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Stray observations I

August 17th, 2011

(i) In each of the four flights the uppermost stair is noticeably off, hence stepping outside from the apartment is always a steep step downwards at first.

(ii) For one hour straight, between 4 and 5am, a car alarm went on and off on the 82nd street, again and again. From which light sleep followed, and much too early a morning. Shut off the frigging car alarm, now!

(iii) Proceeding from the lake and Central Park Driveway, while ascending towards high life at 72nd street, I notice a striking odour and think to myself: Maybe a more befitting name for Strawberry Fields would be The Weedy Patch?

(iv) How can they not know about liquid sweetener in the US? (Or at least in the organic food fueled, overtly health-conscious Upper West Side of New York?) This is the darn United States of America! The greatest nation under God, the land of opportunity! The beacon of consumer sentiment, the epitome of awesomeness? But no artificial sweetener in liquid form available, anywhere.

(v) And no, syrup doesn’t cut it.

(vi) There is something wrong about nightfall taking place at 8pm in New York City in mid-August.

Hazy shades, West End Ave (Apthorp bldg.)

Hazy shades, West End Ave (Apthorp bldg.)

(vii) At dark, cicadas, katydids or crickets welcome the night just before my window, on the sill, with an unairy (eerie / eyrie) song.

Bis zum Hals

January 12th, 2011

Wassersnoth / Liebesklage1

Zu Koblenz auf der Brücken / da lag ein tiefer Schnee.
Der Schnee, der ist verschmolzen, / das Wasser fließt zum See.

Es fließt in Liebchens Garten, / da wohnet niemand drein.
Ich kann da lange warten; / es stehn zwei Bäumelein.

Koblenz, Hochwasser 01/2011

Koblenz, Kaiserin-Augusta-Promenaden: Hochwasser 01/2011

Die sehen mit den Kronen / noch aus dem Wasser grün.
Mein Liebchen muß drin wohnen, / ich kann nicht zu ihr hin.

Koblenz Hochwasser 01/2011

Koblenz, Deutsches Eck: Hochwasser 01/2011

Wenn Gott mich freundlich grüßet / aus blauer Luft und Thal,
aus diesem Flusse grüßet / mein Liebchen allzumal.

Sie geht nicht auf der Brücken, / da gehn viel schöne Fraun.
Sie tun mich viel anblicken, / ich mag die nicht anschaun.

(Sagen und Lieder ut ôler Welt, gesammelt v. Wilhelm Busch,
hrsg. v. seinem Neffen Otto Nöldeke. Lothar Joachim: Leipzig 1922, S. 95)

1: Dies Lied, eine deutsche Volksweise, wird in Arnims / Brentanos “Des Knaben Wunderhorn” unter dem Titel “Wassersnoth” geführt. In der Sammlung Buschs ist es unter dem Titel “Liebesklage” verzeichnet, ohne daß Aufschluß gegeben wird für das abweichende Lemma und die Textvarianten.

Harlem: SOB(s)

September 15th, 2010

We [..] turn with relief to an institution clothed from the outset with convenience and dignity. The outer door, in bronze and glass, is placed centrally in a symmetrical facade. Polished shoes glide quietly over shining rubber to the glittering and silent elevator…

163 W 125th St (Martin Luther King, Jr. Boulevard), Harlem

163 W 125th St (Martin Luther King, Jr. Boulevard), Harlem

… und verlassen die windige Plaza vor dem Adam Clayton Powell Jr. State Office Building mit ihren fliegenden Händlern, die selbstgebrannte CDrs und DJ-Mixe verkaufen mit R&B-, Soul- und Funk-Musik oder heftig gepanschte ätherische Öle, Parfüme, Duftkerzen und Räucherstäbchen feilbieten oder farbenfrohe Beimengungen einer augenfällig vor- und ausgestellten afrikanischen Diaspora, Kaftans, Schmucksteine, eingelegte Früchte und allerlei Tand und Tinneff, danebst allgegenwärtige Glaubens- und Verehrungsartikel mit den Portraits Malcom X und Martin Luther Kings, Schriften der Nation of Islam und Frederick Douglass’ und Kassetten mit den panafrikanischen Thesen und Reden Marcus Garveys; wir passieren Rastafari mit seligem Lächeln und flinken Augen in dem ihnen eigenen Grasdunst und Iyaric und Geschäftsmänner in feinem Tuch, sekundiert von Pochette oder Ascot, die an ihrem Bluetooth-Headset nesteln oder den Manschettenknöpfen, lauschen Buspassagieren an der Haltestelle in stummen Gesprächen, mit gedämpfter Stimme, müdem Blick, die klebrige Burger mampfen oder zerfahren durch die Tageszeitung blättern, derweil über uns schattig und hoch wie ein unwirklicher Gigant im Abendlicht die in Stahltrosse, Blendglas und Béton brut gegossene Stadtverwaltung thront und architektonisch ihren Herrschaftsanspruch manifestiert und administrativen Zugriff auf die Pieds noirs Harlems…

