{"id":74,"date":"2008-10-11T06:12:07","date_gmt":"2008-10-11T04:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quisquilia.net\/?p=74"},"modified":"2009-07-25T18:09:02","modified_gmt":"2009-07-25T16:09:02","slug":"mmviiiix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.quisquilia.net\/nova_blog\/wordpress\/mmviiiix-74.html","title":{"rendered":"mmviii.ix"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th: Jugend ohne Gott<br \/>\nGesammelte Werke: Band 13<br \/>\nSuhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1983<br \/>\n8. Auflage 1988<\/em><br \/>\nbeg, bee: 03.10.2008, 05.10.2008<\/p>\n<p><em>&#8222;Wie h\u00e4tten wir davon wissen sollen?&#8220;<\/em>, diesen Ausruf brachten viele Deutsche nach dem Ende des 2. Weltkriegs, dem Untergang des NS-Regimes in Europa vor; <em><a href=\"http:\/\/www.wir-wussten-nichts-davon.de\/\">&#8222;davon wu\u00dften wir nichts&#8220;<\/a><\/em>, beteuerte der gestrige Volksgenosse, leutselig und doppelb\u00f6dig, vor sich selbst und der Anklage der Welt\u00f6ffentlichkeit, im Angesicht der Verheerung im eigenen Land. (Welche selbe er zuvor und zuv\u00f6rderst gen Osten getragen hatte.) Die Greuel deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager und das Ausma\u00df der Verbrechen strafte jenen apologetischen Reflex zwar von Beginn an L\u00fcgen, dennoch verwahrten sich weite Teile der in zwei Staaten geteilten deutschen Gesellschaft in einer (gar nicht so verschiedenen) Kultur des Schweigens und des Unausgesprochen-Lassens vor der Auseinandersetzung mit der <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/2006\/04\/26\/fe\/articleE2FBX.html\">eigenen Rolle (und Schuld)<\/a> im Dritten Reich und jener der Eltern- und Gro\u00dfelterngeneration. In dieser <em>Unterlassung<\/em> schrieb sich das moralisch bankrotte Deutschland noch Jahrzehnte fort; der willf\u00e4hrige Helfer der Diktatur geriet zum B\u00fcrger: eines Wirtschaftswunderlands dank <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/themen\/L20BKO,0,0,Der_Marshallplan_Selling_Democracy.html\">alliierter Wiederaufbauhilfe<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.kas.de\/wf\/de\/33.928\/\">Westintegration<\/a> oder aber, in unverbr\u00fcchlicher Blocktreue, eines Arbeiter- und Bauernstaats und dessen kommunistischer Legitimationspraxis; und wiegelte ab, fuhr fort zu leugnen, Anteil an den Verbrechen gehabt zu haben, die da der Welt offenbar wurden. Wie kann dann das sein, da\u00df schon 1937 der Roman \u00d6don von Horv\u00e1ths, <em>Jugend ohne Gott<\/em>, im Exil verfa\u00dft und bei <a href=\"http:\/\/www.iisg.nl\/archives\/en\/files\/u\/10771973.php\">Allert de Lange<\/a> in Amsterdam publiziert, so eindringlich wu\u00dfte um die m\u00f6rderische Unmenschlichkeit eines faschistischen Regimes? Die kommenden Grauen pointiert vorwegnahm? Daran verzweifelte und doch dagegen anging?<\/p>\n<p><em>&#8222;Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul&#8220;<\/em>, hebt er an mit der Rassenpolitik des Dritten Reichs, wenn der Erz\u00e4hler, Lehrer an einem St\u00e4dtischen Gymnasium, sich konfrontiert sieht mit den geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus und \u2013 damit arrangiert, <em>&#8222;denn was einer im <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Volksempf%C3%A4nger\">Radio<\/a> redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen&#8220;<\/em>, um kurz darauf, unversehens, mit einem Satz sich in Gegnerschaft hierzu zu finden, angefeindet wird von der ihm anvertrauten Jugend. Horv\u00e1ths Prosa ist schn\u00f6rkellos und knapp und zeichnet die Mechanismen des totalit\u00e4ren Staates: Denunziation, <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/publikationen\/ERR8GW,0,Volksgemeinschaft.html\">Ausgrenzung<\/a>, Militarisierung, unverstellt nach und enth\u00fcllt sie im Kleinen, im Wankelmut, in der Bequemlichkeit; in der Anpassung an die Gegebenheiten. <em>&#8222;Wer mit Verbrechern und Narren zu tun hat, mu\u00df verbrecherisch und n\u00e4rrisch handeln, sonst h\u00f6rt er auf. Mit Haut und Haar.