{"id":2576,"date":"2013-08-21T09:41:53","date_gmt":"2013-08-21T07:41:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=2576"},"modified":"2013-08-21T17:14:32","modified_gmt":"2013-08-21T15:14:32","slug":"literarische-grillen-die-grisetterien-otto-erich-hartlebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/literarische-grillen-die-grisetterien-otto-erich-hartlebens-2576.html","title":{"rendered":"Literarische Grillen: Die Grisetterien Otto Erich Hartlebens"},"content":{"rendered":"<p><em>Otto Erich Hartleben: Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe<br \/>\nS. Fischer Verlag, Berlin 1901<br \/>\n9. und 10. Auflage (1. Auflage: 1893)<\/em><br \/>\nbeg, bee: 12.-14.08.2013<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_umschlag.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_umschlag-205x300.jpg\" alt=\"\" title=\"Hartlebens Knopf (Umschlagtitel), Berlin 1901.\" width=\"205\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2624\" style=\"margin-right:15px;\" srcset=\"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_umschlag-205x300.jpg 205w, https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_umschlag.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a>\u00dcber Autoren und Werk geht die Zeit oft genug rasch und reuelos hinweg, und nur die wenigsten bleiben dem kulturellen Ged\u00e4chtnis \u00fcber den jeweiligen Gusto und Kanon hinaus bewahrt, als Fu\u00dfnote, Erg\u00e4nzung, Weiterung desselben. <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Lesesaal\/N\/9781482557503?page=38\">Otto Erich Hartleben<\/a>, seinerzeit was man heute Bestseller nennt, vormals Publikumserfolg gehei\u00dfen, galt zur Jahrhundertwende im deutschsprachigen Raum als einer der bekanntesten und popul\u00e4rsten Sp\u00f6tter und Dramatiker und errang unter Kollegen, Kritikern und Lesern gleicherma\u00dfen gro\u00dfen Zuspruch. Ins junge Verlagsprogramm des just begr\u00fcndeten Hauses Samuel Fischers aufgenommen, ver\u00f6ffentlichte Hartleben ein \u00fcberschaubares, aber auflagenstarkes \u0152uvre an B\u00fchnen- und lyrischer Dichtung sowie Kurzprosa, nicht selten charakterisiert durch dekadentistische und naturalistische Tendenzen in Verbindung mit humorvollen Spitzen; im eigentlichen Sinne Unterhaltungsliteratur, welche teils die moralische Ambivalenz modernen Gro\u00dfstadtlebens leichthin aufs Korn nahm, teils die gesellschaftlichen Umbr\u00fcche zum <em>Fin de si\u00e8cle<\/em> treffsicher markierte.<\/p>\n<p>Heutigentags ist Hartleben vergessen, ebenso wie <a href=\"http:\/\/lbmv-cdm.gbv.de\/u?\/lbmv,591\">Georg Engels<\/a>, damals Theatermann ersten Ranges und <a href=\"http:\/\/query.nytimes.com\/mem\/archive-free\/pdf?res=F50C10FB3B5A15738DDDA80894D9415B878CF1D3\">internationalen Renomm\u00e9es<\/a>, welchem der vorliegende Band, der in sich zwei Erz\u00e4hlungen vereint, dankbar zugedacht ist. Die Novelletten sind je f\u00fcr sich gelesen leichte Lekt\u00fcre und fl\u00fcchtige Skizze und wirken miteinander verkn\u00fcpft wie zwei Kapitel eines Groschenromans, angesiedelt im berlinischen Studentenmilieu der Jahrhundertwende, deklariert als R\u00fcckbesinnung eines demselben entwachsenden Erz\u00e4hlers. Sowohl die titelgebende <em>Geschichte vom abgerissenen Knopfe<\/em> als auch das daran ankn\u00fcpfende, halb so lange St\u00fcck <em>Wie der Kleine zum Teufel wurde<\/em> sind inszenatorisch schlicht gehaltene Schilderungen, wie der Erz\u00e4hler im Abstand einiger Monate mit je einem Freunde zusammentraf und Zeuge wurde von deren jeweiliger amour\u00f6ser Verwicklung mit &#8222;der Lore&#8220; \u2013 eine Ber\u00fcckung, die der Ich-Erz\u00e4hler am\u00fcsiert und s\u00fcffig-s\u00fcffisant nachzeichnet, abhold aller tiefgr\u00fcndigen Er\u00f6rterung.