Heureux de voir les ministres en lutte constante avec quatre cents petits esprits, avec dix ou douze têtes ambitieuses et de mauvaise foi, les Bureaux se hâtèrent de se rendre indispensables en se substituant à l’action vivante par l’action écrite, et ils créèrent une puissance d’inertie.

x = (2*k^m+l) / n

La bureaucratie, pouvoir gigantesque mis en mouvement par des nains, est née ainsi.
(Honoré de Balzac: Les Employés)

Downtown: Orient

September 13th, 2010

Will in Bädern und in Schenken, / Heil’ger Hafis, dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet, / Schüttelnd Ambralocken düftet.
Ja, des Dichters Liebesflüstern / Mache selbst die Huris lüstern.

Madison St, Chinatown

Madison St, Chinatown

Am südöstlichen Ende Manhattans sind Orient und Okzident nicht mehr zu trennen und geben dem Besucher Einblick ins geschäftige Treiben Chinatowns mit seinen offenen Fleisch- und Fischmärkten, Schmuckwarenhändlern und Elektronikramschläden. Mit Little India in Jackson Heights, entlang der Roosevelt Avenue um die 74. Straße, und Koreatown am Northern Boulevard in Flushing, beides in Queens gelegen, sind auch andere Stadtteile südostasiatischer Prägung - schwanger mit den intensiven Aromen und schweren Düften, Muskat, Ingwer, Gelbwurz, Tamarind, der Küche eines ganzen Subkontinents, wo die Passanten umworben werden mit Saris, Sternendeutern und Spas, flankiert von islamischen Glaubenszentren und koreanischen Baptisten, übertönt von heulenden Motoren tiefgelegter Cabrios hispanischer Provenienz und Mara-Hip-Hop, die von Rhythmus und Monotonie, Kriminalität und Machismo künden, in einem Singsang von bengalischen und dravidischen Stimmen eingefaßt, wo Tamil, Hindi, Sanskrit und Urdu Laut annehmen und wieder eingehen ins babylonische Sprachgewirr, wo pakistanische Topis und Punjabi-Kurtas wechseln und Sikhs ihre Bärte zwirbeln auf der Straße und ihre Turbane tragen voller Stolz und Bescheidenheit in eins. In Chinatown hingegen bestimmen Mandarin und Hànrén das Straßenbild, und eine jede Flucht sammelt und strukturiert sich entlang eines Wirtschaftszweiges: Mulberry St an der Ostflanke des Columbus Parks versammelt Bestattungsunternehmen, Kapellen und Floristen in sich, Madison St im Süden hingegen reiht Schönheitssalon an Schönheitssalon, zwischen denen hie und da ein Spa aufblitzt und dort eine Body- oder Rub-Massage Erholung verspricht. Wohin die Kellereingänge dunkel führen? Verschmitzte Dirnen, vielleicht, oder auch ein Sweatshop, Geldverleiher oder eine Manufaktur chinesischer Arznei. Selten findet sich ein Hinweis inmitten dieser mystischen Zungen, und die Worte geh’n vorüber.

Locken, haltet mich gefangen / In dem Kreise des Gesichts!
(Goethe: West-östlicher Diwan)

8th Ave, bet 54 & 55 Str

September 8th, 2010

Wolauff / lasst vns Ziegel streichen vnd brennen
Vnd [sie] namen ziegel zu stein / vnd thon zu kalck / vnd sprachen
Wolauff / Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen / des spitze bis an den Himel reiche.
(1. Mose 11, 3-4)

Die neue Stadt, an neuer Statt

Die neue Stadt, an neuer Statt

Alt und Neu bestehen in dieser Stadt nebeneinander, Gestriges und Künftiges, Destitut und Mangel, ein goldenes Kalb, und halten die Erzählung eines Ortes vor, der im beständigen Wandel einzig sich selbst unterworfen bleibt in schöpferischer Zerstörung, in Wiedererweckung gleichwohl und nimmerwachem Taumel das Versprechen an das Morgen Tag auf Tag neu beschwört.

