{"id":355,"date":"2009-03-08T20:15:51","date_gmt":"2009-03-08T18:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=355"},"modified":"2013-04-02T22:03:04","modified_gmt":"2013-04-02T20:03:04","slug":"mmixv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmixv-355.html","title":{"rendered":"mmix.v"},"content":{"rendered":"<p><em>Rainer Stephan: Gebrauchsanweisung f\u00fcr das Elsa\u00df<br \/>\nPiper Verlag, M\u00fcnchen 2004<br \/>\n2. Auflage 2007<\/em><br \/>\nbeg, bee: 05.03.2009, 08.03.2009<\/p>\n<p>Elsa\u00df-Lothringen, das ist ein Fokalpunkt europ\u00e4ischer Geschichte, deutsch-franz\u00f6sischer Erbfeindschaft und Nachkriegsfreundschaft, das Elsa\u00df eine Region, die die Kultur des <em>Savoir-vivre<\/em> mit deutscher Gem\u00fctlich- und Bodenst\u00e4ndigkeit fruchtbar amalgamiert, ein &#8222;Dreyeckland&#8220; zwischen Basel, Freiburg und <a href=\"http:\/\/www.hs-augsburg.de\/~harsch\/germanica\/Chronologie\/09Jh\/StrassburgerEide\/eid_text.html\">Stra\u00dfburg<\/a>, das seine Eigenst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber dem nachbarschaftlichen \u00dcbergewicht der &#8222;Schwoben&#8220; einerseits und Pariser Zentralismus andererseits behauptet und gewahrt hat. Pfleglich gehegte Provinzialit\u00e4t erwies sich als Keimzelle, gelebte Interkulturalit\u00e4t (stets zwischen allen St\u00fchlen) als Ausdruck wenn nicht ausgesprochen pro-, so doch <a href=\"http:\/\/www.strasbourg.eu\/\">paneurop\u00e4ischer Gesinnung<\/a>, ein Regionalismus mit unverwechselbaren Z\u00fcgen charmanter Renitenz.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.piper-verlag.de\/gebrauch\/autor.php?id=742&amp;page=novitaeten&amp;sort=titel&amp;auswahl=A&amp;pagenum=2\">Rainer Stephans<\/a> \u00fcber weite Strecken vergn\u00fcglich abgefa\u00dfte Gebrauchsanweisung, erschienen in Pipers reizvoller Reihe literarischer Regionalportraits abseits von Reisef\u00fchrern und Urlaubsplanern, er\u00f6ffnet dem Leser ein humorvolles Elsa\u00dfpanorama mit kulinarischen Reflexionen \u00fcber saures <em>choucro\u00fbte royal<\/em> (das in Ungarn besser schmeckt) und erklecklicher Sommelier- und Gourmetkunde (wie ein bunter Hund scheint er bekannt mit allerorten Dreisternek\u00f6chen): so firmiert der <em>Pinot Gris<\/em> im Els\u00e4ssischen unter &#8222;Grauclevner&#8220; (und wurde als <a href=\"http:\/\/www.alsace-du-vin.com\/index_fr.php?m=3&amp;pID=234\">Tokai d&#8217;Alsace<\/a> vor dreihundert Jahren aus Ungarn importiert), mit einer <em>Entourage<\/em> seitab touristischer Routen und Urlaubsnepp und erquicklichen Einsichten in das schwierige Verh\u00e4ltnis des Els\u00e4ssers zum Deutschen. Darin spart er nicht mit Sticheleien gegen Anrainer beiderseits des Rheins.<\/p>\n<p>Matthias Gr\u00fcnewalds &#8222;Isenheimer Altar&#8220;, der <em>Pfifferdaj<\/em>, der allj\u00e4hrlich in Ribeauvill\u00e9 an die Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit der deutschen Grafen von Rappoltstein im damaligen Rappoltsweiler \u00fcber Gaukler und fahrende Spielleute erinnert, der Sechseimerbrunnen, das Obertor und die K\u00fcnstlerkolonie von <a href=\"http:\/\/www.boersch.net\/\">Boersch<\/a> &#8211; in Stephans Buch gibt es f\u00fcr den deutschen