{"id":1182,"date":"2011-03-08T05:03:56","date_gmt":"2011-03-08T03:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=1182"},"modified":"2013-01-06T23:36:43","modified_gmt":"2013-01-06T21:36:43","slug":"mmxii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmxii-1182.html","title":{"rendered":"mmxi.i"},"content":{"rendered":"<p><em>Weihnachten mit Thomas Mann<br \/>\nHrsg. v. Sascha Michel<br \/>\nFischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2009<\/em><\/p>\n<p>In schmucker Ausstattung wartet diese <a href=\"http:\/\/www.fischerklassik.de\/fischerklassik\/buch\/Weihnachten_mit_Thomas_Mann\/9783104012575\">Anthologie<\/a>, erschienen im Fischer-Verlagsimprint <em>Fischer Klassik<\/em>, mit einer Auswahl von Texten aus der Feder Thomas Manns auf, die allesamt inhaltlich oder zeitlich einen Bezug zum Weihnachtsfest ausweisen. Mann, der gro\u00dfe Romancier, ist mit zwei l\u00e4ngeren Ausz\u00fcgen aus den <em>Buddenbrooks<\/em> und dem <em>Zauberberg<\/em> vertreten, die je jene Passagen aus dem Werkkontext exzerpieren, die dem Heiligen Fest gewidmet sind, was sie nun aber auch all ihrer Bez\u00fcge verlustig gehen l\u00e4\u00dft. Es schmerzt ein wenig, die meisterliche Komposition so zerteilt zu sehen. Erquicklicher sind die aufgenommenen Briefe und Tageb\u00fccher Manns, die famili\u00e4re Stimmungsbilder und politische Kommentare, Lekt\u00fcrenotizen und kursorische Werkkritik versammeln und die vielf\u00e4ltige Korrespondenz Manns von 1890 an bis Ende 1954 schlaglichtartig beleuchten: Hesse, <a href=\"http:\/\/www.richard-dehmel.de\/rdehmel\/richard%20dehmel\/rdehmel.html\">Dehmel<\/a>, Verlagsvater Samuel Fischer und <a href=\"http:\/\/www.br-online.de\/kultur\/literatur\/leben-und-literatur-DID1197889233632\/mann-pringsheim-literatur-ID1197898973276.xml?_requestid=153456\">Bruder Heinrich<\/a> und zahlreiche andere Adressaten und Gespr\u00e4chspartner bezeugen Manns Rolle und Einbindung in die Gesellschaft M\u00fcnchens, Princetons und Z\u00fcrichs &#8211; wie auch das Exil in Pacific Palisades und Manns entschiedenen, bitter-ironischen Dammspruch \u00fcber die alte Heimat:<\/p>\n<p><em>&#8222;Amerika mu\u00df diesen Krieg erst lernen. Das Ungl\u00fcck von Pearl Harbor zeigt, wie wenig es noch eine Vorstellung hat von seiner b\u00f6sen Unbedingtheit, seinem Radikalism. [&#8230;] Von diesem Schauplatz [im Pazifik] ist wohl noch mancher Kummer zu erwarten. Desto mehr Vergn\u00fcgen macht uns Adolf mit seinen inneren Stimmen und seiner &#8218;raison d&#8217;\u00eatre.&#8216; (Als Eroberer Galliens f\u00e4ngt er an, sich des Franz\u00f6sischen zu bedienen, wenn auch nicht ganz richtig.) Sein Tagesbefehl bei Entlassung der Gener\u00e4le und eigener Uebernahme des Kommando&#8217;s war unbezahlbar. Seit der Jungfrau von Orleans ist etwas so Romantisches nicht mehr dagewesen. Ach, die heillose Kr\u00f6te, wann wird ihr einer den Kopf zertreten?&#8220; (Brief an <a href=\"http:\/\/www.harvardsquarelibrary.org\/ware\/agnes_ernst_meyer.php\">Agnes E. Meyer<\/a> vom 23.12.1941)<\/em><\/p>\n<p>So rasch wird aus dem Heiland NS-Deutschlands im Handstreich die Unke in all ihrem Ungl\u00fcck gekehrt, eine Lektion, die viele &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volksgenosse\">Volksgenossen<\/a>&#8220; erst sp\u00e4ter bitterlich lernen mu\u00dften. Neben solch brillanten Charakterisierungen und Sentenzen des Essayistikers finden sich zahllose Alltagskommentare, die ein Licht werfen auf die eiserne Disziplin, der sich Mann unterzog, und seine nicht selten aufflackernde Unlust ob all der Pflichten. Mann, der Hypochonder, tritt in Erscheinung. Hier bewirkt die Sammlung Neugierde, den Blick auf die Tageb\u00fccher \u00fcber die Weihnachtstage hinaus zu weiten. Neben Thomas Mann l\u00e4dt der Verlag in gleicher <a href=\"http:\/\/blog-satz.blogspot.com\/2009\/01\/fr-freunde-der-klassik.html\">Ausf\u00fchrung<\/a>, Pr\u00e4gestempel, g\u00fcldenem Balken, christfestlichem Motivtitel, auch zur <em>Weihnacht mit Kurt Tucholsky<\/em>. Als Reminiszenz und Ermahnung, wieder einmal zu beider Autoren \u0152uvre erster Hand zu greifen, k\u00f6nnten die Anthologien gelingen, doch sie begn\u00fcgen sich zur Unterhaltung. Der Leser kann nicht umhin, sich einzugestehen, zu kapitulieren vor dieser schnellebigen Zeit mit ihrer <a href=\"http:\/\/www.mediastico.de\/?p=410\">modularisierten Lesepraxis<\/a>:<\/p>\n<p>Warum sich hier bescheiden zur leichten Kost anstelle wuchtiger B\u00e4nde? Warum Exzerpte und durchk\u00e4mmter Streifzug anstelle eines sich in F\u00fclle entfaltenden erz\u00e4hlerischen Duktus und stiebender Kurzprosa im Original? Es sind dies B\u00fccher, die einladen zum Lesen nebenher, dem Leser die Kulturtechnik aber nicht mehr gewissenhaft abverlangen. Hierzu pa\u00dft auch, da\u00df die editorische Textarbeit sehr \u00fcbersichtlich bleibt; mithin Personen, Orte, Werke ohne Bezug und Erl\u00e4uterung sind &#8211; und damit Schall und Rauch. So bleibt von der Bl\u00fctenlese nur eine ungef\u00e4hre Ahnung, und das ist schade.<\/p>\n<p>121, (6) Seiten, Taschenbuch<br \/>\ndt.-sprachig<br \/>\nSammlung, Prosa, Deutschland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten mit Thomas Mann Hrsg. v. Sascha Michel Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2009 In schmucker Ausstattung wartet diese Anthologie, erschienen im Fischer-Verlagsimprint Fischer Klassik, mit einer Auswahl von Texten aus der Feder Thomas Manns auf, die allesamt inhaltlich oder zeitlich einen Bezug zum Weihnachtsfest ausweisen. 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