&#8220;<\/em> Darein verstrickt, wider Willen, macht sich auch der Protagonist und Erz\u00e4hler schuldig und zeigt, in einem inneren Prozess der L\u00e4uterung, in \u00e4u\u00dferer Gerichtsverhandlung, in seiner Gewissensnot einen Ausweg auf, hin zu einem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humanismus\">humanistischen Ideal<\/a>, zu Mitmenschlichkeit, zu einem Gott mit menschlichem Antlitz. Glaube, wie auch immer, verlangt Liebe, Bekenntnis und Wahrhaftigkeit. Unmenschlichkeit hingegen keimt schon im Kleinen auf: in der Verachtung, in der Gleichg\u00fcltigkeit, in der L\u00fcge; in all jenen, die <em>&#8222;geil auf Katastrophen [&#8230;] mit dem Ungl\u00fcck anderer Leute im Bett [liegen] und [&#8230;] sich mit einem k\u00fcnstlichen Mitleid [befriedigen].&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Sprache <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96d%C3%B6n_von_Horv%C3%A1th\">Horv\u00e1ths<\/a>, mit ihren gelegentlichen Austriazismen, demaskiert pr\u00e4zise Jargon und Haltung des kleinb\u00fcrgerlichen Opportunisten, wie sie auch nicht spart mit entlarvender Kritik am passiven Abseitsstehen von Bildungsb\u00fcrger, Fabrikant und <a href=\"http:\/\/www.kath.de\/kurs\/kg\/kg_kl_21.htm\">Klerus<\/a>. Wenn \u00fcber dem l\u00e4ndlichen Idyll einer Dorfkirche <em>&#8222;blauer Dunst&#8220;<\/em> aufsteigt, tritt die symbolische Ebene in den Vordergrund, die Ferne der Kirche zum Menschen zutage: <em>&#8222;Im Pfarrhaus drinnen ist Sauberkeit. Kein St\u00e4ubchen fliegt durch die Luft. Im Friedhof daneben wird alles zu Staub.&#8220;<\/em> Gegen Ende wird auch der Pfarrer sich wieder dem Menschen zuwenden, Schritt auf Tritt, in diesem szenisch verfa\u00dften Prosast\u00fcck. Die <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/autoren\/autor.cfm?id=2659\">kommentierte Werkausgabe<\/a>, herausgegeben von Traugott Krischke, ist mit einem kurios verwurstelten Apparat versehen, der die Genese des Romans pedantisch nachvollzieht und in seinen Anmerkungen andernorts hermetisch selbstbez\u00fcglich bleibt. (Es fehlt nur noch eine Seitenkonkordanz.) Gl\u00fccklicherweise bedarf es der Endnoten zur Lekt\u00fcre nicht; eine biographische Notiz im Vorsatz, wie sonst \u00fcblich bei <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/reihen.cfm?reihe=st\">Suhrkamps Taschenbuchreihe<\/a>, w\u00e4re jedoch w\u00fcnschenswert gewesen. In einem <em>Fahnen<\/em> betitelten Abschnitt schreibt der 1938 verstorbene Horv\u00e1th unverschl\u00fcsselt von den <em>&#8222;Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten&#8220;<\/em>, und weiter: <em>&#8222;Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die L\u00fcge kommt.&#8220;<\/em> Vielleicht erkl\u00e4rt sich so die Bereitschaft des deutschen Michels, autorit\u00e4tsh\u00f6rig sein F\u00e4hnlein in den Wind zu h\u00e4ngen. Und nichts gewu\u00dft zu haben. Nicht davon, von nichts, anno 1945.<\/p>\n<p>183 Seiten, Taschenbuch<br \/>\ndt.-sprachig<br \/>\nRoman, Literatur, Deutschland<\/p>\n<p><em>[Archiv: Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht am 06.10.2008. Revidiert am 15.10.2008.]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th: Jugend ohne Gott Gesammelte Werke: Band 13 Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1983 8. 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