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August 22nd, 2009

Oscar Ogg: The 26 Letters
Thomas Y. Crowell Company, New York 1961, 1948
8. Auflage 1962

beg, bee: 31.07.2009-02.08.2009 u. 18.-19.08.2009

“The reason that the letter forms of many early designers are superior to their modern counterparts is that the modern letterers have attempted to arrive at the conclusions of the early designers without first having become acquainted with the sources of their results.” (Oscar Ogg, zitiert in: Leslie Cabarga: Logo, Font & Lettering Bible, S. 78)

Der Liebe zum Schreiben entspringt dieses Buch, nicht im Sinne des literarischen Vollzugs, sondern als Ausführung und Gestaltung der Schrift zum eigenständigen Objekt von Kunstfertigkeit und Zeugnis des Schönen; und sein Autor, Oscar Ogg (1908-1971), gilt neben Paul A. Bennett und Warren Chappell als einer der herausragenden US-amerikanischen Schriftentwerfer, Graphiker und Illustratoren Mitte des 20. Jahrhunderts. The 26 Letters erschien erstmalig 1946 in kleiner, bibliophiler Auflage in New York, im gleichen Jahr, als Ogg dort die kalligraphische Abteilung an der Columbia-Universität begründete, und nimmt den Leser mit auf eine Reise von den vorgeschichtlichen Ursprüngen der Schrift in Skulptur und Höhlenmalerei bis zu dem uns vertrauten, in einer langen Entwicklungskette ausgeformten lateinischen Alphabet mit seinen 26 Buchstaben. Kursorisch folgt Ogg in sieben von neun Kapiteln der Geschichte des Abc mit einer Übersicht der konkurrierenden Schriftsysteme der alten Ägypter (hieroglyphisch, hieratisch, demotisch) und einem faszinierenden Exkurs über die (kolonial verwickelte, kollateral durch Napoleons Feldzug bedingte) Entdeckung und Entzifferung des Steins von Rosetta, beschreibt die Herausbildung des ersten wahren, des phönizischen Alphabets mit seiner Vermengung kretisch-minoischer und ägyptischer Einflüsse mit den Cuneiform der Völker Mesopotamiens (Assyrer, Babylonier, Hethiter) und zeichnet die Überführung der Schrift vom griechisch-römischen Zeitalter bis hin zur Moderne nach. Der karolingische Beitrag um die Minuskeln, die Sonderformen der Halbunziale auf den britischen Inseln und in der frühchristlichen Literatur Irlands, die stilistische Virtuosität der Manuskripte mönchischer Skribenten des Hochmittelalters finden ebenso Erwähnung wie, eingehend und archetypisch, die formvollendete Inschrift der im Jahr 113 in Rom errichteten Trajanssäule als erstem Höhepunkt europäischer Hochschriftkultur.

