{"id":249,"date":"2008-11-28T04:56:01","date_gmt":"2008-11-28T02:56:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=249"},"modified":"2008-12-27T23:28:05","modified_gmt":"2008-12-27T21:28:05","slug":"mmviiixi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmviiixi-249.html","title":{"rendered":"mmviii.xi"},"content":{"rendered":"<p><em>Marc Bielefeld: We Spe@k Deutsch &#8230;aber verstehen nur Bahnhof<br \/>\n[= We Speak Deutsch&#8230; ]<br \/>\nWilhelm Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2008<\/em><br \/>\nbeg, bee: 17.11.2008, 20.11.2008<\/p>\n<p>&#8222;Das Thema Sprache boomt&#8220;, wie der Autor, studierter Linguist und Literaturwissenschaftler, im Vorwort unverbl\u00fcmt eingesteht. Und Marc Bielefeld surft mit auf dieser von <a href=\"http:\/\/www.bastiansick.sslh.net\/\">Bastian Sicks<\/a> <em>Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod<\/em>-Reihe losgetretenen Zeitgeistwelle und ver\u00f6ffentlicht mit <em>We Spe@k Deutsch<\/em> einen F\u00fchrer, so der Untertitel, durch den &#8222;Dschungel unserer Sprache&#8220;. &#8222;Sprachliche Absonderlichkeiten&#8220; und &#8222;stilistische Eiert\u00e4nze&#8220; haben es ihm besonders angetan, wie der vorliegende Band, in flotter Manier geschrieben, ein ums andere Mal best\u00e4tigt, wenn Bielefeld <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/OCD\">obsessiv<\/a>-sammelw\u00fctig nicht eine Handvoll oder ein Halbdutzend Beispiele anf\u00fchrt, sondern Belege massiert und seitenweise f\u00fcr den Leser anh\u00e4uft. Die auf dem R\u00fcckdeckel plazierte Frage &#8222;Ist unser Deutsch noch zu retten?&#8220; ist folgerichtig rhetorischer Natur und nicht Mission des Autors, dessen &#8222;am\u00fcsante und erschreckende Bestandsaufnahme&#8220; einzig luftiger Exkursion und Unterhaltung dienen will.<\/p>\n<p>Es sind hierbei Bielefelds besserwisserischer Duktus, seine selbstgerechte Ironie und der neunmalkluge Ton, den er anschl\u00e4gt, welche einem die Lekt\u00fcre, von wenigen erg\u00f6tzlichen Abschnitten abgesehen (Kapitel 5, 8, 18), rasch vergr\u00e4tzen. <a href=\"http:\/\/blogs.nashvillescene.com\/pitw\/boring.jpg\">Oder auch einfach erm\u00fcden.<\/a> Wieso ergehen sich hunderte Seiten in Kritik (und Verwendung) von Denglisch-Begriffen, teils unmotiviert vom Autoren an- und eingef\u00fchrt, wenn sprachkonservative Einw\u00e4nde wider den \u00fcberbordenden Gebrauch von Anglizismen, wie es im Vorwort hei\u00dft, &#8222;h\u00f6chstens die Oberfl\u00e4che [streifen]&#8220;? Weshalb wei\u00df ein Autor mit diesem akademischen Hergang, Sachverstand sei unterstellt, nicht zwischen <em>Worten<\/em> und <em>W\u00f6rtern<\/em> zu unterscheiden? Und warum findet die Misere der Dialektsprachen, Mundarten, <a href=\"http:\/\/www.uni-erfurt.de\/sprachwissenschaft\/personal\/lehmann\/ling\/ling_theo\/spr&#038;denken\/llp.html\">Parolen<\/a> keine Erw\u00e4hnung neben Jargons, Slangs und multikulturellem <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pidgin\">Pidgin<\/a>? Bielefeld greift zudem auch den Streit um die aktuelle Entwicklung der deutschen Sprache auf, nennt ihn in Kapitel 16 &#8222;ein reizendes Thema&#8220; und verpa\u00dft dann jedes Iota an Einsicht, wenn er in permissiver Allerweltsplauderei an verbindlichen Positionen vorbeilaviert und Sprachkritiker zu &#8222;Sprachn\u00f6rglern&#8220; degradiert. Der Autor