreibe, so geschieht es, um ihres Todes zu gedenken und um zu bekräftigen, daß ich lebe.” (S. 51f.)

191 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig (Ü: Thorgerd Schücker)
Erzählung, Autobiographie, Frankreich

mmviii.xiii

December 11th, 2008

Anna Katterfeld: Die Stadt der Barmherzigkeit
Anker-Verlag, Bremen 1930

beg, bee: 10/2008, 04.12.2008

Anrührend schildert die Anna Katterfeld Bilder aus Vater Bodelschwinghs Leben und Lebenswerk, wie der Untertitel das Buch faßt… baltische Erzieherin…

224 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Biographie, Bethel, Christentum

mmviii.ix

October 11th, 2008

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott
Gesammelte Werke: Band 13
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1983
8. Auflage 1988

beg, bee: 03.10.2008, 05.10.2008

“Wie hätten wir davon wissen sollen?”, diesen Ausruf brachten viele Deutsche nach dem Ende des 2. Weltkriegs, dem Untergang des NS-Regimes in Europa vor; “davon wußten wir nichts”, beteuerte der gestrige Volksgenosse, leutselig und doppelbödig, vor sich selbst und der Anklage der Weltöffentlichkeit, im Angesicht der Verheerung im eigenen Land. (Welche selbe er zuvor und zuvörderst gen Osten getragen hatte.) Die Greuel deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager und das Ausmaß der Verbrechen strafte jenen apologetischen Reflex zwar von Beginn an Lügen, dennoch verwahrten sich weite Teile der in zwei Staaten geteilten deutschen Gesellschaft in einer (gar nicht so verschiedenen) Kultur des Schweigens und des Unausgesprochen-Lassens vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle (und Schuld) im Dritten Reich und jener der Eltern- und Großelterngeneration. In dieser Unterlassung schrieb sich das moralisch bankrotte Deutschland noch Jahrzehnte fort; der willfährige Helfer der Diktatur geriet zum Bürger: eines Wirtschaftswunderlands dank alliierter Wiederaufbauhilfe und Westintegration oder aber, in unverbrüchlicher Blocktreue, eines Arbeiter- und Bauernstaats und dessen kommunistischer Legitimationspraxis; und wiegelte ab, fuhr fort zu leugnen, Anteil an den Verbrechen gehabt zu haben, die da der Welt offenbar wurden. Wie kann dann das sein, daß schon 1937 der Roman Ödon von Horváths, Jugend ohne Gott, im Exil verfaßt und bei Allert de Lange in Amsterdam publiziert, so eindringlich wußte um die mörderische Unmenschlichkeit eines faschistischen Regimes? Die kommenden Grauen pointiert vorwegnahm? Daran verzweifelte und doch dagegen anging?

“Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul”, hebt er an mit der Rassenpolitik des Dritten Reichs, wenn der Erzähler, Lehrer an einem Städtischen Gymnasium, sich konfrontiert sieht mit den geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus und – damit arrangiert, “denn was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen”, um kurz darauf, unversehens, mit einem Satz sich in Gegnerschaft hierzu zu finden, angefeindet wird von der ihm anvertrauten Jugend. Horváths Prosa ist schnörkellos und knapp und zeichnet die Mechanismen des totalitären Staates: Denunziation, Ausgrenzung, Militarisierung, unverstellt nach und enthüllt sie im Kleinen, im Wankelmut, in der Bequemlichkeit; in der Anpassung an die Gegebenheiten. “Wer mit Verbrechern und Narren zu tun hat, muß verbrecherisch und närrisch handeln, sonst hört er auf. Mit Haut und Haar.” Darein verstrickt, wider Willen, macht sich auch der Protagonist und Erzähler schuldig und zeigt, in einem inneren Prozess der Läuterung, in äußerer Gerichtsverhandlung, in seiner Gewissensnot einen Ausweg auf, hin zu einem humanistischen Ideal, zu Mitmenschlichkeit, zu einem Gott mit menschlichem Antlitz. Glaube, wie auch immer, verlangt Liebe, Bekenntnis und Wahrhaftigkeit. Unmenschlichkeit hingegen keimt schon im Kleinen auf: in der Verachtung, in der Gleichgültigkeit, in der Lüge; in all jenen, die “geil auf Katastrophen [...] mit dem Unglück anderer Leute im Bett [liegen] und [...] sich mit einem künstlichen Mitleid [befriedigen].”

Die Sprache Horváths, mit ihren gelegentlichen Austriazismen, demaskiert präzise Jargon und Haltung des kleinbürgerlichen Opportunisten, wie sie auch nicht spart mit entlarvender Kritik am passiven Abseitsstehen von Bildungsbürger, Fabrikant und Klerus. Wenn über dem ländlichen Idyll einer Dorfkirche “blauer Dunst” aufsteigt, tritt die symbolische Ebene in den Vordergrund, die Ferne der Kirche zum Menschen zutage: “Im Pfarrhaus drinnen ist Sauberkeit. Kein Stäubchen fliegt durch die Luft. Im Friedhof daneben wird alles zu Staub.” Gegen Ende wird auch der Pfarrer sich wieder dem Menschen zuwenden, Schritt auf Tritt, in diesem szenisch verfaßten Prosastück. Die kommentierte Werkausgabe, herausgegeben von Traugott Krischke, ist mit einem kurios verwurstelten Apparat versehen, der die Genese des Romans pedantisch nachvollzieht und in seinen Anmerkungen andernorts hermetisch selbstbezüglich bleibt. (Es fehlt nur noch eine Seitenkonkordanz.) Glücklicherweise bedarf es der Endnoten zur Lektüre nicht; eine biographische Notiz im Vorsatz, wie sonst üblich bei Suhrkamps Taschenbuchreihe, wäre jedoch wünschenswert gewesen. In einem Fahnen betitelten Abschnitt schreibt der 1938 verstorbene Horváth unverschlüsselt von den “Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten”, und weiter: “Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.” Vielleicht erklärt sich so die Bereitschaft des deutschen Michels, autoritätshörig sein Fähnlein in den Wind zu hängen. Und nichts gewußt zu haben. Nicht davon, von nichts, anno 1945.

183 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig
Roman, Literatur, Deutschland

[Archiv: Ursprünglich veröffentlicht am 06.10.2008. Revidiert am 15.10.2008.]