Ogg illustriert sein zentrales Argument, die Gestaltung der Buchstaben des Alphabets folge aus dem Werkzeug, das der jeweiligen Kultur zum Schreiben zur Verfügung stehe, ein ums andere Mal, wenn er die Keilschrift wortwörtlich nimmt, in deren Bezeichnung selbiger Zusammenhang genuin eingefaßt ist, wenn er die gerade Strichführung (früher) altgriechischer Buchstaben ableitet aus der Verwendung von Wachstafeln, in welche Notizen mit einem Griffel eingekratzt wurden, während die Nutzung von Papyrus und (später) auch Papier und Pergament schon der klassischen Antike weichere, geschwungenere Formen erlaubte, und wenn er die Beschriftungen griechischer Reliefs und Plastiken vergleicht mit der Blüte trajanscher Kapitalien, derer erstere noch mit geradem Schlag mit dem Meißel dem Stein abgerungen sind, während letztere zunächst aufgemalt und hernach in ihren Rundungen und Wölbungen vom Steinmetz raffiniert herausgearbeitet wurden, wobei die Römer, durch ihre Meißeltechnik genötigt, die Serifen herausbildeten. “The tool governs the form again [and again]“ (S. 213), konstatiert Ogg, und so bleibt die Bedeutung von Material und Instrumentarium für die Kulturtechnik des Schreibens auch Leitmotiv der zwei abschließenden Kapitel zur Geschichte des frühen Buchdrucks, welcher rasch die Entwicklung standardisierter Schrift-Lettern bedingte. Waren die ersten Vertreter des Druckhandwerks noch orientiert an mittelalterlichen Handschriften und regionalen Varianten des lateinischen Alphabets, gewannen binnen eines Jahrhunderts die zwei Formen Vorrang, die bis heute idealtypisch unseren Schriftzeichen unterliegen: Die gebrochenen Schriften, auch Gotische genannt (Fraktur, Schwabacher, Rotunda), die, da sie aufgrund ihres starken Strichs und ihrer gedrängten Gestalt die Buchseiten eng und dicht bedruckt erscheinen ließen: in Schwarz getaucht, im Englischen als Black-Letters bezeichnet werden, und die aus der Kombination humanistischer Minuskeln mit altrömischen Versalien entwickelten Antiquaschriften, letztere bereichert und erweitert durch die Italienische (Italic, echte Kursivschrift) des Aldus Manutius, des Meisters des venezianischen Renaissancebuchdrucks. (Einzig im deutschsprachigen Raum behauptete sich die Gotische bis ins 20. Jh. und fand, als Schreibschrift, in den deutschen Kurrentschriften (z.B. Sütterlin) ihre idiosynkratische Entsprechung.)

Ogg, ein meisterlich geschulter Kalligraph, hat sein Buch mit einer Vielzahl teils kolorierter Schriftbeispiele und Abbildungen versehen, die die mühevolle Geschichte von Schriftwerdung und -erzeugung anschaulich illustrieren; und auch jüngere Leser mögen dem Gedankengang Oggs in seiner einfachen, klar strukturierten Sprache trefflich folgen, nicht zuletzt weil im Erzählton sich die Begeisterung des Autors für das Phänomen des Schreibens vermittelt. Daß er, typographisch-typophil, den Schriftsatz Old Face William Caslons für den vorliegenden Text wählt: “No type of any time, however, has ever made a more attractive and readable page than the original type of Caslon [designed about 1724], [of which] you have an example of a modern redrawing of [...] his honest, handsome letters before you now as you read this book” (S. 239), belegt, wie sehr dem Verfasser die Schreibkunst eine ars amandi war. Was sagte wohl dieser bibliophile Traditionalist zu den heutigen Schriftarten, wie sie moderne Dokumente, ergonomisches Online-Publishing prägen? So bestätigt er sich angesichts PC-gestütztem Schriftdesigns fände in seiner These: Form qua Funktion und Werkmaterial, hieße er sie vielleicht serifen-, charakter- und seelenlos? Produkte tachogener Weltfremdheit? Im nahezu unerschöpflichen Variantenreichtum rechnerbasierter Alphabete finden sich nur wenige, die dadurch bestechen, wie ausgewogen, formschön und elegant sie gestaltet sind. Und so faßt das vorangestellte Zitat, kolportiert vom Fontdesigner Leslie Cabarga, die Arbeitsethik und -technik des Oscar Ogg vielleicht am treffendsten: Nur das Nachvollziehen der Geschichte des Schreibens lehrt das Schreiben selbst.

(7), 262 Seiten, Festeinband
engl.-sprachig
Buchdruck, Typographie, Europa

Submerged in Cage

August 15th, 2009

Was haben ein Teekocher, eine Gegensprechanlage und ein Schredder gemeinsam? Sie spielen diesen Freitag abend eine tragende Rolle in der Neuinterpretation von John Cages Variations VII durch Zoviet France, Matt Wand und Atau Tanaka im Berliner Radialsystem V, dem 2006 zur Kunstwerkstatt umfunktionierten, 1881 errichteten und nunmehr denkmalgeschützten ehemaligen Pumpwerk nicht unweit der East Side Gallery am zumindest heuer dämmerungsinduziert idyllischen Spreeufer. Das Loungieren als Prélude kann man sich schenken: Zu Hause fläzt es sich bequemer auf dem Fußboden in kurzwelliger Abendstimmung.