identifiziert omin\u00f6se \u00f6konomische Motive als Ursache sprachlicher Degenerierung und plaziert gleichzeitig sch\u00f6n prominent einen Strau\u00df von Marken und Fabrikaten im vorliegenden Text. Das Fehlen analytischer Tiefe l\u00e4\u00dft seine Einlassungen im besten Falle sprachm\u00e4kelig erscheinen, seine Nachl\u00e4ssigkeit macht sie \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Es sollte mich wundern, wenn dieser Band auch nur einmal <a href=\"http:\/\/www.lektorat.de\/\">lektoriert<\/a> wurde, strotzt er doch vor Rechtschreibfehlern, Redundanzen und anderen \u00c4rgernissen. So erstaunt der Autor in Kapitel 22 auch Nichtgenetiker mit der Einsicht, XX bezeichne den diploiden Chromosomensatz des Mannes. Die vehemente (und keinesfalls unberechtigte) Kritik am exkludierenden Sprachgebrauch von Werbern, Wirtschaftlern und anderen <em>hippen<\/em> (oder auch klandestinen) Berufsgruppen wie auch von Politik und Verwaltung kontrastiert seltsam mit der kuriosen Mixtur linguistischer und rhetorischer Fachterminologie, welche Kapitel 6 er\u00f6ffnet und welche, ein Stilbruch dem im \u00dcbrigen flapsigen Ton des Buches gegen\u00fcber, sich bewu\u00dft gegen das Leseverst\u00e4ndnis des Lesers richtet. Sp\u00e4ter, in den Kapiteln 18 und 20, bedient sich der Autor dieser kryptischen Fachsprache wiederum. Wozu diese unmotivierte Ausgrenzung? Oder ist es Ironie? Prahlerei? In der Philosophie spricht man hier von einem performativen Widerspruch. <a href=\"http:\/\/www.schopenhauer.de\">Schopenhauer<\/a> spr\u00e4che wohl von Sprachverhunzung.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt tr\u00e4gt die Verwendung ironischer Stilmittel den Text nicht und ger\u00e4t endg\u00fcltig zur unfreiwilligen Komik, wenn Bielefeld in grotesker \u00dcberspitzung einen Dialog um die Sprache der Jugend gestaltet. Stereotypien und das Bestreben um <a href=\"http:\/\/www.stylusmagazine.com\/articles\/pop_playground\/really-real-authenticity-and-hip-hop.htm\">Authentizit\u00e4t<\/a> kommen seltsam altbacken her\u00fcber, und \u00fcberhaupt sehr bem\u00fcht. Kurz gefa\u00dft, ist dieses Buch hundsmiserabel recherchiert und ediert und lohnt nicht zu lesen. Herrlich die sicherlich ungewollte Ironie, wenn der Band auf Seite 286, in der Literatur\u00fcbersicht, endlich fruchtbar abschlie\u00dft: Die genannten Titel wie z.B. Thalmayr-Enzensbergers <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/21067.html\"><em>Heraus mit der Sprache<\/em><\/a> sind doch fraglos lustvoller, unterhaltsamer und auch hellsichtiger geschrieben. Dem Umschlagtext zufolge ist Marc Bielefeld als freier Autor t\u00e4tig unter anderem f\u00fcr <em>Die Zeit<\/em>, die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> und <em>Meridian<\/em>. Nun ja. Mit diesem Schnellschu\u00df ist er jedensfalls baden gegangen.<\/p>\n<p>286 Seiten, Taschenbuch<br \/>\ndt.-sprachig<br \/>\nSachbuch, Sprachkritik, Deutschland<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marc Bielefeld: We Spe@k Deutsch &#8230;aber verstehen nur Bahnhof [= We Speak Deutsch&#8230; ] Wilhelm Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2008 beg, bee: 17.11.2008, 20.11.2008 &#8222;Das Thema Sprache boomt&#8220;, wie der Autor, studierter Linguist und Literaturwissenschaftler, im Vorwort unverbl\u00fcmt eingesteht. 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