Manu vetere

August 20th, 2009

[M]y penne is worn, myn hand wery and not stedfast, myn eyn dimed with over moche looking on whit paper, and my corage not so prone and redy to laboure as hit hath been, and … age crepeth on me dayly and feebleth all the bodye.

(Epilogue by William Caxton, in: Raoul Lefèvre: The Recuyell of the Historyes of Troye, Bruges 1473?; cited as per Oscar Ogg: The 26 Letters, New York 1962, p. 227)

Submerged in Cage

August 15th, 2009

Was haben ein Teekocher, eine Gegensprechanlage und ein Schredder gemeinsam? Sie spielen diesen Freitag abend eine tragende Rolle in der Neuinterpretation von John Cages Variations VII durch Zoviet France, Matt Wand und Atau Tanaka im Berliner Radialsystem V, dem 2006 zur Kunstwerkstatt umfunktionierten, 1881 errichteten und nunmehr denkmalgeschützten ehemaligen Pumpwerk nicht unweit der East Side Gallery am zumindest heuer dämmerungsinduziert idyllischen Spreeufer. Das Loungieren als Prélude kann man sich schenken: Zu Hause fläzt es sich bequemer auf dem Fußboden in kurzwelliger Abendstimmung.

In einem eindrucksvollen Set-up, nicht unähnlich einer Haushaltauflösung im Garagenverkauf, versammelt sich auf im Carré angeordneten Tischen, zentral in der Maschinenhalle gruppiert um ein nach oben offenes Horn, ein Vieldutzendfach von technischem Gerät und Spielzeug, in unterschiedlichem Grade deassembliert, umgemodelt und zweckentfremdet, und bringt unter Bastlern und Besuchern manch technikaffines Auge zum Strahlen - oder Weinen angesichts künstlerischer Deutungs- und Umwandlungshoheit über antike Magnettongeräte, Ghettoblaster und Filmprojektoren. Reminiszenz der Achtziger, Raub am flimmernden Familienfundus und audiophil geweitetes Sammlerherz: Sie sind in eins gefügt.

Summa summarum 64 Klangquellen und -generatoren verquicken die Apparaturen industrieller und konsumptiver Provenienz zur einer milden Kakophonie, die leise anhebt und nur widerstrebend verstummt nach Ablauf einer Stunde. (Der Geist, das ist die Maschine in ihrem Ausdrucksdrang, ist aus der Flasche, scheint’s.) Mechanistisch knattert es und knistert - fast eine musikalische Verbeugung vor den Modern Times Chaplins - und wird gleichdrauf verschluckt, taucht ein ins Brummen, Schnaufen, Anbranden der vier eckwärtigen Lautsprecherpaare, die luftig über dem Publikum in seiner Wanderung thronen. Laut will erlaufen werden, Bewegung sein, die Menschen im Malström aus Geräusch und Dröhnung versenken: Schritt für Schritt wird die Halle Klang.

Wie von Geisterhand surrt eine Brotschneidemaschine, schmirgelt ein Schleifgerät in einsamer Quadrille vor sich hin, braust ein Industriestaubsauger. Auf Fingerzeig oder hinterrücks oszillieren in Bodennähe die LED-Leuchten an NTBA-Kästchen, flackern auf Augenhöhe Laptopmonitore mit und ohne Apfelemblem, schüttelt sich das zum Trinkgeldsammler umfunktionierte Fußmassagegerät: Right in your face. Zwei Instrumente quittieren zwischenzeitlich mit Rauch- und Qualmzeichen vorzeitig ihren Dienst, ein Mixer, ein Wasserkocher, während der Geigerzähler unablässig auf eine Strahlenquelle reagiert. Laß ihn einzig die Hintergrundstrahlung abtragen, schießt mir durch den Kopf.

Via Skype dringen Sprachfetzen ins Lautfeld und melangieren Zitate von Berliner Feldlaut in die Komposition, das Bandgerät peitscht einen Rhythmus ins Bewußtsein und wieder hinaus, das Ton-Manipulations-System aus Kontaktmikrophonen, Sensoren und haushältlichem Alltag, Verkabelung allerorten, blendet langsam aus, ProSieben schaltet die x-te Werbepause: Das Eingangstor öffnet sich dem Applaus der verbliebenen Zuhörer, von lauer Augustnacht umfaßt treibt von der Spree her Wellenschlag ans Ohr, und das Publikum ergießt sich in den Hof, sich zu stärken, den Straßen und Clubs zu - und der städtischen Gewöhnlichkeit von Schall und Laut.