In einem eindrucksvollen Set-up, nicht unähnlich einer Haushaltauflösung im Garagenverkauf, versammelt sich auf im Carré angeordneten Tischen, zentral in der Maschinenhalle gruppiert um ein nach oben offenes Horn, ein Vieldutzendfach von technischem Gerät und Spielzeug, in unterschiedlichem Grade deassembliert, umgemodelt und zweckentfremdet, und bringt unter Bastlern und Besuchern manch technikaffines Auge zum Strahlen - oder Weinen angesichts künstlerischer Deutungs- und Umwandlungshoheit über antike Magnettongeräte, Ghettoblaster und Filmprojektoren. Reminiszenz der Achtziger, Raub am flimmernden Familienfundus und audiophil geweitetes Sammlerherz: Sie sind in eins gefügt.

Summa summarum 64 Klangquellen und -generatoren verquicken die Apparaturen industrieller und konsumptiver Provenienz zur einer milden Kakophonie, die leise anhebt und nur widerstrebend verstummt nach Ablauf einer Stunde. (Der Geist, das ist die Maschine in ihrem Ausdrucksdrang, ist aus der Flasche, scheint’s.) Mechanistisch knattert es und knistert - fast eine musikalische Verbeugung vor den Modern Times Chaplins - und wird gleichdrauf verschluckt, taucht ein ins Brummen, Schnaufen, Anbranden der vier eckwärtigen Lautsprecherpaare, die luftig über dem Publikum in seiner Wanderung thronen. Laut will erlaufen werden, Bewegung sein, die Menschen im Malström aus Geräusch und Dröhnung versenken: Schritt für Schritt wird die Halle Klang.

Wie von Geisterhand surrt eine Brotschneidemaschine, schmirgelt ein Schleifgerät in einsamer Quadrille vor sich hin, braust ein Industriestaubsauger. Auf Fingerzeig oder hinterrücks oszillieren in Bodennähe die LED-Leuchten an NTBA-Kästchen, flackern auf Augenhöhe Laptopmonitore mit und ohne Apfelemblem, schüttelt sich das zum Trinkgeldsammler umfunktionierte Fußmassagegerät: Right in your face. Zwei Instrumente quittieren zwischenzeitlich mit Rauch- und Qualmzeichen vorzeitig ihren Dienst, ein Mixer, ein Wasserkocher, während der Geigerzähler unablässig auf eine Strahlenquelle reagiert. Laß ihn einzig die Hintergrundstrahlung abtragen, schießt mir durch den Kopf.

Via Skype dringen Sprachfetzen ins Lautfeld und melangieren Zitate von Berliner Feldlaut in die Komposition, das Bandgerät peitscht einen Rhythmus ins Bewußtsein und wieder hinaus, das Ton-Manipulations-System aus Kontaktmikrophonen, Sensoren und haushältlichem Alltag, Verkabelung allerorten, blendet langsam aus, ProSieben schaltet die x-te Werbepause: Das Eingangstor öffnet sich dem Applaus der verbliebenen Zuhörer, von lauer Augustnacht umfaßt treibt von der Spree her Wellenschlag ans Ohr, und das Publikum ergießt sich in den Hof, sich zu stärken, den Straßen und Clubs zu - und der städtischen Gewöhnlichkeit von Schall und Laut.

Zu schön war’s zu sehen, um wirklich gehört zu werden.

mmix.xix

July 25th, 2009

N.N. (= Wilhelm Schölermann (Hrsg.)): Vlaemische Dichtung
Eine Auswahl im Urtext und in Übersetzung
Eugen Diederichs, Jena 1916

