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Drei Bekenntnisse

May 5th, 2012

In meinem Regal ein Stapel Bücher;
zuunterst Richard L. Epsteins Predicate Logic: The Semantic Foundations of Logic
als Fundament;
darüber ein Koran in deutscher Sprache, die Handreichung salafistischer Provenienz ist reich verziert;
gülden ornamentiert die Kommentare
einer wahren Lehre;
zuoberst ein Gotteslob, Gesang, Gebet: Gabe und Mitgift des heiligen Sakraments der Kommunion;
Zeugnis und Herkunft –
aus allen Sprachen, Stämmen und Völkern
versöhnen sich so in weisem Bund, dem Zufall geschuldet,
drei einige Weltsichten.

Lukas 10:29-37 op Platt

April 13th, 2012

Das Gebot der Nächstenliebe (Levitikus, 19:18) als Kernbestand der christlichen Botschaft ist in unzählige Schriften und Sprachen getragen und durch die Zeiten interpretiert worden, und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter vielfältig literarisch aufgegriffen und gedeutet. Ist Selbstlosigkeit mit der Natur des Menschen vereinbar, fragen nicht nur Philosophen und Theologen zuweilen ratlos, auch im Alltag scheint eine negative Anthropologie, die Akte der Fürsorge und des Mitleids gnadenlos als Aktualisierungen menschlichen Selbstinteresses und strategische Setzungen rekonstruiert, sich ein ums andere Mal bestätigt zu sehen.

Aber gilt dies Urteil nicht vorschnell? Ist nicht der Umstand, daß Altruismus denkbar ist und sogar in den Stand von Pflicht und Gebot erhoben wird in allen Weltreligionen, Beleg für eine Wirksamkeit und Wirklichkeit desselben? Und selbst wenn wir dies als allzu optimistisch oder metaphysisch-spekulativ verwerfen – kann nicht das Ideal Wirksamkeit entfalten und spontane Akte und Opfer wach- oder hervorrufen, selbst wenn die Ethik in ihrer Begründung derselben an ihre Grenzen stößt und immer wieder durch den Wolf im Menschen sich widerlegt sieht? Anfechtungen des Glaubens und das sich Abarbeiten in der Tat, sind dies nicht erst jene Merkmale des guten Lebens, welche ihm seinen Wert verleihen? Wider sich selbst zu bestehen und die allzu menschliche Neigung, zuungunsten des Anderen das Eigene vorzuziehen? Besteht nicht darin der Reiz des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter, daß es an jeden Einzelnen appelliert, unbesehen seiner Verworfenheit sich zu erinnern, daß ihm auch die Fähigkeit zum Guten eingemengt ist? Daß er agens ist und nicht nur erleidet?

Auf die Probe gestellt wird auch ein Lehrer in Gorch Focks Biblischer Geschichte, dessen Übertragung des biblischen Gleichnisses sich mit der harten Wirklichkeit konfrontiert sieht, worin der Mensch eben korrumpiert ist und bleibt. Schließt dies aber eine bejahende Anthropologie aus, ein Bekenntnis zum Menschsein und seinen Fertigkeiten – auch im Angesicht und vielleicht sogar ob seiner conditio imperfecta ac humana?

Text: Gorch Focks Biblische Geschichte:
Abschrift (80 kB) (PDF-Dokument)

Schiemannsgarn op Platt

April 13th, 2012

Ende letzten Jahres schrieb ich wehmütig um den Verlust der niederdeutschen Mundarten und verglich dies Schwinden landschaftlicher Sprach- und Kulturgeschichte mit der Pflege derselben, die sich im süddeutschen Raum im Fortbestehen der dortigen alemannischen, schwäbischen, fränkischen u.a. Dialekte bewahrt und erweist.

In meinem Projekt, aus der Erinnerung geschwundene mundartliche Texte, welche zu Anfang des 20. Jahrhunderts – à la mode? – noch in großer Zahl produziert und verlegt wurden, immer wieder aufs Neue ins digitale Gedächtnis des 21. Jahrhunderts hinüberzuretten, fahre ich heute fort mit einem Auszug aus einem Erzählungsband Johann Wilhelm Kinaus, welcher besser bekannt ist unter seinem Pseudonym Gorch Fock – als Namenspatron des Segelschulschiffs der Deutschen Marine.

Wenn einer dauhn deiht, wat hei deiht, dann kann hei nich mehr dauhn, as hei deiht.

Text: Gorch Focks Erzählung Den Seilmoker sin Piep:
Abschrift (84 kB) (PDF-Dokument)

Andre haiku

January 6th, 2012

vannet kruser, over grusen
jevn bølgegang
imens isdrift

tusenfryd
og andre blomster
en rad av hvite hauger

lysning i skogen
soldrift
gyldne verslinjer på kvister

denne vårvisen ble tatt
fra ordboka
imens regnbygen

med spisse fingre
isdrift
slår vi gjennom lufta

Norske haiku

January 4th, 2012

bladet svever
og inn i middagshvil
smådanser riva

bleke skygger
treet murrer naken
kveldsol

måkeskrik ved sjøen
fugletrekk
ingen nisten i matboks

isputt, under stjernene
ligner landskapet en
enkelt flekk

Hittegods III: enda andre funn

December 8th, 2011

(i) på kloss hold

midt på natten / på gata
regn
jeg søker ly
på kloss hold: dvs nærvær

plutselig / alt klart
og lys
bilen støter meg
og jeg
ble skadet en gang mer

[v2. 25.07.2007. På vei hjem fra møte med venner i Mitte.]

