{"id":704,"date":"2009-07-25T06:13:15","date_gmt":"2009-07-25T04:13:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/?p=704"},"modified":"2013-01-07T00:13:51","modified_gmt":"2013-01-06T22:13:51","slug":"mmixxix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmixxix-704.html","title":{"rendered":"mmix.xix"},"content":{"rendered":"<p><em>N.N. (= Wilhelm Sch\u00f6lermann (Hrsg.)): Vlaemische Dichtung<br \/>\nEine Auswahl im Urtext und in \u00dcbersetzung<br \/>\nEugen Diederichs, Jena 1916<\/em><br \/>\nbeg, bee: 20.07.2009, 21.07.2009<\/p>\n<p>Belgien, das ist eine parlamentarische Monarchie im Herzen Europas, <a href=\"http:\/\/www.benelux.be\/en\/home_intro.asp\">Benelux<\/a>-Staat und Stammsitz europ\u00e4ischer Institutionen; ein Land mit deftig-rustikaler K\u00fcche und <em>Haut cuisine<\/em>, einem Faible f\u00fcr Pommes frites und mehr als 1000 verschiedenen Starkbieren, darunter das fruchtige Kriek, das dunkle Oud Bruin und das bernsteinfarbene Tripel der Trappisten von Chimay; Belgien, schlie\u00dflich, das ist die Heimat von Tim &#038; Struppi (oder wie Herg\u00e9 sie nannte: <em>Tintin et Milou<\/em>), der Schl\u00fcmpfe und des wortkargen Revolverhelden Lucky Luke und seines getreuen Begleiters Jolly Jumper. Belgien ist aber auch, seit es sich in der &#8222;belgischen Revolution&#8220; von 1830 vom Vereinigten K\u00f6nigreich der Niederlande lossagte, von Anfang an ein Land des <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/blogs\/thereporters\/markmardell\/2007\/09\/divided_belgium.html\">Sprachenstreits<\/a>, des Gegensatzes zwischen der frankophonen wallonischen Minderheit im S\u00fcden und den niederl\u00e4ndischsprachigen Bewohnern Flanderns. Dieser Konflikt, der seit dem 19. Jahrhundert schwelt und der den nach f\u00fcnf Reformen in den letzten 40 Jahren reichlich f\u00f6deralen Staat regelm\u00e4\u00dfig an den <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360\/Doc~EBA3403E782AE4056ADF4B41BD301CADD~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Rand der Aufl\u00f6sung<\/a> bringt, hat \u00f6konomische, kulturelle und auch politische Gr\u00fcnde, die das Land besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch immer wieder zum Spielball ausl\u00e4ndischer Interessen werden lie\u00dfen. 1914, mit Beginn des 1. Weltkrieges, marschierten deutsche Truppen unter Mi\u00dfachtung belgischer Neutralit\u00e4t ein, um den franz\u00f6sischen Feind von Norden her zu umklammern. Dieser 1905 entwickelte, wenn auch von Moltke adaptierte Schlieffen-Plan provozierte den Kriegseintritt Gro\u00dfbritanniens und die Katastrophe des gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieges.<\/p>\n<p>Flankiert wurden die milit\u00e4rischen Operationen an der Westfront im Deutschen Reich durch die sogenannte <a href=\"http:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Flamenpolitik\">Flamenpolitik<\/a>, den Versuch, Unterst\u00fctzung durch ein deutschfreundliches Flandern zu gewinnen, indem das gemeinsame &#8222;geistige Band zwischen Deutschtum und Vlamentum&#8220; (Stockey) betont und die fl\u00e4mische Sprache und Literatur als der deutschen eng verwandt neuentdeckt wurde. Da\u00df jene im jungen belgischen Staat der franz\u00f6sischen Amtssprache nachgeordnet war, wurde als Beleg des Herrschafts- und Vormachtsanspruchs der &#8222;Welschen&#8220;, d.h. der Wallonen, angef\u00fchrt. Unter diesem Vorzeichen verlegte der Jenaer Eugen Diederichs Verlag anno 1916 die vorliegende zweisprachige Anthologie in einem schmucken Pappband mit einer Umschlagzeichnung des Posener Illustrators <a href=\"http:\/\/www.die-neue-sammlung.de\/z\/muenchen\/aus\/2003\/osaka\/osaka_05_en.htm\">Fritz Helmuth Ehmcke<\/a>. Es finden sich darin mit Emmanuel Hiel, Albrecht Rodenbach und Theodoor Sevens k\u00e4mpferische, nationalistische Stimmen, deren Dichtung ein ums andre Mal den fl\u00e4mischen Gr\u00fcndungsmythos beschw\u00f6rt: die Goldene Sporenschlacht bei Kortrijk, als 1302 ein fl\u00e4misches Infanterieheer aus Bauern und Zunfthandwerkern die franz\u00f6sische Kavallerie unter Robert Graf von