beg, bee: 20.07.2009, 21.07.2009

Belgien, das ist eine parlamentarische Monarchie im Herzen Europas, Benelux-Staat und Stammsitz europäischer Institutionen; ein Land mit deftig-rustikaler Küche und Haut cuisine, einem Faible für Pommes frites und mehr als 1000 verschiedenen Starkbieren, darunter das fruchtige Kriek, das dunkle Oud Bruin und das bernsteinfarbene Tripel der Trappisten von Chimay; Belgien, schließlich, das ist die Heimat von Tim & Struppi (oder wie Hergé sie nannte: Tintin et Milou), der Schlümpfe und des wortkargen Revolverhelden Lucky Luke und seines getreuen Begleiters Jolly Jumper. Belgien ist aber auch, seit es sich in der “belgischen Revolution” von 1830 vom Vereinigten Königreich der Niederlande lossagte, von Anfang an ein Land des Sprachenstreits, des Gegensatzes zwischen der frankophonen wallonischen Minderheit im Süden und den niederländischsprachigen Bewohnern Flanderns. Dieser Konflikt, der seit dem 19. Jahrhundert schwelt und der den nach fünf Reformen in den letzten 40 Jahren reichlich föderalen Staat regelmäßig an den Rand der Auflösung bringt, hat ökonomische, kulturelle und auch politische Gründe, die das Land besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch immer wieder zum Spielball ausländischer Interessen werden ließen. 1914, mit Beginn des 1. Weltkrieges, marschierten deutsche Truppen unter Mißachtung belgischer Neutralität ein, um den französischen Feind von Norden her zu umklammern. Dieser 1905 entwickelte, wenn auch von Moltke adaptierte Schlieffen-Plan provozierte den Kriegseintritt Großbritanniens und die Katastrophe des großen europäischen Krieges.

Flankiert wurden die militärischen Operationen an der Westfront im Deutschen Reich durch die sogenannte Flamenpolitik, den Versuch, Unterstützung durch ein deutschfreundliches Flandern zu gewinnen, indem das gemeinsame “geistige Band zwischen Deutschtum und Vlamentum” (Stockey) betont und die flämische Sprache und Literatur als der deutschen eng verwandt neuentdeckt wurde. Daß jene im jungen belgischen Staat der französischen Amtssprache nachgeordnet war, wurde als Beleg des Herrschafts- und Vormachtsanspruchs der “Welschen”, d.h. der Wallonen, angeführt. Unter diesem Vorzeichen verlegte der Jenaer Eugen Diederichs Verlag anno 1916 die vorliegende zweisprachige Anthologie in einem schmucken Pappband mit einer Umschlagzeichnung des Posener Illustrators Fritz Helmuth Ehmcke. Es finden sich darin mit Emmanuel Hiel, Albrecht Rodenbach und Theodoor Sevens kämpferische, nationalistische Stimmen, deren Dichtung ein ums andre Mal den flämischen Gründungsmythos beschwört: die Goldene Sporenschlacht bei Kortrijk, als 1302 ein flämisches Infanterieheer aus Bauern und Zunfthandwerkern die französische Kavallerie unter Robert Graf von Artois vernichtend schlug. Neben solch flämisch-nationalen Anklängen spiegelt die Gedichtsammlung die stilistische Bandbreite des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts wider mit der Naturlyrik eines Guido Gezelles, den historisierenden Versen Willem Gijssels und der naiven Poesie Pol de Monts. Die Mehrzahl der ausgewählten Texte zeichnet sich durch sprachliche Einfachheit aus, die den Herausgeber an “Kinderlaut und Naturton” gemahnt, was nicht einzig dem Klang geschuldet ist. Hymnus und Pathos dieser Kriegsgesänge stoßen dem Leser nachgeborener Generation sauer auf und wirken eingedenk der zwei großen, durch Nationalismus befeuerten Kriege seltsam schal und unzeitgemäß. Aus den Strophen spricht zu uns gestriger Geist, den wir hoffen wollen, in Europa überwunden zu haben. Die Dilletantismen eines August Oscar Vermeiren, der holdes Kindesglück sich zum Thema wählt, oder eines Lambrecht Lambrechts, der Mutter und Oheim sprachlich hilflos ehrt, sind leider charakteristisch für die Qualität der Auswahl; nur vereinzelt können Verse bestechen wie das zaubrische, literarisch versierte Exzerpt aus Prosper van Langendoncks Der Wald, in welchem mit dem Symbolismus die Moderne anklingt. Dem Gros der Texte, selbst dem als Sonett verfaßten Dorfidyll des Niederländers Jacques Perk, unterliegt ein überraschend dunkler Grundton - vielleicht Zeugnis des geschichtlichen Bewußtseins ob ihrer Sujets. Die Übertragungen ins Deutsche, vorgenommen durch den Herausgeber sowie Hjerm Holling, sind angemessen und erreichen das selbstgesteckte Ziel, dem aufmerksamen Leser die Nähe der Sprachen vor Augen zu führen.