Zu schön war’s zu sehen, um wirklich gehört zu werden.

mmix.xxi

August 11th, 2009

Theodor Heuss: Dank und Bekenntnis
Gedenkrede zum 20. Juli 1944
Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1954

beg, bee: 07.08.2009, 07.08.2009

Der Text kann hier als PDF-Dokument online nachgelesen werden.

16 Seiten, Heft
dt.-sprachig
Politik, Drittes Reich, Deutschland

mmix.xx

August 11th, 2009

Arnold Zweig: Der Spiegel des großen Kaisers
Verlag der Nation, Berlin 1964

beg, bee: 15.07.2009, 24.07.2009

148 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig
Novelle, Literatur, Deutschland

Nachlese zum Buchgestöber

August 11th, 2009
Buchgestöber: Neue Buchlese

Buchgestöber: Neue Buchlese

Ilya, Egor, Arsenij, vielen Dank Euch für Eure Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Mitten in Prenzlauer Berg schuft Ihr uns ein Heim, liebenswert, gemütlich, sorgsam:
Tee- und Kunsthaus Tschaikowsky

Addendum: Das Teehaus ist seit August 2009 geschlossen.
(Wieder einmal schlug Idealismus auf dem harten Boden der Wirklichkeit auf.)
Mögt Ihr uns dennoch weiter inspirieren und die Liebe zu Tee und heißer Schokolade lehren…

Könige und Chronisten (Konungar och krönikörer)

August 9th, 2009

Vos qui transitis…

Ebenso wie Geschichte sich verliert zum Anfang hin und zu Vergangenem wird, so auch ihre Chronisten; welche, ihrer Berufung folgend, ihr Mark ihr anheften und einschreiben und doch uns Künftigen oft nur noch dem Namen nach bekannt sind. Dem Gedächtnis weitgehend entschwunden sind Leben und Ruf des Jacobus Gislonis (†1490), 1481 Rektor der Universität Leipzig, später Domkanonikus in Uppsala und ebendort von 1488 an Universitätsrektor und Professor der Theologie, von dessen Werk auch um die Geschichtsschreibung Schwedens nur wenig noch uns erhellt (und erhalten ist) aus den Schriften der nordischen Humanisten: So zitiert beispielsweise Loccenius seine Chronologia regum sueciae als Beleg der frühsten schwedischen Könige.

Fuimos quandoque, quod estis.

Text: Jacobi Gislonis Chronologia regum sueciae:
Abschrift (108 kB) (PDF-Dokument)

Odins 15 Namen oder Schwedische Geschichtsschreibung

August 8th, 2009

Von der Mythologie her leiten die Völker ihre frühste Geschichte ab und bis in die Neuzeit die (politische) Geschichtsschreibung Herkunft und Anspruch des Herrscherhauses.1 Nicht anders verfuhr als Stammvater der schwedischen Historiographie der Linköpinger Geistliche und spätere Erzbischof von Uppsala, Johannes Magnus, als er in seinem 1554 postum veröffentlichten Hauptwerk Historia de omnibus gothorum sueonumque regibus in einem großen fiktionalen Wurf die Folge der Könige von Schweden erzählte: mehr Konstruktion denn Rekonstruktion der Vergangenheit; angelegt im spätantiken Text der Gotensaga und den mittelalterlichen Schriften des Saxo Grammaticus und hypothetisch überformt; angereichert - im Gefolge des schwedischen Bruchs mit der Kalmarer Union anno 1523 - mit ostentativem Abgrenzungsbewußtsein allem Dänischen gegenüber, der im 16. Jh. rivalisierenden Macht in Skandinavien.

Gut ein Jahrhundert später hatte sich Schwedens Vorherrschaft etabliert; und die Geschichtsschreibung Skandinaviens vollzog sich mit Notwendigkeit als jene der schwedischen Hegemonialmacht. Der Rechtsgelehrte und Historiker Johannes Loccenius, 1598 in Itzehoe in Holstein geboren, Skytte-Professor an der Universität Uppsala, war bemüht, diesem Anliegen zu folgen, und verfaßte, in späthumanistischer Tradition an der antiken Historiographie orientiert, mit den Antiquitatum sveo-gothicarum libri tres (1647) die seinerzeit bedeutsamste Darstellung der frühen Geschichte Skandinaviens. Von ihm 1654 wiederaufgelegt, verband er diese mit der Herausgabe der mehrheitlich Eric Olai zugeschriebenen Rerum svecicarum historia, welche ein Werk von bestechender Detailfülle und Zitierfreude und zugleich überbordender mythologischer Reverenz und Referenz darstellt.