<\/p>\n<p>Die Begebenheiten und Begegnungen mit Lore, deren eigentlicher Name Bertha auf eine Herkunft in der Arbeiterschaft Berlins verweist und welche abenteuerlich-verwegen um Namen und Biographien nicht verlegen ist, die feineren Herren auf Brautschau f\u00fcr sich zu gewinnen, sind in Ton und Materie banal und taugen weder zu Charakter- noch Milieustudien;  positiv gewendet versteht sich Hartleben auf stilistische Aussparung und das augenzwinkernde Portrait einer je fruchtlosen Liebelei, wobei seine <em>Grisetterien<\/em> wenig mehr hergeben als literarische <em>B\u00eatisen<\/em>. Die moralische Gratwanderung wird kaum angedeutet, geschweige denn verhandelt, und dem heutigen Leser werden mehr die Manierismen<a name=\"artifiziell\" href=\"#gekuenstelt\"><sup>1<\/sup><\/a> in Hartlebens Sprache aufsto\u00dfen als die Dekonstruktion philistr\u00f6ser Engstirnigkeit, wie sie der Text anhand der Figuren, absent jeder Introspektion, konturiert. Im sanften Innuendo bleibt sie folgenlos, wie auch einige stilistisch ungl\u00fcckliche Einsprengsel bildungsb\u00fcrgerlichen Lateins nur Firnis sind und dem Text \u00fcber seine trivialliterarische Qualit\u00e4t nicht hinweghelfen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_s73.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_s73-198x300.jpg\" alt=\"\" title=\"Hartlebens Knopf (emanzipatorische Passage), Berlin 1901.\" width=\"198\" height=\"300\" class=\"alignright size-medium wp-image-2625\" style=\"margin-left:15px;\" srcset=\"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_s73-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/q_hartleben_s73.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a>Bemerkenswert, und verst\u00f6rend, sind die antisemitischen Entgleisungen<a name=\"judeo-christl\" href=\"#Jecke\"><sup>2<\/sup><\/a>, die beide Erz\u00e4hlungen eignen, nimmt man sie als Beleg f\u00fcr den judenfeindlichen Geist im wilhelminischen Deutschland, so beil\u00e4ufig wie sie fallen; und chauvinistische wie klassistische Elemente durchziehen beide Kapitel, wenn auch die Zeichnung der Figur der Lore \u00fcberraschend emanzipative Z\u00fcge tr\u00e4gt und Hartleben explizit und positiv auf die fr\u00fche Frauenrechtlerin (und Friedensaktivistin) Bertha von Suttner und die Bewegung der Suffragetten im weiteren Sinne Bezug nimmt. Lore kann so gleicherma\u00dfen als <a href=\"http:\/\/parisisinvisible.blogspot.de\/2009\/02\/grisettes-and-lorettes.html\">Grisette gelesen werden<\/a> wie als <a href=\"http:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/Grisette\">Backfisch<\/a>, ihre Widerst\u00e4ndigkeit l\u00e4\u00dft sich nicht z\u00e4hmen und nicht beheben wie ein abgerissener Knopf: Sie behauptet sich als eigenst\u00e4ndige und selbstbewu\u00dfte Frau, die sich dem Schicksal von Haus, K\u00fcche und Kindern, wie es Dora, eine im zweiten St\u00fcck gestreifte Jugendliebe, die Pfarrersfrau wird, ereilt, verweigert. Und doch scheint die zweite Geschichte in ihrem Urteil und Schlu\u00df merklich verhaltener und suggeriert entgegen der vorigen Lesart der Lore, ebenso wie ihrer T\u00e4ndelei, ein tragisches, uneigenes Schicksal.