mmix.xxv

January 6th, 2010

Titus Arnu (Hrsg.): Übelsetzungen - Sprachpannen aus aller Welt
Langenscheidt, Berlin / München et al. 2007
3. Auflage 2008

beg, bee: 27.12.2009, 28.12.2009

Wohl kaum ein Buch zu nennen, ergeht sich dies unverkennbar deutsche Printprodukt, ohne jeglichen Hintersinn, in Schadenfreude und Häme und läßt so neben wohlfeilem Feixen für Sprachwitz oder humorvolle Sprachkritik keinen Raum. Montiert und redigiert qua wahllosem Cut & Paste und beliebiger Bebilderung, entpuppt es sich so in für einen Verlag wie Langenscheidt beschämender Weise als billige Fließbandware, welche die Leser mit eigenen Schnappschüssen und Fundstücken zu ergänzen aufgefordert sind im als Anschreiben verfaßten Kolophon. דרעק: Drek auf dem teller.

128 Seiten, Broschur
dt.-sprachig
Bildband, Sprachkritik, Deutschland

mmix.xviii

June 26th, 2009

N.N.: Die Geschichte des Königs Apollonius von Tyrus
Ein antiker Liebesroman nach dem Text der Gesta Romanorum
Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1987

beg, bee: 26.06.2009, 26.06.2009

Rasant wirbelt dieser hellenistische Roman durch das Geschick des Apollonius, König von Tyrus, und der Seinen, quer durch das östliche Mittelmeer und Nordafrika, und dekliniert im Parforceritt die Leidenschaften und Laster antiker Fürsten und ruchloser Kuppler, ehrbarer Dienstleute und Bürger durch. Mit einem Paukenschlag, dem frevelhaften Inzestverhältnis des Antiochus zu seiner Tochter1, eröffnet die Geschichte, und Apollonius, auf Brautschau in Antiochia, trifft so der Bannfluch des Königs: Sturm, Untergang und Verderben, bis nach vielerlei Irrungen und Wirrungen “zeitliches Trübsal sich schließlich in ewige Freude verwandelt”.

Dabei ist, für den heutigen Leser ungewohnt, diese spätantike Odyssee ungemein mit Pathos aufgeladen, wenn z.B. die Tochter des Altistrates (Archistrates) in fiebriger Verliebtheit dem schiffbrüchigen Apollonius anheimfällt und sich, in einer plenitudine amoris, nach ihm verzehrt:

“Interposito brevi temporis spatio, cum non posset puella ulla ratione vulnus amoris tolerare, in multa infirmitate membra prostravit fluxa, et coepit iacere imbecillis in toro. Rex ut vidit filiam suam subitaneam valitudinem incurrisse, sollicitus adhibet medicos, qui temptantes venas tangunt singulas corporis partes, nec omnino inveniunt aegritudinis causas.” (Cap. XVIII)

In der Übertragung Ilse und Johannes Schneiders:

“Danach wurde das Mädchen vor heißer Liebe zu dem Jüngling ganz krank. Wie nun der König sah, daß es seiner Tochter gar nicht gut ging, ließ er rasch die Ärzte holen. Diese befühlten ihre Adern und ihre einzelnen Körperteile, konnten aber keine Krankheit feststellen.” (S. 30, bemerkenswert hier als bekanntes Motiv die kursorische Einordnung, Prüfung und Zurückweisung der Liebessymptomatik als Erkrankung)

Der nüchterne Tonfall der deutschen Fassung, die das “volkstümlich erzählende Latein” der Gesta Romanorum “widerzuspiegeln [...] sich bemüht”, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, kontrastiert zuweilen stark mit den emotionalen Auf- und Abschwüngen der Protagonisten, die, noch im Gepräge der mythischen Tradition, wenn auch schon in bürgerlicher Erscheinung, typenhaft, holzschnittartig anmuten2; er dient aber, ohne sprachlichen Prunk, der Übertragung als modernem, belletristischem Pendant im Sinne mittelalterlicher Unterhaltungsliteratur. Und um dieselbe handelt es sich ja bei den Gesta Romanorum.