Leser viel zu entdecken \u00fcber das Elsa\u00df, wie z.B. die von Adalbert von Chamisso noch besungene <a href=\"http:\/\/www.goethezeitportal.de\/index.php?id=3290#Chamisso\">Burg Niedeck<\/a> oder ein zur Waldwirtschaft umfunktioniertes altes Forsthaus im Elmerforst und auch einen ostw\u00e4rts (gen Deutschland: als Mahnung?) gerichteten Panzer in Kientzheim. Stra\u00dfburg, die alte freie Reichsstadt, Pr\u00e4fektur (nebst Colmar) der D\u00e9partements Haut-Rhin und Bas-Rhin (die zusammen die in der franz\u00f6sischen politischen Terminologie ausgesparte Region Elsa\u00df bilden), behandelt der Autor facettenreich und ersch\u00f6pfend &#8211; und doch wird der Leser angehalten, weiter nachzuforschen.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Stra\u00dfburgs malerischem, von der <a href=\"http:\/\/300-jahre-vauban.de\/\">Vauban<\/a>wehr eingefa\u00dften Gerberviertel <em>Petite France<\/em> und der Syphilis, beispielsweise, findet sich nicht im Buch. Dazu schwingt im Autoren vielleicht zuviel Lokalpatriotismus mit. Die Sprache Stephans ist kurzweilig, die Kapitel\u00fcberg\u00e4nge beredt, und auch wenn ein gro\u00dfer Erz\u00e4hlbogen ausbleibt, sind die Exkursionen, Hakenschl\u00e4ge und Detours in diesem anregenden Kultur- und Historienreigen lehrreich und bildhaft, ohne das <em>Gris en gris<\/em> des modernen Elsa\u00df und seiner <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Banlieue\">Vorst\u00e4dte<\/a> in Mulhouse (M\u00fchlhausen), Stra\u00dfburg und Schlettstadt (S\u00e9lestat) &#8211; und damit Frankreichs &#8211; zu verschweigen. &#8222;[D]ie altmodische Kunst des B\u00fccherlesens l\u00e4\u00dft einen auch heute noch pers\u00f6nliche Abenteuer erleben, die andere nur aus dem Kino kennen&#8220; (S. 107), so res\u00fcmiert Stephan die phantastische Begebenheit um Stanislas Gosse, dem <a href=\"http:\/\/palimpsest.stanford.edu\/byform\/mailing-lists\/bookarts\/2003\/06\/msg00225.html\">Ars\u00e8ne Lupin d&#8217;Alsace<\/a>, und er l\u00e4\u00dft den Leser teilhaben an filmreifer, bibliophil motivierter Kleptomanie, wie sie vielleicht nur noch im Elsa\u00df zu finden ist.<\/p>\n<p>191 Seiten, Broschur<br \/>\ndt.-sprachig<br \/>\nReiseliteratur, Region Alsace-Lorraine, Frankreich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Stephan: Gebrauchsanweisung f\u00fcr das Elsa\u00df Piper Verlag, M\u00fcnchen 2004 2. Auflage 2007 beg, bee: 05.03.2009, 08.03.2009 Elsa\u00df-Lothringen, das ist ein Fokalpunkt europ\u00e4ischer Geschichte, deutsch-franz\u00f6sischer Erbfeindschaft und Nachkriegsfreundschaft, das Elsa\u00df eine Region, die die Kultur des Savoir-vivre mit deutscher Gem\u00fctlich- und Bodenst\u00e4ndigkeit fruchtbar amalgamiert, ein &#8222;Dreyeckland&#8220; zwischen Basel, Freiburg und Stra\u00dfburg, das seine Eigenst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[18,15,17,55],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/355"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=355"}],"version-history":[{"count":39,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2430,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/355\/revisions\/2430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}