(ii) det begynner i det små

det begynner i det små
gikk på grunn ligger den på ryggen
på vinduskarmen
benene hans peker ut til solens vei
på himmelen, utenfor
bønnfallende om hjelp

lys tegner etterpå den støv-
flekkige ruten og skriver livet
inn på den lille kroppen
jeg åpner vinduet og kaster den ut
ved kraftig støt
så puster jeg

og ser den falle til avgrunnsdyp
over brystvern, tre etasjer høyt

med ett
på oppvinden en høylyst summing
stigger den opp med kraftig gest
den stankelbein!
og slutt

[v2. 25.07.2007. Her rettet og litt revidert: v3. 08.12.2011.]

Fundstücke II: Revision

December 7th, 2011

Rød

Morgenrød /
kjærlighetas eple.
Kjærlighetssorg /
glød i peisen.
Med sint blikk ;
solnedgang.

[07.12.2011. En liten variasjon, og teksten rettes. Sammenlign med originalen.]

Rot

Morgenröte /
Apfel der Liebe.
Herzweh und Kummer /
Kaminglut.
Ein zorniger Blick ;
Sonnenuntergang.

[13.02.1996. Revidierte Fassung: 07.12.2011.]

Fundstücke I

December 7th, 2011

An die Küsten Okinawas branden Erinnerungen,
die Hundertjährigen, die flinker Hand, mit leichtem Schritt
die Träume der ungestümen Jugend einsammeln
und das ferne Land, die modernen Zeiten,
entblößen als bloßen Tagtraum.

[26.01.2004. Revidierte Fassung: 06.12.2011.]

Je öfter ich das Auge mit Altbekanntem
aufs Neue vertraut mache und ich ins Leere sinne –
desto mehr Wort nimmt sich meiner an
und stenographiert
die letzten Spuren Biographie.

[02.12.2003. Amnäsie.]

Heute nacht:
Insomnia verlängert ihren Aufenthalt und schickt mich stracks ins Sanatorium.

Heute morgen:
Der November ergeht sich in neblig-trüben Klischees.

[05.11.2003.]

Fröhlich deutsch

December 2nd, 2011

So unterhaltsam die in der Deutschschweiz gesprochenen alemannischen Dialekte zuweilen anmuten, so fremd bleiben sie Deutschen in aller Regel auch. Die Geschichten, die das Schwizerdütsche allein in Ausdruck und regionaler Prägung bewahrt, der stolze Bezug auf Heimat und Tradition, welcher im Auf- und Fortleben der schweizerdeutschen Mundarten sich erweist, das Nichteinheimischen befremdlich nuancierte Repertoire, eine fein abgestimmte Klaviatur im Wechselspiel von Vertrautheit und Ausgrenzung, der changierende Singsang und das Chuchichäschtli als Schweizer Schibboleth (ein Gordischer Zungenknoten, wenn es denn je einen gab), die altertümliche und ausgesuchte Höflichkeit im Schimpf auf den Fremden und Mattenenglisch und Bärndütsch als klein- und kleinstteilige Ausdifferenzierungen sprachlicher Praxis - das alles ist gleichermaßen neidenswert schillernd als auch ungemein verschlossen.

Glücklicherweise können manche Defizite im Verstehen behoben werden, wenn man sich niedergeschriebener Texte annimmt und diese sich lautlich aneignet, d.h. sie vor sich hin laut liest und spricht. Erfahrungen mit süddeutschen Dialekten, samt und sonders dem Badischen, Schwäbischen, Elsässischen und West- und Oberallgäuerischen, kann helfen, nicht zuletzt uns Norddeutschen, die wir unserer niederdeutschen Mundarten und Geschichte großteils (und allzu leichtfertig) verlustig gegangen sind. Hier ein Panazee för plattdüütsch.

Text: Hanna Fröhlichs Erzählung Oha lätz! in dt. Übertragung:
O weh! (76 kB) (PDF-Dokument)
Oha lätz! (schwizerdütsch) (HTML-Fassung)

Apparat für die Übertragung:
DRS 1 Mundartlexikon
Wörterbuch Berndeutsch
Schweizerisches Idiotikon
Grimmsches Wörterbuch

s’Mundart: weder zrugg zum Anfang

November 30th, 2011

[23] Oha lätz!

