{"id":564,"date":"2009-06-26T04:38:26","date_gmt":"2009-06-26T02:38:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=564"},"modified":"2009-06-27T22:41:52","modified_gmt":"2009-06-27T20:41:52","slug":"mmixxviii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmixxviii-564.html","title":{"rendered":"mmix.xviii"},"content":{"rendered":"<p><em>N.N.: Die Geschichte des K\u00f6nigs Apollonius von Tyrus<br \/>\nEin antiker Liebesroman nach dem Text der Gesta Romanorum<br \/>\nInsel Verlag, Frankfurt a.M. 1987<\/em><br \/>\nbeg, bee: 26.06.2009, 26.06.2009<\/p>\n<p>Rasant wirbelt dieser <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Historia_Apollonii\">hellenistische Roman<\/a> durch das Geschick des Apollonius, K\u00f6nig von Tyrus, und der Seinen, quer durch das \u00f6stliche Mittelmeer und Nordafrika, und dekliniert im Parforceritt die Leidenschaften und Laster antiker F\u00fcrsten und ruchloser Kuppler, ehrbarer Dienstleute und B\u00fcrger durch. Mit einem Paukenschlag, dem frevelhaften Inzestverh\u00e4ltnis des Antiochus zu seiner Tochter<a name=\"koepfen\" href=\"#fuesseln\"><sup>1<\/sup><\/a>, er\u00f6ffnet die Geschichte, und Apollonius, auf Brautschau in Antiochia, trifft so der Bannfluch des K\u00f6nigs: Sturm, Untergang und Verderben, bis nach vielerlei Irrungen und Wirrungen &#8222;zeitliches Tr\u00fcbsal sich schlie\u00dflich in ewige Freude verwandelt&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei ist, f\u00fcr den heutigen Leser ungewohnt, diese sp\u00e4tantike Odyssee ungemein mit Pathos aufgeladen, wenn z.B. die Tochter des Altistrates (<em>Archistrates<\/em>) in fiebriger Verliebtheit dem schiffbr\u00fcchigen Apollonius anheimf\u00e4llt und sich, in einer <em>plenitudine amoris<\/em>, nach ihm verzehrt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Interposito brevi temporis spatio, cum non posset puella ulla ratione vulnus amoris tolerare, in multa infirmitate membra prostravit fluxa, et coepit iacere imbecillis in toro. Rex ut vidit filiam suam subitaneam valitudinem incurrisse, sollicitus adhibet medicos, qui temptantes venas tangunt singulas corporis partes, nec omnino inveniunt aegritudinis causas.&#8220;<\/em> (Cap. <a href=\"HTTP:\/\/www.IntraText.com\/IXT\/LAT0206\/\">XVIII<\/a>)<\/p>\n<p>In der \u00dcbertragung Ilse und Johannes Schneiders:<\/p>\n<p><em>&#8222;Danach wurde das M\u00e4dchen vor hei\u00dfer Liebe zu dem J\u00fcngling ganz krank. Wie nun der K\u00f6nig sah, da\u00df es seiner Tochter gar nicht gut ging, lie\u00df er rasch die \u00c4rzte holen. Diese bef\u00fchlten ihre Adern und ihre einzelnen K\u00f6rperteile, konnten aber keine Krankheit feststellen.&#8220;<\/em> (S. 30, bemerkenswert hier als bekanntes Motiv die kursorische Einordnung, Pr\u00fcfung und Zur\u00fcckweisung der <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/nano\/bstuecke\/43455\/index.html\">Liebessymptomatik als Erkrankung<\/a>)<\/p>\n<p>Der n\u00fcchterne Tonfall der deutschen Fassung, die das &#8222;volkst\u00fcmlich erz\u00e4hlende Latein&#8220; der <em>Gesta Romanorum<\/em> &#8222;widerzuspiegeln [&#8230;] sich bem\u00fcht&#8220;, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, kontrastiert zuweilen stark mit den emotionalen Auf- und Abschw\u00fcngen der Protagonisten, die, noch im Gepr\u00e4ge der mythischen Tradition, wenn auch schon in b\u00fcrgerlicher Erscheinung, typenhaft, holzschnittartig anmuten<a name=\"holzig\" href=\"#radiert\"><sup>2<\/sup><\/a>; er dient aber, ohne sprachlichen Prunk, der \u00dcbertragung als modernem, belletristischem Pendant im Sinne mittelalterlicher Unterhaltungsliteratur. Und um dieselbe handelt es sich ja bei den <a href=\"http:\/\/project.lib.keio.ac.jp\/dg_kul\/incunabula_detail.php?id=005&#038;lang=en\"><em>Gesta Romanorum<\/em><\/a>.<\/p>\n<p><em>&#8222;&#8218;Meister Apollonius, bist du nicht betr\u00fcbt dar\u00fcber, da\u00df ich einem anderen verheiratet werden soll?&#8216; Doch dieser erwiderte: &#8218;Nein, denn alles, was dir Ehre bringt, wird auch mein Gl\u00fcck sein.&#8216; Darauf sprach das M\u00e4dchen: &#8218;Meister, wenn du mich liebtest, w\u00e4rest du dar\u00fcber betr\u00fcbt.'