{"id":60,"date":"2008-10-11T05:40:36","date_gmt":"2008-10-11T03:40:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/?p=60"},"modified":"2013-01-07T00:41:26","modified_gmt":"2013-01-06T22:41:26","slug":"troen-en-anf%c3%a6gtelse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/troen-en-anf%c3%a6gtelse-60.html","title":{"rendered":"Troen en Anf\u00e6gtelse"},"content":{"rendered":"<p>Betrachtet man, wie die Feuilletons rascheln ob der Ver\u00f6ffentlichung von Richard Dawkins\u2019 <em>The God Illusion<\/em>, wie Kulturberufene ein jeder Couleur sich bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlen zum Diskurs, wie das Buch vom Gotteswahn die Bestsellerlisten best\u00fcrmt und an der Spitze Platz nimmt neben <a href=\"http:\/\/www.vatican.va\/holy_father\/benedict_xvi\/index_ge.htm\">Benedikts XVI<\/a> Alter ego Joseph Ratzingers theologischem Lesebuch von <em>Jesus von Nazareth<\/em>, so bedarf es doch einiger Anmerkungen und Leitlinien als Pr\u00e4liminarien.<\/p>\n<p>Erst einmal scheint der Erfolg solcher Literatur einen Mangel, wenn nicht gar Defekt der s\u00e4kularisierten Gesellschaft zu belegen: Erweist die postmoderne Hybris sich m\u00f6glicherweise doch als Bastardisierung aufkl\u00e4rerischer Tradition? Einer Praxis, deren Gestus sie \u00fcbernahm, ohne aber ihre Methode dialektisch-kritisch zu begleiten? Der atheistische Impuls hat das Gros der Gesellschaft weit \u00fcber ihre Emanzipation von klerikaler, religi\u00f6ser und hoheitlicher Bevormundung hinausgetragen in eine materiell ad nauseam nicht aufzuf\u00fcllende Leere und Ent\u00e4u\u00dferung. Institutionell gel\u00e4utert hat sie sich nicht: An die Stelle der <em>Mater ecclesia<\/em> ist ein <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Scientism\">Zerrbild der Wissenschaften<\/a> getreten, die neue Religion wird in den Akademien vollzogen. Leider wird ihre Doktrin vermehrt &#8211; unkritisch &#8211; auch nach au\u00dfen &#8211; medialiter &#8211; gepredigt.<\/p>\n<p>Der Diskurs, welcher wenig originell Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit und Wissenschaftsglauben neu zu positionieren glaubt contra Religion und Lehre des offenbarten Gottes, ist altbekannt und erm\u00fcdend, verf\u00e4ngt er sich doch in Sprachspielen und wird beiderseits in einem eigent\u00fcmlichen Dogmatismus vollzogen. Kurios hierbei ist die Argumentation der dem eigenen Verst\u00e4ndnis nach progressiven Partei: Ihre These firmiert unter dem Anspruch, unvoreingenommen initiiert zu werden und genuin wissenschaftlicher Praxis zu gen\u00fcgen. Sind es Unkenntnis oder Verdr\u00e4ngung, welche sie konstruktive wissenschaftstheoretische Beitr\u00e4ge \u00e0 la Feyerabend oder Kuhn ausblenden l\u00e4\u00dft zugunsten szientistischer Reduktion?<\/p>\n<p>In einem hervorragenden Beitrag l\u00e4\u00dft das NRK Bokprogrammet unter dem provokanten Titel <em><a href=\"http:\/\/www1.nrk.no\/nett-tv\/klipp\/340014\">Befri oss fra Gud<\/a><\/em> f\u00fchrende Vertreter des europ\u00e4ischen Atheismus neuester Pr\u00e4gung im Gespr\u00e4ch mit Hans Olav Brenner zu Wort kommen: den franz\u00f6sischen Philosophen <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/526816\/\">Michel Onfray<\/a>, dessen <em>Savoir-vivre<\/em> und Stilismen ihn sich treffsicher als Atheiste-du-jour inszenieren lassen, Richard Dawkins, der, nachdem er vom Zoologen umgesattelt hat auf selbstapprobierten philosophischen Multiplikator der atheistischen Bewegung, in best\u00e4ndiger eitler Pose sich erg\u00f6tzt, und &#8211; als erfrischend andere, vers\u00f6hnliche Erg\u00e4nzung des Trios atheistinale &#8211; die wundervoll alterweis ironische <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/books\/2008\/jan\/05\/fiction\">Diana Athill<\/a>, welcher die Scheu abgeht, auch mit sich selbst augenzwinkernd zu brechen, und die so in ihren alterstrotzigen Thesen Hoffnung auf Selbstkritik weckt. Ihr einzig ist ihre lebensbejahende Haltung und Freude abzunehmen als lachender Verweis \u00fcber sich hinaus.