Im-e-ne schöne Ort im Aargäu het nonig lang es Pärli Hochsig gha. S’Rägeli, so het das Brütli gheiße, isch nümme grad es hüttigs Häsli gsi und zue de Schönschte het mes wahrhaftig au nid chönne zelle (denn im Vertrouwe gseit, es het es chlis Högerli!).
Aber wie me das jo mängisch trifft im Läbe, das Högerli wird verdeckt mit Gäld und Guet, und wenn eine schön warm cha ine sitze, so luegt er so nes Fehlerli chum a – ämel vor em Hochsig isch es so! –
De Hans-Ueli het’s grad so gmacht; und trotzdem er vo arme Lüüte härgschtammt het, händ sogar no Schtimme do und dert welle luut wärde im Dorf: “De

[24] hätt jez gwüß no en anderi chönne uselüpfe, so ne subere Burscht!” –
Wo’s aber gar do no bekannt worden isch, de Hans-Ueli heig us der Frömdi vier und fümf Tuusigi mitbrocht, do het mängi vo s’Rägelis Fründinne voll Niid dänkt: Wenn men au das vorhär gwüßt hätt! – de hätt i au no gnoh! Wer das G’rücht eigetlech under d’Lüüt brocht het, het niemer gwüßt, sicher isch es aber us der Familie vo der Brut cho. Jo nu, z’mache isch do nüt meh gsi, s’Hochsig isch agseit worde, und alli, die wo de Hans-Ueli sunscht no gärn gha hätte, händ sech tröschtet, wenn sie nume wenigschtens zum Hochsig iglade worde sind.
En wunderschöne Herbschttag isch es gsi, wo sie z’sämme g’geh worde sind, und mängs no so hübsches Meitschi het nid so nes flotts, fidels Hochsig, wie das Rägeli mit sim Högerli. –
’s isch halt eso gsi – d’Schwigerältere händ scho lang under sich usgrächnet, wie sie denn, vo dene paar Tuusig vom Hans-Ueli, ihres Heimetli wele vergrößere und do und dert loh mache, was eigetlich scho lang nötig gsi wär; wenn er jo bi ihne inesitzi, dörf er denn nüt säge! Drum het de Schwigervatter i siner Freud jez a dem Tag mängs Fränkli loh schpringe und het s’Gäld nüt agluegt – sunscht dernäbe ischt er en huuslige g’hebige Buur gsi, wie nume eine! I der Wirtschaft, wo das Fescht abghalte worden isch, händ sie scho flott tanzet, und dem Schwigervatter sis Härz isch immer größer worde vor Glück, je meh leeri Wifläsche als vor ihm zue gschtande sind. Z’letscht chan er’s nümme ushalte,

[25] er nimmt de Hans-Ueli und zieht en voruse vor d’Türe, s’isch no vill gsi, daß er ne nid ume Hals gnoh het. – Jez aber dusse wo’s niemer gseht, drückt er ne fescht, so fescht a sech, als er nume het chönne und chücht ihm derbi glücksälig is Ohr: “Gäll, für eso vier, fümftusig Fränkli cha me scho zweuihundert loh schpringe – das macht nüt?”
Jez wird aber de Hans-Ueli schtutzig – denn er isch no zimli nüechter gsi – und seit: “Jä los du, Schwigerältschte, wer het der gseit, daß es Tuusigi gmeint sige? S’säb Mol wo d’ mi gefrogt hesch, han i nume gseit: ‘öppe so vieri oder fünfi chönne’s scho si –’ i han aber gmeint ‘Hunderter’ – wenn du’s halt andersch ufgfaßet hesch, chan i gwüß nüt derfür.” Isch ächt die früsch Luft au no d’schuld gsi dra – dem arme Büürli isch sis Rüschli mit eim Chlapf verschwunde gsi, grad wie ewägg blose – ganz gläsig het er de Hans-Ueli agluegt, so daß de no schier Verbarme übercho hett: “Los, Ätti,” seit er, “jez wämmer no en luschtige Tag ha, mer wänd denn nochhär zelle, wie as es öppe isch.” –
Aber de het de Chopf loh hange, s’isch nüt meh azfoh gsi mit em und wo sie wider ine chöme zue de Gäschte, het eine der ander lisslig gschtüpft: was isch ächt au undereinisch i de Ma gfahre? Nume wenn er denn zuefällig so ne “treue Blik” ufgfange het, wo dem Hans-Ueli gilt, denn het er müesse dänke: Oha lätz – do isch öppis nid richtig! – –
Ganz schtill isch eis umes ander hei – bald sind nume no d’Hochsetlüüt do gsi und die sind so schtill

[26] hei, dur’s Dorf uf, wie wenn undereinisch s’Luschtigsi verbotte wär.
Mänge het sider scho d’ Nochbere gfrogt: was isch, weisch nüt – was het’s ächt do g’geh? – aber s’rächt weis halt niemer, die wo’s agoht, händ sech fein schtill.

ex:
Hanna Fröhlich (Pseudonym v. Anna Klara Hedwig Bertuch): Fideli Schwizerg’schichtli
Philipp Reclam jun. Leipzig 1922, S. 23-26

Zur Geschichte, Varietät und selbständigen Entwicklung des Schwizerdütsch siehe das Schweizerische Idiotikon (das Schweizerdeutsche Wörterbuch).
Ein Vademecum zur berndeutschen Variante findet sich unter dem Titel Es chlys Bärndütsches Wörterbüechli.