In dieser Erstausgabe bleibt der Herausgeber ungenannt: Wilhelm Schölermann, geboren 1865, tätig als Kunsthistoriker, Maler und Schriftsteller, war eine prägende und zutiefst ambivalente Figur des wilhelminischen Geisteslebens um die Jahrhundertwende und trat einerseits, als Übersetzer der Grashalme Walt Whitmans, der Architekturtheorie John Ruskins und der Essays Ralph Waldo Emersons, mit bedeutenden Beiträgen zur Vermittlung britischer und amerikanischer Literatur im kaiserlichen Deutschland in Erscheinung. Auf der anderen Seite nahm er rege teil am antisemitischen und rassischen Diskurs seiner Zeit und veröffentlichte u.a. in Theodor Fritschs deutsch-nationaler Zeitschrift Hammer wie auch in den Deutschbundblättern zu Fragen der Volkshygiene und zur “Judenfrage”. In seinen Schlußbemerkungen zum vorliegenden Band, im Nachwort wird eben dieser nationalistische Charakter Wilhelm Schölermanns unverkennbar, wenn er eingedenk des “stammverwandten Volkes” der Flamen auf das hinweist, “was blutsverwandte Rassen einander geben und nehmen, was sie wechselseitig schenken und empfangen können: ein Fühlen und Denken, ein Hoffen, Leiden und Singen, einen Sprachenstamm”. 100 Jahre später sind es immer noch die Sprachen, die uns scheiden - aber das wechselseitige Annehmen in der Verschiedenheit, vielleicht zeichnet sich darin der Erfolg des europäischen Projekts aus.

142, (2) Seiten, Festeinband
dt.-/ndl.-sprachig (Ü: Wilhelm Schölermann, Hjerm Holling)
Lyrik, Literatur, Flandern, Belgien

Incidental…

June 4th, 2009
The beauty of German humour

The beauty of German humour

… accidental, a fine example of German humour, indeed.

Btw, the New York Times archive can be searched and used for free, for the most part. If only the Frankfurter Allgemeine or NZZ offered a similar service.

mmix.xiii

April 22nd, 2009

Claude Anet: Im Banne Asiens
C. Weller & Co., Leipzig / Wien 1927

beg, bee: 15.04.2009, 16.04.2009

weniger eine Reiseschilderung denn schwärmerische Erotica

224 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig (Ü: Georg Schwarz)
Roman, Literatur, Fin de siècle, Frankreich

Mal Decorum

March 16th, 2009

Un homme poli, sage & vertueux, montrera souvent moins d’esprit dans la conversation qu’un autre qui en a beaucoup moins que lui, parce qu’il se refusera tout ce qui n’est pas dans les régles de la Politesse, de la décence, de la prudence, du bon sens, & de la vertu.
Il y a bien des cas où le silence est préférable à tout ce qu’on pourroit dire de mieux.

(Suite sur la Conversation, XXII, pp. 148-149)

ex:
Nicolas-Charles-Joseph Trublet: Essais sur divers sujets de litterature et de morale, Tome quatriéme
Nouvelle Edition revue & corrigée, Paris 1762

抵抗

March 10th, 2009

Excerpts from the Statement of the Dalai Lama on the Fiftieth Anniversary of the Tibetan National Uprising (PDF):

Having occupied Tibet, the Chinese Communist government carried out a series of repressive and violent campaigns that have included “democratic reform”, class struggle, communes, the Cultural Revolution, the imposition of martial law, and more recently the patriotic re-education and the strike hard campaigns. These thrust Tibetans into such depths of suffering and hardship that they literally experienced hell on earth. The immediate result of these campaigns was the deaths of hundreds of thousands of Tibetans. The lineage of the Buddha Dharma was severed. Thousands of religious and cultural centres such as monasteries, nunneries and temples were razed to the ground.
Historical buildings and monuments were demolished. Natural resources have been indiscriminately exploited. Today, Tibet’s fragile environment has been polluted, massive deforestation has been carried out and wildlife, such as wild yaks and Tibetan antelopes, are being driven to extinction.