<\/p>\n<p>Vorliegende Ausgabe zeichnet sich durch einen sch\u00f6n gestalteten Leineneinband mit zweifarbiger Jugendstilornamentik und Umschlagpr\u00e4gung aus, als Staubschutz weist sie einen goldenen Kopfschnitt auf; typographisch bestechen Titel und Widmung durch eine schwungvolle <em>Art-Nouveau<\/em>-Letter wie auch der Text durch einen harmonischen Satzspiegel mit lebenden, von Seite zu Seite changierenden Kolumnentiteln, gesetzt durch die 1883 begr\u00fcndete <a href=\"http:\/\/www.jaeger-events.de\/pdf\/Wirtschaftsecho_12_2009.pdf\">Berliner Druckerei A. Seydel &#038; Cie<\/a>. Dem Titel gegen\u00fcber ziert das Frontispiz eine Vignette mit dem Portrait einer jungen Frau, mutma\u00dflich der Lore in ihrer Matrosentaille, um welche in der ersten Erz\u00e4hlung soviel Aufhebens gemacht wird; ein seidenes Leseb\u00e4ndchen schlie\u00dft die hervorragende Ausstattung ab.<\/p>\n<div style=\"font-size: smaller;\">\n<a name=\"gekuenstelt\" href=\"#artifiziell\"><sup>1<\/sup><\/a>: Es finden sich aber auch eine Vielzahl heiterer, schrulliger, au\u00dfergew\u00f6hnlicher und aus dem Gebrauch gefallener Begriffe wie z.B. Stearinlicht (vgl. norw. <em><a href=\"http:\/\/www.heinzelnisse.info\/dict?searchItem=stearinlys\">stearinlys<\/a><\/em>, ndl. <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JO_cFDWsmSA\">stearine kaars<\/a><\/em>), Glac\u00e9es, Meublement, Quartals-Br\u00e4utigam, Nilpferdvisage, Anulkung, Pertinenzen, Caff\u00ebinbacillen, Stiesel, bummlich. Auch Hartlebens juristischer Hintergrund schl\u00e4gt sich nieder in Wendungen und stehenden Begriffen wie <em>ne bis in idem<\/em>, Pandecten, <a href=\"http:\/\/www.law.tulane.edu\/uploadedFiles\/Institutes_and_Centers\/Eason_Weinmann\/v01i02-Rome.pdf\">Emphyteusis und Superficies<\/a>.<br \/>\n<a name=\"Jecke\" href=\"#judeo-christl\"><sup>2<\/sup><\/a>: Auf S. 27 finden sich explizite und implizite Stereotypen: &#8222;Sie trug jetzt Stirnlocken, Ponnys. [&#8230;] Ach und dann hatte ihr da <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/37\/37047\/3.html\">irgend so&#8217;n Pferdejude<\/a> \u2013 als &#8218;K\u00fcnstlerin&#8216; verkehrte sie wahrscheinlich mit solchem Gesindel \u2013 der es sich nicht viel hatte kosten lassen wollen, ein Paar riesige silberne Steigb\u00fcgel als Ohrringe verehrt. Pfui, wie gemein das aussah!&#8220;<br \/>\nS. 112 f\u00fchrt &#8218;Jude&#8216; zumindest in einem pe\u00adjo\u00adra\u00adti\u00adven Sinne auf: &#8222;Weisst Du \u2013 sagte er langsam \u2013 es [ist] doch richtig [&#8230;], n\u00e4mlich \u2013 dass einen das Leben schlechter macht. Das Leben \u2013 und vor allem die Weiber. \u2013 Aber lieber Kleiner, das steht ja schon im alten Testament. Da wurde er patzig: \u2013 Das weiss ich nicht! Ich bin kein Jude! Dar\u00fcber liess sich nicht streiten.&#8220;\n<\/div>\n<p><em>Informationen zum Verfasser:<\/em><br \/>\nArmin Burkhardt: Otto Erich Hartleben, in: <em>BraunsJbLG 77<\/em>, 1996, S. 295-298: <a href=\"http:\/\/digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de\/dfg-files\/00042647\/DWL\/00000297.pdf\">[1]<\/a><a href=\"http:\/\/digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de\/dfg-files\/00042647\/DWL\/00000298.pdf\">[2]<\/a><a href=\"http:\/\/digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de\/dfg-files\/00042647\/DWL\/00000299.pdf\">[3]<\/a><a href=\"http:\/\/digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de\/dfg-files\/00042647\/DWL\/00000300.pdf\">[4]<\/a><br \/>\nLiteraturatlas Niedersachsen: <a href=\"http:\/\/www.literaturatlas.de\/~la27\/\">Schulprojekt am Ernestinum Celle<\/a><\/p>\n<p>126, (2) Seiten, Festeinband<br \/>\ndt.-sprachig<br \/>\nErz\u00e4hlungen, Literatur, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Otto Erich Hartleben: Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe S. Fischer Verlag, Berlin 1901 9. und 10. Auflage (1. 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