Darin gerade gleicht Olai dem Johannes Magno, und seine Historia weist ebensolche quellenhistorisch problematische, partim unzuverlässige Qualitäten auf, wenn sie mit dem Sagenkönig Björn III. ansetzt und über den ersten gekrönten Herrscher Schwedens Erik X. hinaus bis zum Erben Gustavs I. Wasa eine Kontinuität suggeriert, welche mehr staatspolitischen Zwecken schuldig denn historischer Akkuratesse verpflichtet ist. Zumindest die späteren Abschnitte, über Olais Tod 1486 hinaus, sind von Loccenius kenntnisreich verfaßt - wieweit er ansonsten in den zugrundeliegenden Text Olais eingriff, ist strittig. Im folgenden werden die historio- und bibliographischen Anmerkungen und Ergänzungen des Loccenii zum Text Olais bereitgestellt: die Observationes historicae, welche textkritisch verfahren und ein Schlaglicht werfen auf wissenschaftliche Erkenntnismethodik und Quellenlage Mitte des 17. Jh.

1: Vgl. hierzu die Genealogie des mythischen Göttergeschlechts Odins im vorliegenden Text (S. 348ff.) und ihre Verquickung darin sowohl mit der Landeskunde (insbesondere Ulleråkers bei Uppsala) wie auch mit den (anfänglich sagenhaften) Regenten Schwedens.

Text: Johannis Loccenii Observationes historicae:
Abschrift (148 kB) (PDF-Dokument)

Luminös

July 27th, 2009

Zu Unrecht ist der seinerzeit als “einer der größten Philosophen” (gemäß Pierre Bayle) benannte Nicolas Malebranche ins Vergessen geraten; zählten die Beiträge des Cartesianers doch zu den bedeutsamsten erkenntnistheoretischen und naturwissenschaftlichen Schriften des 17. Jahrhunderts. In regem Austausch stand der französische Theologe mit Zeitgenossen wie Gottfried Wilhelm Leibniz, war vertraut mit den Neuerungen der newtonschen Mathematik und Physik und hatte entscheidenden Einfluß auf das Denken nachfolgender Philosophen wie z.B. George Berkeleys subjektiven Idealismus oder, wenn auch bei diesem letzteren zum Gutteil verkannt und ex negativo, den Kausalitätsskeptizismus David Humes.

Historia lux veritatis - Veritas historiae lucis

Neben seinen Argumenten zugunsten des Okkasionalismus und theologischen Pantheismus, von der Zeit überholt und oftmals belächelt, sind es gerade auch Malebranches Überlegungen zur Naturphilosophie, die es wert sind, gelesen zu werden. So stellte er nur wenige Jahre nach Isaac Newton, und unabhängig von diesem, in Analogie zum Schall eine Schwingungstheorie des Lichts auf und entwickelte in seiner Optik das cartesianische System von den Partikeln (Globulen) fort. Um dieses Erkenntnisgewinns willen und als kleine Auffrischung der Wissenschaftsgeschichte, wird im folgenden Malebranches Traktat über Licht und Farben bereitgestellt, welcher in der zweiten Auflage der englischsprachigen Ausgabe seiner Recherche de la vérité (Search after Truth, London 1700) erstmalig veröffentlicht wurde.

Text: Malebranche’s Treatise Concerning Light and Colours:
Faksimile (3,5 MB) (PDF-Dokument)
Abschrift (204 kB) (PDF-Dokument)

mmix.xix

July 25th, 2009

N.N. (= Wilhelm Schölermann (Hrsg.)): Vlaemische Dichtung
Eine Auswahl im Urtext und in Übersetzung
Eugen Diederichs, Jena 1916

beg, bee: 20.07.2009, 21.07.2009

Belgien, das ist eine parlamentarische Monarchie im Herzen Europas, Benelux-Staat und Stammsitz europäischer Institutionen; ein Land mit deftig-rustikaler Küche und Haut cuisine, einem Faible für Pommes frites und mehr als 1000 verschiedenen Starkbieren, darunter das fruchtige Kriek, das dunkle Oud Bruin und das bernsteinfarbene Tripel der Trappisten von Chimay; Belgien, schließlich, das ist die Heimat von Tim & Struppi (oder wie Hergé sie nannte: Tintin et Milou), der Schlümpfe und des wortkargen Revolverhelden Lucky Luke und seines getreuen Begleiters Jolly Jumper. Belgien ist aber auch, seit es sich in der “belgischen Revolution” von 1830 vom Vereinigten Königreich der Niederlande lossagte, von Anfang an ein Land des Sprachenstreits, des Gegensatzes zwischen der frankophonen wallonischen Minderheit im Süden und den niederländischsprachigen Bewohnern Flanderns. Dieser Konflikt, der seit dem 19. Jahrhundert schwelt und der den nach fünf Reformen in den letzten 40 Jahren reichlich föderalen Staat regelmäßig an den Rand der Auflösung bringt, hat ökonomische, kulturelle und auch politische Gründe, die das Land besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch immer wieder zum Spielball ausländischer Interessen werden ließen. 1914, mit Beginn des 1. Weltkrieges, marschierten deutsche Truppen unter Mißachtung belgischer Neutralität ein, um den französischen Feind von Norden her zu umklammern. Dieser 1905 entwickelte, wenn auch von Moltke adaptierte Schlieffen-Plan provozierte den Kriegseintritt Großbritanniens und die Katastrophe des großen europäischen Krieges.