These 50 years have brought untold suffering and destruction to the land and people of Tibet. Even today, Tibetans in Tibet live in constant fear and the Chinese authorities remain constantly suspicious of them. Today, the religion, culture, language and identity, which successive generations of Tibetans have considered more precious than their lives, are nearing extinction [...] Many infrastructural developments such as roads, airports, railways, and so forth, which seem to have brought progress to Tibetan areas, were really done with the political objective of sinicising Tibet at the huge cost of devastating the Tibetan environment and way of life.

[...]

The Chinese insistence that we accept Tibet as having been a part of China since ancient times is not only inaccurate, but also unreasonable. We cannot change the past no matter whether it was good or bad. Distorting history for political purposes is incorrect.

We need to look to the future and work for our mutual benefit. We Tibetans are looking for a legitimate and meaningful autonomy, an arrangement that would enable Tibetans to live within the framework of the People’s Republic of China. Fulfilling the aspirations of the Tibetan people will enable China to achieve stability and unity. From our side, we are not making any demands based on history. Looking back at history, there is no country in the world today, including China, whose territorial status has remained forever unchanged, nor can it remain unchanged.

Our aspiration that all Tibetans be brought under a single autonomous administration is in keeping with the very objective of the principle of national regional autonomy. It also fulfils the fundamental requirements of the Tibetan and Chinese peoples.

[...]

From time immemorial, the Tibetan and Chinese peoples have been neighbours. In future too, we will have to live together. Therefore, it is most important for us to co-exist in friendship with each other.

Since the occupation of Tibet, the Communist China has been publishing distorted propaganda about Tibet and its people. Consequently, there are, among the Chinese populace, very few people who have a true understanding about Tibet. It is, in fact, very difficult for them to find the truth. There are also ultra-leftist Chinese leaders who have, since last March, been undertaking a huge propaganda effort with the intention of setting the Tibetan and Chinese peoples apart and creating animosity between them. Sadly, as a result, a negative impression of Tibetans has arisen in the minds of some of our Chinese brothers and sisters. Therefore, as I have repeatedly appealed before, I would like once again to urge our Chinese brothers and sisters not to be swayed by such propaganda, but, instead, to try to discover the facts about Tibet impartially, so as to prevent divisions among us.

顽强抵抗 - Support the Tibetan struggle.

mmviii.xi

November 28th, 2008

Marc Bielefeld: We Spe@k Deutsch …aber verstehen nur Bahnhof
[= We Speak Deutsch... ]
Wilhelm Heyne Verlag, München 2008

beg, bee: 17.11.2008, 20.11.2008

“Das Thema Sprache boomt”, wie der Autor, studierter Linguist und Literaturwissenschaftler, im Vorwort unverblümt eingesteht. Und Marc Bielefeld surft mit auf dieser von Bastian Sicks Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod-Reihe losgetretenen Zeitgeistwelle und veröffentlicht mit We Spe@k Deutsch einen Führer, so der Untertitel, durch den “Dschungel unserer Sprache”. “Sprachliche Absonderlichkeiten” und “stilistische Eiertänze” haben es ihm besonders angetan, wie der vorliegende Band, in flotter Manier geschrieben, ein ums andere Mal bestätigt, wenn Bielefeld obsessiv-sammelwütig nicht eine Handvoll oder ein Halbdutzend Beispiele anführt, sondern Belege massiert und seitenweise für den Leser anhäuft. Die auf dem Rückdeckel plazierte Frage “Ist unser Deutsch noch zu retten?” ist folgerichtig rhetorischer Natur und nicht Mission des Autors, dessen “amüsante und erschreckende Bestandsaufnahme” einzig luftiger Exkursion und Unterhaltung dienen will.