Artois vernichtend schlug. Neben solch <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/world\/2007\/sep\/17\/iantraynor.international\">fl\u00e4misch-nationalen<\/a> Ankl\u00e4ngen spiegelt die Gedichtsammlung die stilistische Bandbreite des sp\u00e4ten 19., fr\u00fchen 20. Jahrhunderts wider mit der Naturlyrik eines Guido Gezelles, den historisierenden Versen Willem Gijssels und der naiven Poesie <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Charles_Polydore_de_Mont\">Pol de Monts<\/a>. Die Mehrzahl der ausgew\u00e4hlten Texte zeichnet sich durch sprachliche Einfachheit aus, die den Herausgeber an &#8222;Kinderlaut und Naturton&#8220; gemahnt, was nicht einzig dem Klang geschuldet ist. Hymnus und Pathos dieser Kriegsges\u00e4nge sto\u00dfen dem Leser nachgeborener Generation sauer auf und wirken eingedenk der zwei gro\u00dfen, durch Nationalismus befeuerten Kriege seltsam schal und unzeitgem\u00e4\u00df. Aus den Strophen spricht zu uns gestriger Geist, den wir hoffen wollen, in Europa \u00fcberwunden zu haben. Die Dilletantismen eines August Oscar Vermeiren, der holdes Kindesgl\u00fcck sich zum Thema w\u00e4hlt, oder eines Lambrecht Lambrechts, der Mutter und Oheim sprachlich hilflos ehrt, sind leider charakteristisch f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Auswahl; nur vereinzelt k\u00f6nnen Verse bestechen wie das zaubrische, literarisch versierte Exzerpt aus <a href=\"http:\/\/users.telenet.be\/gaston.d.haese\/langendonck.html\">Prosper van Langendoncks<\/a> <em>Der Wald<\/em>, in welchem mit dem Symbolismus die Moderne anklingt. Dem Gros der Texte, selbst dem als Sonett verfa\u00dften Dorfidyll des Niederl\u00e4nders Jacques Perk, unterliegt ein \u00fcberraschend dunkler Grundton &#8211; vielleicht Zeugnis des geschichtlichen Bewu\u00dftseins ob ihrer Sujets. Die \u00dcbertragungen ins Deutsche, vorgenommen durch den Herausgeber sowie Hjerm Holling, sind angemessen und erreichen das selbstgesteckte Ziel, dem aufmerksamen Leser die N\u00e4he der Sprachen vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>In dieser Erstausgabe bleibt der Herausgeber ungenannt: Wilhelm Sch\u00f6lermann, geboren 1865, t\u00e4tig als Kunsthistoriker, Maler und Schriftsteller, war eine pr\u00e4gende und zutiefst ambivalente Figur des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_II._(Deutsches_Reich)\">wilhelminischen<\/a> Geisteslebens um die Jahrhundertwende und trat einerseits, als \u00dcbersetzer der <em>Grashalme<\/em> Walt Whitmans, der Architekturtheorie John Ruskins und der <em>Essays<\/em> Ralph Waldo Emersons, mit bedeutenden Beitr\u00e4gen zur Vermittlung britischer und amerikanischer Literatur im kaiserlichen Deutschland in Erscheinung. Auf der anderen Seite nahm er rege teil am antisemitischen und rassischen Diskurs seiner Zeit und ver\u00f6ffentlichte u.a. in Theodor Fritschs deutsch-nationaler Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/html\/kaiserreich\/antisemitismus\/reichshammerbund\/index.html\"><em>Hammer<\/em><\/a> wie auch in den Deutschbundbl\u00e4ttern zu Fragen der Volkshygiene und zur &#8222;Judenfrage&#8220;. In seinen Schlu\u00dfbemerkungen zum vorliegenden Band, im Nachwort wird eben dieser nationalistische Charakter Wilhelm Sch\u00f6lermanns unverkennbar, wenn er eingedenk des &#8222;stammverwandten Volkes&#8220; der Flamen auf das hinweist, &#8222;was blutsverwandte Rassen einander geben und nehmen, was sie wechselseitig schenken und empfangen k\u00f6nnen: ein F\u00fchlen und Denken, ein Hoffen, Leiden und Singen, einen Sprachenstamm&#8220;. 100 Jahre sp\u00e4ter sind es immer noch die Sprachen, die uns scheiden &#8211; aber das wechselseitige Annehmen in der Verschiedenheit, vielleicht zeichnet sich darin der Erfolg des <a href=\"http:\/\/europa.eu\/\">europ\u00e4ischen Projekts<\/a> aus.<\/p>\n<p>142, (2) Seiten, Festeinband<br \/>\ndt.-\/ndl.-sprachig (\u00dc: Wilhelm Sch\u00f6lermann, Hjerm Holling)<br \/>\nLyrik, Literatur, Flandern, Belgien<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N.N. 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