“‘Meister Apollonius, bist du nicht betrübt darüber, daß ich einem anderen verheiratet werden soll?’ Doch dieser erwiderte: ‘Nein, denn alles, was dir Ehre bringt, wird auch mein Glück sein.’ Darauf sprach das Mädchen: ‘Meister, wenn du mich liebtest, wärest du darüber betrübt.’” (S. 32)

Im Original:

“‘Magister Apolloni, ita tibi non dolet, quod ego nubam?’ Apollonius dixit: ‘Immo gratulor, quod habundantia horum studiorum docta et a me patefacta, deo volente et cui animus tuus desiderat, nubas.’ Cui puella ait: ‘Magister, si amares, utique doleres tuam doctrinam.’” (Cap. XX)

Die literaturwissenschaftlich motivierte Rekonstruktion der Genese des Apollonius-Textes im Anhang erläutert seine eminente Bedeutung für das europäische Mittelalter und die frühe Neuzeit; über die Renaissance hinaus bis zu Shakespeares Perikles (1607) war die Historia Apollonii so etwas wie “ein Stück Weltliteratur” und der Stoff, vielfach adaptiert und variiert, ungewöhnlich weit verbreitet als Teil europäischer Volksbücher. Dabei erfuhr die Geschichte, von ihrer mutmaßlichen Entstehung als spätantik-griechischer Text des ausklingenden 3. Jhs. bis zur Aufnahme in die Gesta Ende des 13. Jhs., einen enormen Wandel und amalgierte zusehends heidnische und christliche Topoi.

Diese eigentümliche Verbindung, die himmlische Prophetie und Engelsvision mit dem Dianatempel von Ephesos zusammenführt, die Fülle archaischer Motive: Rache, Lust, Inzest, und christliches Heilsversprechen, das schriftstellerische Ungestüm, das einen dramatischen Bogen spannt von lukullischen Hofszenen zu moralischer Einsicht zu Piraterie, Raub und Hurerei, all dies kann auch den heutigen Leser noch ansprechend unterhalten. Die vorliegende Prosafassung macht neugierig auf weitere Bearbeitungen des Stoffes.

1: Historisch inspiriert ist diese Begebenheit vielleicht durch den geschichtlichen Antiochos I., dessen Vater Seleukos I. ihm, seinem Sohn, die Stiefmutter Stratonike zur Frau gab. Ihre expositionelle Funktion im Ausgangspunkt der Handlung wird ergänzt durch das wiederholte Aufgreifen des Vater-Tochter-Motivs und den Kontrast der “natürlichen Vaterliebe” des Apollonii, Altistrati und auch Athenagorou (Gen., Athenagoras) zur “unnatürlichen Begehr” des Antiochi.
2: Apropos Holzschnitt: Der Band ist illustriert mit einer Vielzahl Radierungen Harry Jürgens’, welche orientalische und mittelalterliche Szenerien allegorisch und figürlich vorzüglich aufgreifen und, obschon im Tiefdruckverfahren verfertigt, Holzstichen augenscheinlich gleichen.

110 Seiten, Taschenbuch
dt.-sprachig (Ü: Ilse und Johannes Schneider)
Roman, Literatur, Antike, Hellenismus

mmix.xiii

April 22nd, 2009

Claude Anet: Im Banne Asiens
C. Weller & Co., Leipzig / Wien 1927

beg, bee: 15.04.2009, 16.04.2009

weniger eine Reiseschilderung denn schwärmerische Erotica

224 Seiten, Festeinband
dt.-sprachig (Ü: Georg Schwarz)
Roman, Literatur, Fin de siècle, Frankreich

mmix.v

March 8th, 2009

Rainer Stephan: Gebrauchsanweisung für das Elsaß
Piper Verlag, München 2004
2. Auflage 2007

beg, bee: 05.03.2009, 08.03.2009

Elsaß-Lothringen, das ist ein Fokalpunkt europäischer Geschichte, deutsch-französischer Erbfeindschaft und Nachkriegsfreundschaft, das Elsaß eine Region, die die Kultur des Savoir-vivre mit deutscher Gemütlich- und Bodenständigkeit fruchtbar amalgamiert, ein “Dreyeckland” zwischen Basel, Freiburg und Straßburg, das seine Eigenständigkeit gegenüber dem nachbarschaftlichen Übergewicht der “Schwoben” einerseits und Pariser Zentralismus andererseits behauptet und gewahrt hat. Pfleglich gehegte Provinzialität erwies sich als Keimzelle, gelebte Interkulturalität (stets zwischen allen Stühlen) als Ausdruck wenn nicht ausgesprochen pro-, so doch paneuropäischer Gesinnung, ein Regionalismus mit unverwechselbaren Zügen charmanter Renitenz.