Es sind hierbei Bielefelds besserwisserischer Duktus, seine selbstgerechte Ironie und der neunmalkluge Ton, den er anschlägt, welche einem die Lektüre, von wenigen ergötzlichen Abschnitten abgesehen (Kapitel 5, 8, 18), rasch vergrätzen. Oder auch einfach ermüden. Wieso ergehen sich hunderte Seiten in Kritik (und Verwendung) von Denglisch-Begriffen, teils unmotiviert vom Autoren an- und eingeführt, wenn sprachkonservative Einwände wider den überbordenden Gebrauch von Anglizismen, wie es im Vorwort heißt, “höchstens die Oberfläche [streifen]“? Weshalb weiß ein Autor mit diesem akademischen Hergang, Sachverstand sei unterstellt, nicht zwischen Worten und Wörtern zu unterscheiden? Und warum findet die Misere der Dialektsprachen, Mundarten, Parolen keine Erwähnung neben Jargons, Slangs und multikulturellem Pidgin? Bielefeld greift zudem auch den Streit um die aktuelle Entwicklung der deutschen Sprache auf, nennt ihn in Kapitel 16 “ein reizendes Thema” und verpaßt dann jedes Iota an Einsicht, wenn er in permissiver Allerweltsplauderei an verbindlichen Positionen vorbeilaviert und Sprachkritiker zu “Sprachnörglern” degradiert. Der Autor identifiziert ominöse ökonomische Motive als Ursache sprachlicher Degenerierung und plaziert gleichzeitig schön prominent einen Strauß von Marken und Fabrikaten im vorliegenden Text. Das Fehlen analytischer Tiefe läßt seine Einlassungen im besten Falle sprachmäkelig erscheinen, seine Nachlässigkeit macht sie überflüssig.

Es sollte mich wundern, wenn dieser Band auch nur einmal lektoriert wurde, strotzt er doch vor Rechtschreibfehlern, Redundanzen und anderen Ärgernissen. So erstaunt der Autor in Kapitel 22 auch Nichtgenetiker mit der Einsicht, XX bezeichne den diploiden Chromosomensatz des Mannes. Die vehemente (und keinesfalls unberechtigte) Kritik am exkludierenden Sprachgebrauch von Werbern, Wirtschaftlern und anderen hippen (oder auch klandestinen) Berufsgruppen wie auch von Politik und Verwaltung kontrastiert seltsam mit der kuriosen Mixtur linguistischer und rhetorischer Fachterminologie, welche Kapitel 6 eröffnet und welche, ein Stilbruch dem im Übrigen flapsigen Ton des Buches gegenüber, sich bewußt gegen das Leseverständnis des Lesers richtet. Später, in den Kapiteln 18 und 20, bedient sich der Autor dieser kryptischen Fachsprache wiederum. Wozu diese unmotivierte Ausgrenzung? Oder ist es Ironie? Prahlerei? In der Philosophie spricht man hier von einem performativen Widerspruch. Schopenhauer spräche wohl von Sprachverhunzung.

Überhaupt trägt die Verwendung ironischer Stilmittel den Text nicht und gerät endgültig zur unfreiwilligen Komik, wenn Bielefeld in grotesker Überspitzung einen Dialog um die Sprache der Jugend gestaltet. Stereotypien und das Bestreben um Authentizität kommen seltsam altbacken herüber, und überhaupt sehr bemüht. Kurz gefaßt, ist dieses Buch hundsmiserabel recherchiert und ediert und lohnt nicht zu lesen. Herrlich die sicherlich ungewollte Ironie, wenn der Band auf Seite 286, in der Literaturübersicht, endlich fruchtbar abschließt: Die genannten Titel wie z.B. Thalmayr-Enzensbergers Heraus mit der Sprache sind doch fraglos lustvoller, unterhaltsamer und auch hellsichtiger geschrieben. Dem Umschlagtext zufolge ist Marc Bielefeld als freier Autor tätig unter anderem für Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und Meridian. Nun ja. Mit diesem Schnellschuß ist er jedensfalls baden gegangen.