Flankiert wurden die militärischen Operationen an der Westfront im Deutschen Reich durch die sogenannte Flamenpolitik, den Versuch, Unterstützung durch ein deutschfreundliches Flandern zu gewinnen, indem das gemeinsame “geistige Band zwischen Deutschtum und Vlamentum” (Stockey) betont und die flämische Sprache und Literatur als der deutschen eng verwandt neuentdeckt wurde. Daß jene im jungen belgischen Staat der französischen Amtssprache nachgeordnet war, wurde als Beleg des Herrschafts- und Vormachtsanspruchs der “Welschen”, d.h. der Wallonen, angeführt. Unter diesem Vorzeichen verlegte der Jenaer Eugen Diederichs Verlag anno 1916 die vorliegende zweisprachige Anthologie in einem schmucken Pappband mit einer Umschlagzeichnung des Posener Illustrators Fritz Helmuth Ehmcke. Es finden sich darin mit Emmanuel Hiel, Albrecht Rodenbach und Theodoor Sevens kämpferische, nationalistische Stimmen, deren Dichtung ein ums andre Mal den flämischen Gründungsmythos beschwört: die Goldene Sporenschlacht bei Kortrijk, als 1302 ein flämisches Infanterieheer aus Bauern und Zunfthandwerkern die französische Kavallerie unter Robert Graf von Artois vernichtend schlug. Neben solch flämisch-nationalen Anklängen spiegelt die Gedichtsammlung die stilistische Bandbreite des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts wider mit der Naturlyrik eines Guido Gezelles, den historisierenden Versen Willem Gijssels und der naiven Poesie Pol de Monts. Die Mehrzahl der ausgewählten Texte zeichnet sich durch sprachliche Einfachheit aus, die den Herausgeber an “Kinderlaut und Naturton” gemahnt, was nicht einzig dem Klang geschuldet ist. Hymnus und Pathos dieser Kriegsgesänge stoßen dem Leser nachgeborener Generation sauer auf und wirken eingedenk der zwei großen, durch Nationalismus befeuerten Kriege seltsam schal und unzeitgemäß. Aus den Strophen spricht zu uns gestriger Geist, den wir hoffen wollen, in Europa überwunden zu haben. Die Dilletantismen eines August Oscar Vermeiren, der holdes Kindesglück sich zum Thema wählt, oder eines Lambrecht Lambrechts, der Mutter und Oheim sprachlich hilflos ehrt, sind leider charakteristisch für die Qualität der Auswahl; nur vereinzelt können Verse bestechen wie das zaubrische, literarisch versierte Exzerpt aus Prosper van Langendoncks Der Wald, in welchem mit dem Symbolismus die Moderne anklingt. Dem Gros der Texte, selbst dem als Sonett verfaßten Dorfidyll des Niederländers Jacques Perk, unterliegt ein überraschend dunkler Grundton - vielleicht Zeugnis des geschichtlichen Bewußtseins ob ihrer Sujets. Die Übertragungen ins Deutsche, vorgenommen durch den Herausgeber sowie Hjerm Holling, sind angemessen und erreichen das selbstgesteckte Ziel, dem aufmerksamen Leser die Nähe der Sprachen vor Augen zu führen.