Rainer Stephans über weite Strecken vergnüglich abgefaßte Gebrauchsanweisung, erschienen in Pipers reizvoller Reihe literarischer Regionalportraits abseits von Reiseführern und Urlaubsplanern, eröffnet dem Leser ein humorvolles Elsaßpanorama mit kulinarischen Reflexionen über saures choucroûte royal (das in Ungarn besser schmeckt) und erklecklicher Sommelier- und Gourmetkunde (wie ein bunter Hund scheint er bekannt mit allerorten Dreisterneköchen): so firmiert der Pinot Gris im Elsässischen unter “Grauclevner” (und wurde als Tokai d’Alsace vor dreihundert Jahren aus Ungarn importiert), mit einer Entourage seitab touristischer Routen und Urlaubsnepp und erquicklichen Einsichten in das schwierige Verhältnis des Elsässers zum Deutschen. Darin spart er nicht mit Sticheleien gegen Anrainer beiderseits des Rheins.

Matthias Grünewalds “Isenheimer Altar”, der Pfifferdaj, der alljährlich in Ribeauvillé an die Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit der deutschen Grafen von Rappoltstein im damaligen Rappoltsweiler über Gaukler und fahrende Spielleute erinnert, der Sechseimerbrunnen, das Obertor und die Künstlerkolonie von Boersch - in Stephans Buch gibt es für den deutschen Leser viel zu entdecken über das Elsaß, wie z.B. die von Adalbert von Chamisso noch besungene Burg Niedeck oder ein zur Waldwirtschaft umfunktioniertes altes Forsthaus im Elmerforst und auch einen ostwärts (gen Deutschland: als Mahnung?) gerichteten Panzer in Kientzheim. Straßburg, die alte freie Reichsstadt, Präfektur (nebst Colmar) der Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin (die zusammen die in der französischen politischen Terminologie ausgesparte Region Elsaß bilden), behandelt der Autor facettenreich und erschöpfend - und doch wird der Leser angehalten, weiter nachzuforschen.

Der Zusammenhang zwischen Straßburgs malerischem, von der Vaubanwehr eingefaßten Gerberviertel Petite France und der Syphilis, beispielsweise, findet sich nicht im Buch. Dazu schwingt im Autoren vielleicht zuviel Lokalpatriotismus mit. Die Sprache Stephans ist kurzweilig, die Kapitelübergänge beredt, und auch wenn ein großer Erzählbogen ausbleibt, sind die Exkursionen, Hakenschläge und Detours in diesem anregenden Kultur- und Historienreigen lehrreich und bildhaft, ohne das Gris en gris des modernen Elsaß und seiner Vorstädte in Mulhouse (Mühlhausen), Straßburg und Schlettstadt (Sélestat) - und damit Frankreichs - zu verschweigen. “[D]ie altmodische Kunst des Bücherlesens läßt einen auch heute noch persönliche Abenteuer erleben, die andere nur aus dem Kino kennen” (S. 107), so resümiert Stephan die phantastische Begebenheit um Stanislas Gosse, dem Arsène Lupin d’Alsace, und er läßt den Leser teilhaben an filmreifer, bibliophil motivierter Kleptomanie, wie sie vielleicht nur noch im Elsaß zu finden ist.

191 Seiten, Broschur
dt.-sprachig
Reiseliteratur, Region Alsace-Lorraine, Frankreich

Moira

October 20th, 2008

Am Tag da wir Irland verließen
regnete es
daß selbst die Flaggen Trauer trugen
und die Bäume die Wipfel
wolkenumschleiert niederbeugten.

Ich sah auf dem Weg stadtauswärts
Maria die ihren
Schal um Kopf und Schultern gelegt
Gottes Weg pries oder auch nur
die frühe morgendliche Luft genoß. -

Sein Wirken liegt darin.

An Bord
in Tweed die klassische Schönheit
ebenmäßige Züge umlockt
von brünettem Wellengang.
Aus ihren dunklen Augen strahlt
Trauer und Stolz.

(Go hAerfort Bhaile Átha Cliath, ar an mBus, 25 Lúnasa 2006.)

[Fassung 2b. Revidiert am 22.10.2008.]