286 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig
Sachbuch, Sprachkritik, Deutschland

mmviii.ii

October 11th, 2008

Jimmie Durham: -
Poesiealbum 209
Verlag Neues Leben, Berlin 1985

beg, bee: 31.07.2008, 31.07.2008

In die kollektive Erinnerung deutscher Leser sind die amerikanischen Ureinwohner janusgesichtig eingegangen, in Gestalt des heroischen edlen Wilden rousseauschen Zuschnitts, manifest in Karl Mays Romanen, und als verschlagene Bestie, unbarmherzig und blutrünstig, wie verkörpert in James Fenimore Coopers Last of the Mohicans durch Magua. Diese auch heute noch nachwirkende Ambivalenz in der Zuschreibung indianischen Charakters durch die Europäer wurde von Cooper in seltsamer Offenheit gefaßt, als Widerstreit idealisierter Typoi, wenn es in der Einleitung heißt: “Few men exhibit greater diversity, or, if we may so express it, greater antithesis of character, than the native warrior of North America. In war, he is daring, boastful, cunning, ruthless, self-denying, and self-devoted; in peace, just, generous, hospitable, revengeful, superstitious, modest, and commonly chaste.” Magua, jener im Umgang mit der Zivilisation gefallene Wilde, kann ob seiner Trunk- und Rachsucht auch gelesen werden als Vorläufer eines neuen Stereotyps, in dessen Wahr-Nehmung Typisierung und (größerer Grad an?) Realismus ein negatives Bild zeichnen: jenes des in Arbeitslosigkeit, Armut und Alkoholismus verharrenden, apathischen Ureinwohners. (Diese “Verfalls-Anschauung” ist in ihrer Zuschreibung der Wahrnehmung des anderen, in der Begegnung mit europäischer Zivilisation “primitiv” gedachten Volkes, der Aborigines Australiens, nicht ungleich: ein marginalisiertes Volk, rück- und randständig, überfordert und damit übergangen von den Segnungen der Moderne.) Warum also nicht zur Abwechslung (um der Authentizität willen?) auf die Stimme hören eines Vertreters jener Native Americans?

Mit Jimmie Durham, “[geboren] am 10. Juli 1940 als Stammesmitglied der Tscherokesen”, präsentiert sich im Poesiealbum 209 ein “Wortführer der Amerikanischen Indianerbewegung” der 1970er mit kraftvollen und melancholischen Gedichten, die ihn als politischen Aktivisten ebenso auszeichnen wie als genauen Beobachter und Chronisten seiner Generation und ihres Ringens um Anerkennung. Nicht müde des Kampfes, restauriert er den Stolz der indigenen Völker in ihrer Historie und verzichtet doch auf Kriegsgeschrei und Überhöhung, paart mythologische Bezüge mit sozialem Befund, worin ohne Larmoyanz auch Vorwurf und Anklage eingeflochten werden, schreibt ebenso agitatorisch wie lyrisch. Durhams Gedichte knüpfen an an die orale Tradition der nordamerikanischen Ureinwohner, Sprache ist ihm Erzählen und nicht Kunst oder Medium um seiner selbst willen; Erzählen von den Vorfahren und von den Mißständen, Deutung des Geschehenen und Kündung von Künftigem, Wach- und Warnruf zugleich. Gekleidet in eindrückliche Naturmetaphern birgt fast jeder Vers einen Appell zum Widerstand - gegen das Phlegma, das Vergessen, die Erniedrigung: die littérature éngagée als soziale Frage. “Die Historiker verlangen, daß wir von Alexandria erfahren / Und von Paris; die Namen von Ganges, Nil und Rhein / Haften im Gedächtnis der Kinder. // Der antiken Waldstadt Echota, / Wiege, Hoffnung und Herz eines Volkes, älter / Als die Pyramiden, gewährt man kein ehrendes Gedenken”. Selten ertappt der (europäische) Leser sich so verhaftet in seiner genuin europäischen Weltdeutung. Realismus und Belehrung gehen in Durhams Texten eine fruchtbare Verbindung ein, unbeschönigt, reflektiert und - überraschend.

Auszug: Ka! Ni! Kamama, An Dia
weitere Empfehlungen: Familienbindungen; Regenkrähenlied; Als Wildkatze entwischte; Mäusesegen

32 Seiten, Heft
dt.-sprachig (Ü: Edith Anderson)
Lyrik, Literatur, Nordamerika

[Archiv: Ursprünglich veröffentlicht am 31.07.2008.]