In dieser Erstausgabe bleibt der Herausgeber ungenannt: Wilhelm Schölermann, geboren 1865, tätig als Kunsthistoriker, Maler und Schriftsteller, war eine prägende und zutiefst ambivalente Figur des wilhelminischen Geisteslebens um die Jahrhundertwende und trat einerseits, als Übersetzer der Grashalme Walt Whitmans, der Architekturtheorie John Ruskins und der Essays Ralph Waldo Emersons, mit bedeutenden Beiträgen zur Vermittlung britischer und amerikanischer Literatur im kaiserlichen Deutschland in Erscheinung. Auf der anderen Seite nahm er rege teil am antisemitischen und rassischen Diskurs seiner Zeit und veröffentlichte u.a. in Theodor Fritschs deutsch-nationaler Zeitschrift Hammer wie auch in den Deutschbundblättern zu Fragen der Volkshygiene und zur “Judenfrage”. In seinen Schlußbemerkungen zum vorliegenden Band, im Nachwort wird eben dieser nationalistische Charakter Wilhelm Schölermanns unverkennbar, wenn er eingedenk des “stammverwandten Volkes” der Flamen auf das hinweist, “was blutsverwandte Rassen einander geben und nehmen, was sie wechselseitig schenken und empfangen können: ein Fühlen und Denken, ein Hoffen, Leiden und Singen, einen Sprachenstamm”. 100 Jahre später sind es immer noch die Sprachen, die uns scheiden - aber das wechselseitige Annehmen in der Verschiedenheit, vielleicht zeichnet sich darin der Erfolg des europäischen Projekts aus.

142, (2) Seiten, Festeinband
dt.-/ndl.-sprachig (Ü: Wilhelm Schölermann, Hjerm Holling)
Lyrik, Literatur, Flandern, Belgien

Demagogie

July 13th, 2009

Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki, Leiter des durch seine politische Linie und Lobbyarbeit ausgesprochen strittigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), spricht in einem Bericht des ARD-Magazins FAKT über Befunde einer Studie seines Instituts, derzufolge bei Verwendung des Analoginsulins Lantus das Krebsrisiko für Diabetespatienten signifikant steige.

Daß bei der Berichterstattung individuelle Vorzüge der Behandlung mit Analoga, welche zahlreiche Betroffene bezeugen, so z.B. der verringerte Spritz-Eß-Abstand traditionellen konventionellen Insulintherapien (ICT) gegenüber, die einem Nichtdiabetiker vergleichbare flexible, nahezu freie Entscheidung über Zeitpunkt, Zusammensetzung und Menge der Mahlzeiten ansteller starrer Diätpläne sowie die dem natürlichen Ausschüttungsmechanismus des körpereigenen Insulins Gesunder überragend nachempfundene Funktion selbiger Analoga sowohl in Form langwirkender Basal- als auch kurzwirksamer Bolusinsuline und damit einhergehend, gesundheitliche Disziplin vorausgesetzt, deutlich verbesserte Blutzuckerregulierung und Minderung von diabetischen Langzeitschäden, daß all dies vernachlässigt oder gar unterschlagen wird, überrascht nicht wirklich.

Daß “Pharmariesen” wie dem Hersteller Sanofi Aventis gegenüber polemisiert und deren Motive und Studien im Grundsatz diskreditiert werden, eine Strategie, die auf einem diffusen Gefühl des Mißtrauens in der Bevölkerung Konzerninteressen gegenüber fußt und dieses nicht einzig kanalisiert, sondern bewußt manipuliert und sich zu Nutze macht, umso weniger.

Aber welche wissenschaftliche Qualifikation soll einem Mann wie Herrn Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki zugesprochen werden, wenn er, wie im FAKT-Interview, einen Gegensatz konstruiert von “natürliche[m] Humaninsulin” und dem “Kunst-Insulin Lantus” - wohlwissend, daß diese Sprachregelung Ängste schürt, obschon alle beide, Analoga wie auch Humaninsuline, gentechnisch hergestellte künstliche Insulinpräparate sind?

Die PR-Arbeit seines Instituts ist erstklassig; in nur wenigen Wochen hat das IQWiG in einer Vielzahl Sendungen und Publikationen (z.B. im üblicherweise sauber recherchierten 3sat-Wissenschaftsmagazin nano, im stets sensationslüsternen Spiegel (Spon-Artikel) und auch in den Tagesthemen) Berichte über seine Studie plaziert. Wieso findet der Ausgangspunkt der Debatte, das Bestreben des Gemeinsamen Bundesausschusses unter Federführung des IQWiG, Insulinanaloga aus Kostengründen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen, keine Erwähnung?

Die Haltung der öffentlich-rechtlichen Sender, als Multiplikator für eine gezielte Kampagne gegen den Einsatz von Analoginsulinen zu fungieren und in ihren einseitigen Folgerungen Studien strittigen Designs eines gesundheitspolitisch lobbyistisch verankerten Instituts eine Plattform zu geben, ist, milde gesagt, kritisch, im eigentlichen Sinne unverantwortlich. Der nachgeschobene Hinweis an Patienten, die mit Analoga behandelt werden, nicht aus Angst das Präparat eigenständig abzusetzen (oder zumindest erst nach Absprache mit ihrem behandelnden Arzt), ist dann nur noch höchst verlogen. Schämt Euch, Ihr Heuchler!