&#8220;<\/em> (S. 32)<\/p>\n<p>Im Original:<\/p>\n<p><em>&#8222;&#8218;Magister Apolloni, ita tibi non dolet, quod ego nubam?&#8216; Apollonius dixit: &#8218;Immo gratulor, quod habundantia horum studiorum docta et a me patefacta, deo volente et cui animus tuus desiderat, nubas.&#8216; Cui puella ait: &#8218;Magister, si amares, utique doleres tuam doctrinam.'&#8220;<\/em> (Cap. <a href=\"HTTP:\/\/www.IntraText.com\/IXT\/LAT0206\/\">XX<\/a>)<\/p>\n<p>Die literaturwissenschaftlich motivierte Rekonstruktion der Genese des Apollonius-Textes im Anhang erl\u00e4utert seine eminente Bedeutung f\u00fcr das europ\u00e4ische Mittelalter und die fr\u00fche Neuzeit; \u00fcber die Renaissance hinaus bis zu Shakespeares <em>Perikles<\/em> (1607) war die <em>Historia Apollonii<\/em> so etwas wie &#8222;ein St\u00fcck Weltliteratur&#8220; und der Stoff, vielfach adaptiert und variiert, ungew\u00f6hnlich weit verbreitet als Teil <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volksbuch\">europ\u00e4ischer Volksb\u00fccher<\/a>. Dabei erfuhr die Geschichte, von ihrer mutma\u00dflichen Entstehung als sp\u00e4tantik-griechischer Text des ausklingenden 3. Jhs. bis zur Aufnahme in die <em>Gesta<\/em> Ende des 13. Jhs., einen enormen Wandel und amalgierte zusehends heidnische und christliche Topoi.<\/p>\n<p>Diese eigent\u00fcmliche Verbindung, die himmlische Prophetie und Engelsvision mit dem <a href=\"http:\/\/www.kristian-buesch.de\/seven_wonders_of_the_world\/artemision_von_ephesos.htm\">Dianatempel von Ephesos<\/a> zusammenf\u00fchrt, die F\u00fclle archaischer Motive: Rache, Lust, Inzest, und christliches Heilsversprechen, das schriftstellerische Ungest\u00fcm, das einen dramatischen Bogen spannt von lukullischen Hofszenen zu moralischer Einsicht zu Piraterie, Raub und Hurerei, all dies kann auch den heutigen Leser noch ansprechend unterhalten. Die vorliegende Prosafassung macht neugierig auf weitere Bearbeitungen des Stoffes.<\/p>\n<div style=\"font-size: smaller;\">\n<a name=\"fuesseln\" href=\"#koepfen\"><sup>1<\/sup><\/a>: Historisch inspiriert ist diese Begebenheit vielleicht durch den geschichtlichen Antiochos I., dessen Vater Seleukos I. ihm, seinem Sohn, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:16xx_G\u00e9rard_de_Lairesse_-_Antiochos,_Seleukos_%26_Stratonike.jpg\">Stiefmutter Stratonike zur Frau<\/a> gab. Ihre expositionelle Funktion im Ausgangspunkt der Handlung wird erg\u00e4nzt durch das wiederholte Aufgreifen des Vater-Tochter-Motivs und den Kontrast der &#8222;nat\u00fcrlichen Vaterliebe&#8220; des Apollonii, Altistrati und auch Athenagorou (Gen., <em>Athenagoras<\/em>) zur &#8222;unnat\u00fcrlichen Begehr&#8220; des Antiochi.<br \/>\n<a name=\"radiert\" href=\"#holzig\"><sup>2<\/sup><\/a>: Apropos Holzschnitt: Der Band ist illustriert mit einer Vielzahl Radierungen <a href=\"http:\/\/www.d-nb.de\/sammlungen\/pdf\/juergens_metamorphosen.pdf\">Harry J\u00fcrgens&#8216;<\/a>, welche orientalische und mittelalterliche Szenerien allegorisch und fig\u00fcrlich vorz\u00fcglich aufgreifen und, obschon im Tiefdruckverfahren verfertigt, Holzstichen augenscheinlich gleichen.\n<\/div>\n<p>110 Seiten, Taschenbuch<br \/>\ndt.-sprachig (\u00dc: Ilse und Johannes Schneider)<br \/>\nRoman, Literatur, Antike, Hellenismus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N.N.: Die Geschichte des K\u00f6nigs Apollonius von Tyrus Ein antiker Liebesroman nach dem Text der Gesta Romanorum Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1987 beg, bee: 26.06.2009, 26.06.2009 Rasant wirbelt dieser hellenistische Roman durch das Geschick des Apollonius, K\u00f6nig von Tyrus, und der Seinen, quer durch das \u00f6stliche Mittelmeer und Nordafrika, und dekliniert im Parforceritt die Leidenschaften [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[15,13,17],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=564"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":606,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions\/606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}