<\/p>\n<p>Ansonsten wird man schon ein wenig ungl\u00e4ubig, da\u00df so schlichter Unglaube soviel Aufmerksamkeit auf sich zieht und Aufregung erzeugt. \u00dcber Feuerbach treten die positivistischen Thesen der versammelten Intelligenz nicht hinaus. Dawkins und Onfray zumindest ist zu bescheinigen, da\u00df sie sich gl\u00e4nzend verkaufen in ihrer Melange aus (pubert\u00e4r-) elit\u00e4rem Duktus, kanonischem Hochmut und intellektuellem Schlingerkurs. Dawkins, wie auch immer, kommt nicht so leicht vom Haken, wenn NRK sein M\u00e4andrieren kontrastiert und alterniert mit <a href=\"http:\/\/www.sv.uio.no\/sai\/personer\/vit\/geirthe\/index.html\">Thomas Hylland Eriksens<\/a> sachlich-rasanter Gegenrede und seine evasorischen Man\u00f6ver als solche entlarvt, oder schlimmer noch: als best\u00e4ndige Variation eines <em>argumentum ad hominem<\/em>.<\/p>\n<p>H\u00e4tten sie doch nur einmal Kierkegaard gelesen, diese Heilsverk\u00fcnder, die in ihrer Pathologisierung des Glaubens uns von demselben befreien wollen und in der monotheistischen Religion einen epidemisch-viralen Charakter (eines <em>Mems<\/em>) offenzulegen glauben, und auch die nach innerlicher Wiederauff\u00fcllung lechzende, lesende \u00d6ffentlichkeit gew\u00f6nne weitaus mehr (und unterhaltsamer) von der Lekt\u00fcre des Kopenhagener Ironikers und Zweiflers denn von der Behelfsliteratur vorgenannter Autoren. So schreibt er in <em><a href=\"http:\/\/www.adl.dk\/adl_pub\/pg\/cv\/ShowPgText.xsql?nnoc=&#038;p_udg_id=318&#038;p_sidenr=54\">Frygt og B\u00e6ven<\/a><\/em> schon 1843 bemerkenswert Erhellendes und mit bemerkenswerter Hellsicht:<\/p>\n<p><em>At forklare hele Tilv\u00e6relsen, Troen med, uden at have en Forestilling om hvad Troen er, er let, og den calculerer ikke slettest i Livet, der regner paa Beundring, naar han har en saadan Forklaring; thi det er som Boileau siger: un sot trouve toujours un plus sot, qui l\u2019admire.<\/em>*<\/p>\n<p>*: Das ganze Dasein, den Glauben mit eingeschlossen, zu erkl\u00e4ren, ohne da\u00df man eine Vorstellung vom Glauben hat, das ist ein Leichtes, und derjenige kalkuliert nicht am Schlechtesten im Leben, der auf Bewunderung rechnet, wenn er eine solche Erkl\u00e4rung hat; denn es ist, wie Boileau sagt: un sot trouve toujours un plus sot, qui l\u2019admire [ein Dummkopf findet immer einen gr\u00f6\u00dferen Dummkopf, der ihn bewundert].<\/p>\n<p><em>(S\u00f8ren Kierkegaard: Furcht und Zittern, Reinbek bei Hamburg 1967, S. 51)<\/em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.adl.dk\/adl_pub\/pg\/cv\/ShowPgImg.xsql?nnoc=adl_pub&#038;p_udg_id=318&#038;p_sidenr=III\">Faksimile der Danske Klassikere-Ausgabe<\/a><\/p>\n<p><em>[Archiv: Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht am 10.09.2008.]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betrachtet man, wie die Feuilletons rascheln ob der Ver\u00f6ffentlichung von Richard Dawkins\u2019 The God Illusion, wie Kulturberufene ein jeder Couleur sich bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlen zum Diskurs, wie das Buch vom Gotteswahn die Bestsellerlisten best\u00fcrmt und an der Spitze Platz nimmt neben Benedikts XVI Alter ego Joseph Ratzingers theologischem Lesebuch von Jesus von Nazareth, so bedarf es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12],"tags":[19,39,13,22,24],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2079,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60\/revisions\/2079"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}