{"id":32,"date":"2008-10-11T04:28:34","date_gmt":"2008-10-11T02:28:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/?p=32"},"modified":"2013-01-07T00:44:51","modified_gmt":"2013-01-06T22:44:51","slug":"mmviiiii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmviiiii-32.html","title":{"rendered":"mmviii.ii"},"content":{"rendered":"<p><em>Jimmie Durham: &#8211;<br \/>\nPoesiealbum 209<br \/>\nVerlag Neues Leben, Berlin 1985<\/em><br \/>\nbeg, bee: 31.07.2008, 31.07.2008<\/p>\n<p>In die kollektive Erinnerung deutscher Leser sind die amerikanischen Ureinwohner janusgesichtig eingegangen, in Gestalt des heroischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edler_Wilder\">edlen Wilden<\/a> rousseauschen Zuschnitts, manifest in Karl Mays Romanen, und als verschlagene Bestie, unbarmherzig und blutr\u00fcnstig, wie verk\u00f6rpert in James Fenimore Coopers <em><a href=\"http:\/\/www.amlit.com\/mohicans\/chap0.html\">Last of the Mohicans<\/a><\/em> durch Magua. Diese auch heute noch nachwirkende Ambivalenz in der Zuschreibung indianischen Charakters durch die Europ\u00e4er wurde von Cooper in seltsamer Offenheit gefa\u00dft, als Widerstreit idealisierter Typoi, wenn es in der Einleitung hei\u00dft: <em>\u201cFew men exhibit greater diversity, or, if we may so express it, greater antithesis of character, than the native warrior of North America. In war, he is daring, boastful, cunning, ruthless, self-denying, and self-devoted; in peace, just, generous, hospitable, revengeful, superstitious, modest, and commonly chaste.\u201d<\/em> Magua, jener im Umgang mit der Zivilisation gefallene Wilde, kann ob seiner Trunk- und Rachsucht auch gelesen werden als Vorl\u00e4ufer eines neuen Stereotyps, in dessen Wahr-Nehmung Typisierung und (gr\u00f6\u00dferer Grad an?) Realismus ein negatives Bild zeichnen: jenes des in <a href=\"http:\/\/jaie.asu.edu\/v21\/V21S1alc.html\">Arbeitslosigkeit, Armut und Alkoholismus<\/a> verharrenden, apathischen Ureinwohners. (Diese \u201cVerfalls-Anschauung\u201d ist in ihrer Zuschreibung der Wahrnehmung des anderen, in der Begegnung mit europ\u00e4ischer Zivilisation \u201cprimitiv\u201d gedachten Volkes, der Aborigines Australiens, nicht ungleich: ein marginalisiertes Volk, r\u00fcck- und randst\u00e4ndig, \u00fcberfordert und damit \u00fcbergangen von den Segnungen der Moderne.) Warum also nicht zur Abwechslung (um der Authentizit\u00e4t willen?) auf die Stimme h\u00f6ren eines Vertreters jener <em>Native Americans<\/em>?<\/p>\n<p>Mit <a href=\"http:\/\/findarticles.com\/p\/articles\/mi_m1248\/is_n2_v81\/ai_13402513\">Jimmie Durham<\/a>, \u201c[geboren] am 10. Juli 1940 als Stammesmitglied der Tscherokesen\u201d, pr\u00e4sentiert sich im <em>Poesiealbum 209<\/em> ein \u201cWortf\u00fchrer der Amerikanischen Indianerbewegung\u201d der 1970er mit kraftvollen und melancholischen Gedichten, die ihn als politischen Aktivisten ebenso auszeichnen wie als genauen Beobachter und Chronisten seiner Generation und ihres Ringens um Anerkennung. Nicht m\u00fcde des Kampfes, restauriert er den Stolz der indigenen V\u00f6lker in ihrer Historie und verzichtet doch auf Kriegsgeschrei und \u00dcberh\u00f6hung, paart mythologische Bez\u00fcge mit sozialem Befund, worin ohne Larmoyanz auch Vorwurf und Anklage eingeflochten werden, schreibt ebenso agitatorisch wie lyrisch. Durhams Gedichte kn\u00fcpfen an an die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indianische_Mythologie_und_Literatur_Nordamerikas\">orale Tradition<\/a> der nordamerikanischen Ureinwohner, Sprache ist ihm <em>Erz\u00e4hlen<\/em> und nicht Kunst oder Medium um seiner selbst willen; Erz\u00e4hlen von den Vorfahren und von den Mi\u00dfst\u00e4nden, Deutung des Geschehenen und K\u00fcndung von K\u00fcnftigem, Wach- und Warnruf zugleich. Gekleidet in eindr\u00fcckliche Naturmetaphern birgt fast jeder Vers einen Appell zum Widerstand &#8211; gegen das Phlegma, das Vergessen, die Erniedrigung: die <em>litt\u00e9rature \u00e9ngag\u00e9e<\/em> als soziale Frage. <em>\u201cDie Historiker verlangen, da\u00df wir von Alexandria erfahren \/ Und von Paris; die Namen von Ganges, Nil und Rhein \/ Haften im Ged\u00e4chtnis der Kinder. \/\/ Der antiken Waldstadt Echota, \/ Wiege, Hoffnung und Herz eines Volkes, \u00e4lter \/ Als die Pyramiden, gew\u00e4hrt man kein ehrendes Gedenken\u201d<\/em>. Selten ertappt der (europ\u00e4ische) Leser sich so verhaftet in seiner <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Echota\">genuin europ\u00e4ischen Weltdeutung<\/a>. Realismus und Belehrung gehen in Durhams Texten eine fruchtbare Verbindung ein, unbesch\u00f6nigt, reflektiert und &#8211; \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Auszug: <a href=\"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=36\">Ka! Ni! Kamama, An Dia<\/a><br \/>\nweitere Empfehlungen: Familienbindungen; Regenkr\u00e4henlied; Als Wildkatze entwischte; M\u00e4usesegen<\/p>\n<p>32 Seiten, Heft<br \/>\ndt.-sprachig (\u00dc: Edith Anderson)<br \/>\nLyrik, Literatur, Nordamerika<\/p>\n<p><em>[Archiv: Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht am 31.07.2008.]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jimmie Durham: &#8211; Poesiealbum 209 Verlag Neues Leben, Berlin 1985 beg, bee: 31.07.2008, 31.07.2008 In die kollektive Erinnerung deutscher Leser sind die amerikanischen Ureinwohner janusgesichtig eingegangen, in Gestalt des heroischen edlen Wilden rousseauschen Zuschnitts, manifest in Karl Mays Romanen, und als verschlagene Bestie, unbarmherzig und blutr\u00fcnstig, wie verk\u00f6rpert in James Fenimore Coopers Last of the [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[26,15,16,45],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2082,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32\/revisions\/2082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}